"Nummer gegen Kummer" vor allem in Corona-Zeiten gefragt

Auch Jugendliche beraten bei Problemen am Telefon

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Schwierige Zeiten für die Jugend. In der Krise kommen sie oft zu kurz. Dass ihre Probleme nicht untergehen, dafür sorgt auch die Nummer gegen Kummer, ein bundesweites Netzwerk, bei dem sich Kinder und Jugendliche telefonisch Hilfe suchen können.

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"Es sind nicht die älteren Menschen, die am meisten unter Einsamkeit leiden, sondern junge Leute, insbesondere junge Frauen."

Für mehr als die Hälfte der 16- bis 25-Jährigen war der erste Lockdown im Frühjahr deutlich oder schwer psychisch belastend. Eine Studie des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf kam in einer Befragung von 1040 Jungen und Mädchen im Alter von 11 bis 17 Jahren und 1586 Eltern zu dem gleichen Befund: Jugendliche leiden seit Beginn der Pandemie deutlich öfter unter psychosomatischen Beschwerden wie Gereiztheit, Nervosität, Bauch- und Kopfschmerzen und Einschlafproblemen, so die sogenannte COPSY-Studie (Corona und Psyche).

Die "Nummer gegen Kummer" hilft Jugendlichen nicht nur in der Corona-Krise

Junge Menschen im Alter von 16 bis 25 leiden laut der Studie auch deshalb besonders unter den Kontakteinschränkungen durch Corona, weil in diesem Alter der Kontakt zu den gleichaltrigen Freunden, der sogenannten "Peer-Group", besonders wichtig ist. Und der konnte im ersten Lockdown, als auch die Schulen geschlossen blieben, fast nicht stattfinden.  Doch nicht nur in Corona-Zeiten – der Druck auf Jugendliche wächst und mit vielen Problemen fühlen sie sich allein gelassen. Helfen kann dagegen zum Beispiel Telefonberatung: Bei der "Nummer gegen Kummer" des Deutschen Kinderschutzbundes finden Kinder und Jugendliche täglich kompetente Ansprechpartner für alle Probleme.

So helfen die ehrenamtlichen Telefonberater

Sie haben vor allem ein offenes Ohr und nehmen sich Zeit, soviel wie der Anrufende braucht. Oft ist ein Anruf gleichzeitig ein Hilferuf – da weiß jemand nicht weiter. Der erste Schritt ist aber durch den Anruf getan, die ehrenamtlichen Berater hören zu, beraten und weisen Wege aus der schwierigen Situation. Wenn nötig verweisen sie an Beratungsstellen und Hilfen am Wohnort oder in der Nähe, entwickeln gemeinsam mit dem anrufenden Kind oder Jugendlichen eine Perspektive, eine Lösungsmöglichkeit. In Neuwied unterhält der Kinderschutzbund die größte Beratungsstelle in Rheinland-Pfalz. Anrufen können hier (und bundesweit) Kinder und Jugendliche jeden Wochentag von Montag bis Samstag zwischen 14 und 20 Uhr. Wochentags erwarten sie am Telefon gut in Beratung geschulte Erwachsene, samstags sogar Jugendliche.

Jugendliche beraten Jugendliche

Celine, Franziska, Ehrenamt, Jugendtelefon, Hilfe (Foto: SWR)
Celine und Franziska gehen selbst noch in die Schule und machen im Frühjahr Abitur. In ihrer Freizeit beraten sie ehrenamtlich hilfesuchende Kinder und Jugendliche.

Manchen Kindern und Jugendlichen fällt es leichter, sich Gleichaltrigen zu öffnen. Das Angebot "Jugendliche beraten Jugendliche" wird auch in Neuwied gut angenommen. 500 junge Menschen riefen hier im Jahr 2019 an, in diesem Jahr waren es coronabedingt allein bis Oktober schon 840 Anrufende, die sich von Jugendlichen beraten ließen. Die jungen, ehrenamtlichen Berater werden sorgfältig von Sozialpädagogen ausgebildet und hospitieren zunächst bei erwachsenen Mitstreitern, bevor sie sich allein an den Apparat trauen. Für Jugendliche ab 16 Jahren steht diese Ausbildung offen, Mitstreiter werden immer gesucht und können sich bei Interesse für diese Arbeit beim Kinderschutzbund melden. Oft profitieren die jungen Menschen selbst davon, denn sie lernen, wie man Lösungswege findet und aufzeigt und auch wie man mit Problemen besser umgehen kann.

