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Sie sind zu schwach, die kommenden kalten Monate zu überstehen: Kleine Igel, kaum 100 Gramm schwer. Weit über fünfzig hat das Mainzer Tierheim im Jahr 2020 in Obhut genommen. Viele Tiere haben nicht überlebt, was ein absoluter Negativrekord ist.

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Igel-Jungtiere nicht für den Winter gewappnet

Der Grund für diese hohen Zahlen ist vor allem im Klimawandel zu suchen: Durch die milden Temperaturen haben viele Igelmütter im September noch einen zweiten Wurf bekommen. Diese Igelkinder sind jetzt aber noch viel zu leicht, um den Winterschlaf ohne menschliche Zuwendung zu überleben. Normalerweise sollten Igel im Herbst, also vor der kalten Jahreszeit, ein Gewicht von etwa 500 bis 600 Gramm haben: Reserven, die die Tiere für den zehrenden Winterschlaf brauchen, denn in dieser Zeit verlieren sie bis zu 30 Prozent ihres Körpergewichts.

Deshalb macht der Klimawandel auch den Igeln zu schaffen

Auch die langanhaltende Trockenheit 2020 hat den Igeln zugesetzt und sorgt für viele Waisen. Bereits im Juni 2020 wurden die ersten Igelkinder abgegeben: zu wenig Wasser, zu wenige Regenwürmer und ausgetrocknete Böden, in denen sich kaum nach Würmern oder Käfern graben ließ. Vor allem Igel-Mütter und ihr Nachwuchs wurden teils ausgezehrt und halb verdurstet gebracht.

Kleiner Igel wird gewogen, sitzt auf einer Waage, wiegt nur 94 Gramm. (Foto: SWR)
Wer im Herbst nicht genug auf die Waage bringt, hat im Winter schlechte Karten.

Zudem locken warme Tage im Oktober viele Igel-Jungtiere zu ihrer ersten Wanderung. Sie laufen dann orientierungslos durch die Gegend. Autofahrer sollten deshalb besonders viel Rücksicht nehmen. Und Radfahrer, die Igel an einer Straße beobachten, sollten sie vorsichtig mit einem Handschuh aufnehmen und ins Gebüsch setzen.

Darum ist ein Igel kein Haustier

Naturschützer raten davon ab, Igel zu schnell ins Haus zu nehmen: Man sollte erst 24 Stunden abwarten, um zu sehen, ob das Tier wirklich allein ist oder ob die Mutter doch wieder zurückkommt.

Jedoch: Wer tagsüber einen Igel sichtet, kann mit großer Wahrscheinlichkeit von dessen Hilfsbedürftigkeit ausgehen. Denn: Igel sind nachts aktiv und scheuen den Menschen. Ein Tier, das sich tagsüber ans Licht wagt und sich "finden" lässt, hat häufig Probleme:

Igel einzufangen ist nur dann sinnvoll, wenn das Tier wirklich hilfsbedürftig, sehr mager oder krank ist. Unterernährte Tiere erkennt man an einer Einbuchtung hinter dem Kopf, der sogenannten Hungerlinie. Wenn das Tier offenkundig verletzt ist und bereits Minusgrade herrschen, sollte man sich darum kümmern. Anzeichen für eine Krankheit sind zum Beispiel schwankendes Laufen, Liegen auf der Seite, apathisches Verhalten oder rasselndes Atmen.

Da viele Tiere mit Flöhen oder anderen Parasiten besetzt sind, sollte man sie nicht mit bloßen Händen, sondern mit dicken Handschuhen anfassen.

Hier finden Sie fachkundige Hilfe

Wer einen schwachen Igel findet, sollte sich unbedingt mit Tierheimen, Wildtierstationen und anderen Hilfseinrichtungen wie beispielsweise "Igel in Not" in Verbindung zu setzen, die sich mit Igeln auskennen. Man kann auch bei einem Tierarzt nachfragen, aber dieser sollte Erfahrungen mit Igeln haben. Am besten gibt man den Igel bei einer der Igel-Pflegestellen ab oder lässt sich hier über das artgerechte Aufpeppeln beraten.

Viele Informationen rund um Igel bietet auch der Verein Pro Igel und bietet auch eine Karte, auf der man Igelstationen in ganz Deutschland finden kann. 

So werden Igel artgerecht aufgepeppelt

Igel, die noch zu schwach für den Winterschlaf sind, hält man im Haus am besten bei Zimmertemperatur von rund 20 Grad. Man kann sie in einem ausbruchssicheren, mit Zeitungspapier und einem alten Handtuch ausgelegten Umzugskarton gut unterbringen.

