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Sie gehören seit Jahrhunderten zu Deutschland. Und sind doch Ziel von Ausgrenzung und Diskriminierung: die Volksgruppe der Sinti und Roma.

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Klischees, Vorurteile und Diskriminierung - das sind leider immer noch die häufigsten Reaktionen, auf die Menschen treffen, die kulturell zu Sinti und Roma gehören. Und das, obwohl sie schon seit über 600 Jahren ein Teil von Deutschland sind. Oft ist Unwissen der Grund für Vorurteile und Ausgrenzung. Betroffene können lange davon berichten, wie auch die ehemalige Deutsche Weinkönigin Angelina Kappler:

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"Manche Leute haben mich schon gefragt, ob ich in einem Wohnwagen leben würde. Die haben immer noch im Kopf, wir wären nicht sesshaft, würden irgendwie durch die Welt reisen, was natürlich absolut nicht mehr so ist. Wir leben in ganz normalen Häusern."

Jacques Delfeld aus Bellheim in der Pfalz ist Bürgerrechtler und Vorsitzender des Landesverbands Deutscher Sinti und Roma in Rheinland-Pfalz. (Foto: SWR)
Jacques Delfeld aus Bellheim in der Pfalz ist Bürgerrechtler und Vorsitzender des Landesverbands Deutscher Sinti und Roma in Rheinland-Pfalz.

"Alte Klischees, Vorurteile, hängt die Wäsche ab, die Zigeuner kommen. Das kennt man. Das sind immer noch Begriffe, die präsent sind."

Die Volksgruppen stammen ursprünglich aus Nordwest-Indien

Angelina Kappler aus Weinsheim an der Nahe und Jacques Delfeld aus Bellheim in der Pfalz sind nur zwei von vielen Sinti und Roma im Land. Schätzungsweise gehören zwischen 8.000 und 10.000 Rheinland-Pfälzer der ethnischen Minderheit an. Die Dunkelziffer ist hoch, denn viele trauen sich nicht, darüber öffentlich zu sprechen.

Sinti und Roma stammen von Volksgruppen ab, die vor 900 Jahren von Nordwest-Indien nach Europa gekommen ist. Der Grund: Kriege und Verfolgung. Was sie vereint, ist die gemeinsame Sprache Romanes.

Viele von Diskriminierung und Ausgrenzung betroffen

Angelina Kappler ist über ihre Mutter mit der Sinti-Kultur verbunden. Sie sind Nachfahren der Winterstein-Familie. Doch gerade in der Kindheit und Jugend hatte Angelina Kappler damit zu kämpfen.

"Da hat irgendjemand rausgefunden, dass meine Mama eben Sinti ist und das war wirklich schwierig. Weil manche Eltern sogar ihren Kindern gesagt haben, dass sie nicht mit mir spielen sollen. Aber auch die Kinder selbst haben das genutzt, um mich zum Außenseiter zu machen, mich zu beleidigen. Ich wurde teilweise auch geschlagen, also das war wirklich ziemlich schlimm für mich. Mein Selbstbewusstsein hat sehr darunter gelitten."

Jacques Delfeld weiß, das ist kein Einzelfall. Im Landesverband Deutscher Sinti und Roma Rheinland-Pfalz versucht man von Diskriminierung Betroffene so gut es geht zu unterstützen.

"Wir kriegen tagtäglich Anrufe und Anliegen, die an uns herangetragen werden, in denen immer wieder deutlich klar wird, dass bei allen Lebenssituationen, also Bewerbungen auf Wohnraum, Bildung und so weiter nach wie vor, wenn es bekannt wird, wenn sich Menschen outen und sie sagen, sie sind Sinti und Roma, sie dadurch massive Nachteile erleben müssen."

Die Ablehnung gegen Sinti und Roma ist tief verwurzelt. Als Sinti und Roma nach Europa kamen, wurden viele als Sklaven gehalten. Sie hatten kein Recht sesshaft zu werden und durften als Vogelfreie ungestraft getötet werden.

Im zweiten Weltkrieg ermordet das NS-Regime eine halbe Million Sinti und Roma. Der Holocaust an ihnen wird erst 1982 offiziell anerkannt.

Angelina Kapplers Opa gehört zu einem der wenigen, der das KZ überlebt. Ihn missbrauchen die Nazis für Menschen-Experimente.

Die Nazizeit ist ein Grund, warum Sinti und Roma diskriminierende Bezeichnungen ablehnen. Unter dem Begriff Zigeuner wurden 500.000 Sinti und Roma in die Konzentrationslager geführt. Die Erklärungen im Duden zu Zigeunern, die noch vor zehn Jahren mit Banden, Schmugglern und Wohnungslosen geführt worden sind, macht es zur Selbstverständlichkeit ist, dass Sinti und Roma nicht weiter so genannt werden.

Musik ist wichtiger Teil der Kultur

In der Musik sind Sinti und Roma schon lange etabliert. Zur kulturellen Entwicklung Europas haben sie viel beigetragen. Der Sinti-Jazz wurde durch Künstler wie Django Reinhardt europaweit populär.

Auch Angelina Kapplers Opa Betzi Winterstein war ein bekannter Sinti-Musiker. Für sie spielt Musik eine wichtige Rolle, ist ein Teil ihrer Familienkultur.

Man darf nicht vergessen, dass Musiker vielleicht die einzigen Menschen ihrer Volksgruppe sind, die einen Vorteil haben, Sinti und Roma zu sein. Ihnen wird applaudiert. Bis nach den Veranstaltungen. Dann sind dieselben Leute genauso von Diskriminierung und Rassismus betroffen, wie jeder andere auch.

Fazit

Leben Erfolgreiche Sinti und Roma – Was es braucht, um stark zu sein

Drei Geschichten für den eigenen Weg: Sinti Gianni Jovanovic tritt nun offen homosexuell als Comedian auf. Romeo Franz, lange Musiker, ist seit 2018 EU-Abgeordneter. Andren Bejta zeigt Jugendlichen, wie sie die Vorurteile hinter sich lassen.  mehr...

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