Diese Probleme belasten Kinder und Jugendliche am meisten

Liebeskummer, Stress mit den Eltern und Geschwistern und Probleme mit der Schule sind die häufigsten Schwierigkeiten, wegen derer Jugendliche anrufen. Probleme in der Schule können vielfältig sein: Probleme mit dem Lernstoff, Ärger mit Lehrern oder Mitschülern, das kann Mobbing sein – wenn sich ganze Gruppen gegen einen Schüler verschwören – oder sogar Cybermobbing. Bei Cybermobbing wird das Mobbing in die digitale Welt verlegt, dabei werden Mitschüler in Chatgruppen ausgegrenzt, verleumdet und beschimpft, Bilder von der Person gepostet, im schlimmsten Fall kompromittierende, peinliche Nacktfotos. Mangelndes Selbstvertrauen bis hin zu Suizidgedanken können die Folge sein. Weniger oft, aber in der Tendenz steigend wenden sich auch junge Menschen mit Ess-Störungen, (sexuellen) Gewalterfahrungen oder Tendenzen zur Selbstverletzung an die Telefon-Berater.

Beratung nicht nur für Jugendliche – das Elterntelefon

Manchmal sind auch die Eltern bei schwerwiegenden Problemen ihrer Kinder überfordert, deshalb bietet der Kinderschutzbund auch ein Elterntelefon an. Bundesweit gab es im letzten Jahr 15.000 Beratungsgespräche mit Eltern oder anderen Angehörigen und Bezugspersonen, die sich Sorgen um nahestehende Kinder und Jugendliche machten und Hilfe suchten. 600 Betroffene nutzten 2019 allein in Neuwied das Angebot, mit Ehrenamtlichen über ihre Probleme zu sprechen. In diesem Jahr waren es schon bis Oktober 800 Anrufe beim Neuwieder Elterntelefon, offensichtlich führt das schwierige Pandemie-Jahr zu einem Anstieg der Anfragen.

So kann man Kontakt aufnehmen mit der "Nummer gegen Kummer"

Natürlich per Telefon, für Kinder und Jugendliche ist bundesweit die Nummer 116 111 geschaltet. Anrufe sind für die Anrufenden kostenfrei – ein Sponsoring der Deutschen Telekom. Über ein intelligentes System werden die Anrufer von Festnetztelefonen zu Beratungsstellen in ihrer Region weitergeleitet. Diese kennen die Anlaufstellen und Netzwerke in der Region gut und können die Betroffenen an die richtigen Adressen weiterleiten. Auch per Mail können ratsuchende Jugendliche sich an die ehrenamtlichen Berater wenden – die E-Mail-Adresse ist zu finden unter www.nummergegenkummer.de.

Der Vorteil: Dabei entsteht über einen längeren Zeitraum ein Vertrauensverhältnis zu einer Person, Lösungen können über einen längeren Zeitraum hinweg gemeinsam erarbeitet werden. Anders beim Telefon: Man kann dort zwar jederzeit anrufen, landet aber voraussichtlich nicht noch einmal beim selben Berater, denn diese arbeiten ehrenamtlich und nur zeitweise. Derzeit läuft auch als Pilot eine Chat-Beratung, die ab Januar neben dem Telefon angeboten werden soll.

Elterntelefon, Unterstützung, Hilfe (Foto: SWR)
Für Eltern, andere Verwandte und Bezugspersonen, die sich um einen Jugendlichen sorgen oder Probleme haben, gibt es auch das bundesweite Elterntelefon.

Weitere Telefonberatungs-Angebote oder Internetseiten für Kinder und Jugendliche:

Informationen und Hilfe bei Cybermobbing

Bei selbstverletzendem Verhalten: https://www.rotetraenen.de/

Bei Sucht oder (sexueller) Gewalt in der Familie: www.kidkid.de oder www.trotzdem-lichtblick.de

Für Kinder, die sich um andere Familienmitglieder kümmern: www.pausentaste.de

Für Eltern:

Für Eltern, deren Kinder sich ritzen: www.rotelinien.de

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