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Einfache Wahrheiten, Vorurteile, Parolen: Am Stammtisch werden sie gerne verbreitet. Nicht unbedingt argumentativ stark, aber umso lautstärker.

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Jeder kennt es – plötzlich schwingt jemand im Bekanntenkreis oder auf Familienfeiern Stammtischparolen. Und keiner sagt was. Obwohl nicht alle mit den vereinfachenden und oft fremdenfeindlichen Aussagen einverstanden sind. Doch es will keiner Streit oder sich unbeliebt machen.

In Corona-Zeiten kommt neues Konfliktpotential hinzu: Erstaunlich viele Menschen teilen plötzlich Verschwörungstheorien auf Facebook oder anderen sozialen Plattformen, leugnen gar die Existenz des Virus oder wittern weltweite Verschwörungen hinter der Pandemie.

Das sind die Kennzeichen von Stammtischparolen

Stammtischparolen sind oft plakativ, eindimensional, verallgemeinernd, irrational und emotional. Solche ausgrenzenden und diskriminierenden sowie schlagwortartig vorgebrachten Äußerungen betreffen oft folgende Bereiche:

  • Rassismus und Fremdenfeindlichkeit,
  • Antisemitismus,
  • die Diskriminierung von Minderheiten jeglicher Art – von Behinderten über Sinti und Roma bis zu Homosexuellen und Transsexuellen
  • Sexismus, der auch generell gegen Frauen richten kann
  • Arbeitslose
  • Die Liste lässt sich unendlich fortsetzen

"Es sind pauschale Aussagen mit eingängigen Erklärungsmustern. Kurz: Viel Stimmung – wenig Fakten“, sagt Argumentationstrainer Hans-Jürgen Ladinek. In seinen Kursen, die von Volkshochschulen, kirchlichen Institutionen und der Landeszentrale für politische Bildung regelmäßig angeboten werden, können Teilnehmer lernen, wie man darauf gut reagieren kann. Denn Stammtischparolen werden oft aggressiv, emotional und lautstark vorgebracht. Viele Menschen wissen dann nicht, wie sie am besten reagieren sollen. Sie wollen sich zwar den oft abwertenden, verletzenden und ausgrenzenden Äußerungen und Vorurteilen entgegenstellen, wissen aber nicht, wie.

Strategien gegen Stammtischparolen-Schwinger

Ganz wichtig ist: Immer gelassen bleiben, auch wenn es schwer fällt. Sich nicht emotionalisieren lassen, nachfragen, im Gespräch bleiben. Immer wieder nachfragen, ob man die oder den Gegenüber richtig verstanden hat, ob dieser tatsächlich glaubt, was er sagt und Fakten für das Behauptete liefern kann - ohne dabei überheblich zu wirken.

Seminarrunde mit Argumentationstrainer Hans-Jürgen Ladinek - Stammtischparolen begegnen (Foto: SWR)
Austausch auf Augenhöhe sei ganz wichtig, sagt Argumentations-Trainer Hans-Jürgen Ladinek.

Der ehemalige Kriminalhauptkommissar Hans-Jürgen Ladinek weiß genau, wie man schwierige Situationen deeskaliert und spricht aus einer großen Mitmenschlichkeit und Erfahrung heraus. Wichtig ist nämlich auch: Das Gegenüber ernst nehmen, wertschätzend behandeln, sonst begibt man sich auf dasselbe Niveau wie der Pöbler.

Gerade Verschwörungstheoretiker handeln oft aus Ängsten heraus. Wenn das Gegenüber diese benennt, ernst nimmt und Verständnis signalisiert, ist schon viel Wind aus den Segeln genommen. Schließlich ist die Situation in der Krise tatsächlich für viele Menschen schwierig, oft sogar existentiell. Also sollte man nicht die Berechtigung für Kritik absprechen, aber diese durch Nachfragen auf einen reellen Boden zurückbringen.

Diskusion an einem Tisch - Rollenspiel zwischen Argumentationstrainer Hans-Jürgen Ladinek und seiner Tochter Sarah. (Foto: SWR)
Argumentationstrainer Hans-Jürgen Ladinek und seine Tochter Sarah: Anschauungsunterricht für die Seminarteilnehmer.

In Rollenspielen erproben Argumentationstrainer Hans-Jürgen Ladinek und seine Tochter Sarah mit den Teilnehmern ihrer Seminare, wie man sich in solchen Situationen verhält. Um beispielsweise das typische Springen von einem Thema zum anderen zu durchbrechen, sollte man im Gespräch hartnäckig einfordern, bei einer Argumentationslinie zu bleiben. Auch ist es hilfreich, sich unter den Anwesenden Verbündete zu suchen, um nicht allein auf weiter Flur gegen den oder die Sprücheklopfer*in angehen zu müssen. Also andere in das Gespräch einbinden.

"Vornehme Zurückhaltung hilft in solchen Gesprächen nicht weiter, da muss man auch selbst seine Stimme erheben."

Hans Jürgen Ladinek – Kriminalhauptkommissar a.D. aus Ludwigshafen:

Es sei wichtig, Gesprächsregeln einzufordern, zum Beispiel den anderen ausreden zu lassen und nicht ins Wort zu fallen, und auch körperlich Haltung zeigen. Zum Beispiel mal auf den Tisch hauen – das dürfte aber gerade vielen Frauen eher schwerfallen.

Hans-Jürgen Ladinek empfiehlt, dann etwas Unerwartetes zu tun, das Aufmerksamkeit fordert. Fragen stellen, bohren und nachhaken, dann geht auch den größten Phrasendreschern irgendwann die Luft aus. Denn deren Parolen sind meist nicht fundiert, sondern ein Mix aus Verdrehungen, Unwahrheiten und Mutmaßungen, meint der ehemalige Kriminalhauptkommissar aus Ludwigshafen.

Wenn nichts mehr hilft: das Gespräch gegebenenfalls verlassen

Wenn das Gegenüber dauerhaft aggressiv bleibt oder sogar droht, handgreiflich zu werden, macht es Sinn, das Gespräch zu verlassen.

Mit strammen Rechtsradikalen oder Holocaust-Leugnern empfiehlt Hans-Jürgen Ladinek nicht zu diskutieren, da deren geschlossenes Weltbild ohnehin für sachliche Argumente meist nicht mehr zugänglich ist. Beherztes Argumentieren hilft nur bei denen, die Stammtisch-Parolen aus Unsicherheit, Neid oder auch Nicht-Informiert-Sein nachplappern.

Auch den dümmsten Stammtisch-Parolen kann noch etwas entgegengesetzt werden. Sogar beim Abgang aus einem unangenehm werdenden Gespräch könne man – so Ladinek – noch eine "Duftnote" hinterlassen. Zum Beispiel, indem man sich wertschätzend über den Sprecher äußert: "Ich kenne dich ja schon lange und ich schätze dich wirklich, aber das, was du da gesagt, hast, da bin ich anderer Meinung, nämlich.....".

So richtet sich der Sprecher nicht gegen den Stammtisch-Bruder, sondern nur gegen die geäußerten Inhalte. Auch das deeskaliert.

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