Sonnenuntergang über einem Stahlwerk (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Marcel Kusch)

Krisen schwächen die Wirtschaft

Was bedeutet Rezession?

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Krieg in der Ukraine, explodierende Energiekosten, Corona, unterbrochene Lieferketten. Die deutsche Wirtschaft gerät wohl in eine Rezession. Was bedeutet das für uns Verbraucher?

Lebensstandard und Wohlstand der Menschen in einem Land hängen entscheidend davon ab, wie gut die Wirtschaft läuft. Das ändert sich von Jahr zu Jahr, zuweilen auch in kürzeren Zeiträumen.

Rezession und die Frage des Lebensstandards

Werden mehr Waren und Dienstleistungen produziert, beziehungsweise steigt das im Land erzielte Einkommen - das Bruttoinlandsprodukt - dann wächst eine Volkswirtschaft. Der Lebensstandard erhöht sich. Allerdings können auf Phasen des Aufschwungs und Booms wieder schlechtere Zeiten folgen - Abschwungphasen, in denen das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wieder sinkt, und es kann zu einer Rezession oder, als Tiefpunkt, auch zu einer Depression kommen.

Auf einer Deutschlandfahne befinden sich die Scrabble-Buchstaben für das Wort Rezession. (Foto: dpa Bildfunk, picture-alliance/ dpa)
Schlittert Deutschland in eine Rezession? picture-alliance/ dpa

Eine Rezession lässt sich definieren als eine Konjunkturphase, in der das Wirtschaftswachstum stagnierende beziehungsweise negative Wachstumsraten aufweist. Eine sogenannte technische Rezession liegt dann vor, wenn die Wirtschaft mindestens zwei Quartale in Folge schrumpft, im Vergleich zum jeweiligen Vorjahresquartal. An einer solchen technischen Rezession ist Deutschland nur knapp vorbeigeschrammt: Nach einem Rückgang im letzten Quartal 2021 wuchs das BIP laut Bundesbank im ersten Vierteljahr 2022 um 0,2 Prozent.

Große Risiken für Wachstum und Wohlstand: Ukraine-Krieg und Inflation

Für das Bundeswirtschaftsministerium birgt der Krieg in der Ukraine substantielle Risiken für die deutsche Konjunktur. Noch sei es aber zu früh, um die Folgen in Zahlen ausdrücken zu können. Für das Ministerium hängen die Auswirkungen stark davon ab, wie lange der Konflikt dauert, und wie schwer er verläuft. Die beschlossenen Sanktionen träfen vor allem die russische Wirtschaft. Aber auch deutsche Unternehmen seien betroffen, wenn bestehende Handelspartner wegbrechen oder Lieferketten reißen. 

Ein weiterer Grund zur Sorge bleibe die hohe Inflation. Sie dürfte den privaten Konsum im Lauf des Jahres bremsen. Diese Risiken werfen die Frage auf, ob wir unseren Lebensstandard halten können.

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) hatte bereits von einem Wohlstandsverlust gesprochen als Folge des Ukraine-Kriegs und der höheren Energiekosten. Dabei standen die Zeichen kurz vor Kriegsbeginn noch auf Erholung. Jetzt rechnen Ökonomen, und ebenso Lindner, mit weniger Wohlstand:

"Der Krieg in der Ukraine stellt auch unser Wirtschaftsmodell in Frage."

Die Lage im Südwesten

Der Wirtschaftsaufschwung in Baden-Württemberg gerät nach Einschätzung von Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) zunehmend unter Druck. Sie wies auf eine aktuelle Prognose des Tübinger Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) hin. Demnach dürfte die Wirtschaftsleistung im laufenden Zeitraum von April bis Ende Juni im Vergleich zu den ersten drei Monaten des Jahres um 0,2 Prozent sinken.

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Wie groß ist die Gefahr einer Rezession in Deutschland und in Europa?