Trotzdem spüren die Tiere häufig, dass die Temperaturen draußen sinken und haben dann längere Schlafphasen. Vor dem eigentlichen Winterschlaf müssen Igel allerdings noch an Gewicht zunehmen. Bei der Igelpflege geht es aber nicht nur ums Füttern, sondern vor allem um artgerechte Haltung sowie die Versorgung mit Medikamenten. Häufig haben die Tiere Parasiten oder Verletzungen, die medizinisch behandelt werden müssen.

Ist der Igel wieder gesund, sollte er unbedingt in die Natur ausgewildert werden – am besten am Fundort. Denn: Igel sind zwar niedlich, aber sie sind keine Haus-, sondern Wildtiere.

Igelhaus wird im Garten aufgestellt, an geschützter Stelle unter Gebüch und Laub (Foto: SWR)
Ein Igelhaus wird im Garten aufgestellt, am besten geschützt im Gebüsch und unter Laub.

Dies essen Igel besonders gerne

In der Natur fressen Igel eine Menge Kleintiere, wie zum Beispiel Regenwürmer oder Spinnen, aber sie suchen auch in Fallobst nach Maden. Eine Leibspeise für Igel sind Insekten wie Käfer oder Raupen. Weil es immer weniger Insekten gibt, nimmt auch die Zahl der Igel bei uns ab.

Igel brauchen vor allem Flüssigkeit, am besten frisches Wasser, wie es in der Natur auch vorkommt. Da Igel reine Fleischfresser sind, eignet sich zum Füttern normales Katzen- oder Hundefeuchtfutter. Versetzt mit einem Esslöffel Weizenkleie oder Haferflocken kann es besser aufgenommen werden. Gezüchtete Futterinsekten oder Rühr- oder Spiegeleier sind für Igel ein Leckerbissen. Auch gekochtes Kalbs- und Hühnerfleisch oder durchgegartes Hackfleisch eignen sich. Schnecken fressen sie ebenso wie Obst.

Nur in Notsituationen essen Igel Getreide oder Nüsse. Igel-Trockenfutter sollte nur in geringen Mengen unter das weitere Futter gemischt werden. Milch und Milchprodukte dürfen Igel nicht zu sich nehmen, denn sie bekommen Durchfall und können sogar sterben, da sie keine Lactose verarbeiten können. Auch Essensreste, gesüßt und gewürzt, gehören nicht in den Futternapf. Genauso wenig Bananen und Äpfel.

Nahrungsmangel ist ein wichtiger Auslöser für den Winterschlaf. Deshalb sollte man das Zufüttern einstellen, sobald es friert und schneit, sonst hält man die Igel künstlich wach und sie suchen sich kein Winterquartier. Der Winterschlaf dauert bis zum Frühjahr, da Igel durch die Kälte nicht an genügend Nahrung gelangen.

Diese Gärten helfen Igeln zu überleben

Igel brauchen naturnahe Gärten. Penibel gepflegte Gärten ohne Gestrüpp oder unaufgeräumte Ecken machen ihnen das Leben schwer. Sie leiden unter dem Trend zu verarmten Gärten mit aufgeschütteten Steinen und versiegelten Böden. Dort können Igel kein Futter finden und haben auch keine Möglichkeit, sich ein Nest zu bauen.

Wer Igeln einen Unterschlupf bieten möchte, sollte zumindest einen Teil des Gartens naturnah belassen und auf Mineraldünger und chemische Bekämpfungsmittel im Garten verzichten: Erdmulden, Hecken, Wurzelwerk, Reisig- und Laubhaufen und Trockenmauern bieten den Tieren guten Schutz, auch gegen Kälte. Totholz sollte man liegenlassen, um Igeln Insekten als Nahrungsgrundlage zu bieten.

Man kann auch Igelhäuschen bauen: am besten in ganztägigem Schatten auf unversiegeltem Boden aufstellen – ruhig, trocken und geschützt. Das Häuschen kleidet man mit trockenem Laub und Moos aus. 

Allerdings sollte man nie mit Motorsensen oder Freischneidern unter Büschen, Sträuchern, Kompost, Hecken oder Laubhaufen mähen und keine Laubsauger einsetzen – es könnte sich ein Igelheim darunter befinden.

Mähroboter beim Befahren und Mähen einer Rasenfläche (Foto: SWR)
Keine Freunde der Igel: selbstfahrende Rasenmäher.

Auch Mähroboter, die bei Gartenbesitzern immer beliebter werden, können Igeln schwere Verletzungen zufügen oder sie sogar töten. Außerdem sollten Gartenbesitzer Kellerschächte und Treppen absichern, damit Igel nicht hinunterfallen.

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