Selbst ohne so bedeutende Unsicherheitsfaktoren wie die Corona-Pandemie und den Krieg in der Ukraine lässt sich nur schätzen, wie sich die Wirtschaft in Zukunft entwickelt. Das versuchen Regierungen, Ökonomen und internationale Organisationen regelmäßig auf Basis verschiedener Annahmen und Rechenmodelle.

Dabei können sich die Vorhersagen stark unterscheiden. Sollten russische Gaslieferungen dauerhaft ausbleiben - da sind sich die meisten Ökonomen einig - würde das zu einer Rezession in Deutschland führen. Wie stark die ausfallen würde, da gehen die Meinungen wiederum auseinander. Eine Modellrechnung mehrerer internationaler Ökonomen steht heftig in der Kritik. Sie sagt ein Schrumpfen des deutschen BIP um drei Prozent vorher, also weniger als während der Coronapandemie, falls Deutschland kein russisches Gas mehr bekäme.

Auswirkungen eines Gas-Lieferstopps ungewiss

Eine Rezession sehen beispielsweise die sogenannten Wirtschaftsweisen dann drohen, wenn Gaslieferungen nach Deutschland ausbleiben oder aber auch, wenn sich der Krieg verschärft. Sie haben wegen des Kriegs bereits ihre Konjunkturprognose für 2022 deutlich nach unten korrigiert. Der Sachverständigenrat erwartet nur noch ein Wachstum der Wirtschaft von 1,8 Prozent.

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Auch deutsche Wirtschafts- und Bankenvertreter befürchten bei einem Gas-Lieferstopp eine Rezession. Der Präsident des Bundesverbands deutscher Banken (BdB), Deutsche Bank-Chef Christian Sewing, sagte, eine deutliche Rezession wäre dann nicht zu vermeiden. Der Verband der chemischen Industrie rechnet ebenfalls für diesen Fall mit einer schweren Rezession und einem massiven Verlust von Arbeitsplätzen.

Der deutsche Gewerkschaftsbund DGB warnt ebenfalls im Falle eines Energie-Embargos. Auch generell birgt der Ukraine-Konflikt in den Augen des DGB das Risiko einer Rezession.

"Das hängt ganz wesentlich davon ab, wie sich die Wirtschaftssanktionen gegen Russland auswirken werden und ob es in absehbarer Zeit zu einem Ende des Kriegsgeschehens kommt."

Auch die EU-Kommission prüft Szenarien für den Fall, dass russische Gaslieferungen ausgesetzt würden - entweder wegen eines Embargos oder wegen eines einseitigen russischen Lieferstopps. Bislang ist die Einschätzung der EU-Kommission, dass der Krieg in der Ukraine zu einer beträchtlichen Abschwächung des Wirtschaftswachstums führen wird, aber nicht zu einer Rezession.

Wie hart trifft eine Rezession Verbraucherinnen und Verbraucher?

Im Moment geht das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) trotz der Risiken in Folge des Ukraine-Kriegs davon aus, dass die Arbeitslosigkeit in allen Bundesländern im Laufe des Jahres zurückgehen wird.

"Trotz des Ukraine-Kriegs sind die Arbeitsmarktaussichten in Deutschland weiterhin gut."

Sollte es am Ende doch zu einer Rezession kommen, kann das Arbeitsplätze in Gefahr bringen, und damit die Einkommen vieler Menschen. Damit sinkt in der Folge auch ihre Kaufkraft als Konsumenten. Denn häufig ist eine Folge des Abschwungs, dass Unternehmen weniger produzieren und Beschäftigte entlassen, oder auch Insolvenz anmelden müssen. Dann sind mehr Menschen auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Der Staat muss Schulden machen, und er muss bei seinen Aufgaben Prioritäten setzen. Gleichzeitig wird die Regierung mit konjunkturpolitischen Maßnahmen versuchen, die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Die Bundesregierung hat Ende März ein Paket zur Entlastung von Haushalten bei den Energiepreisen beschlossen. In der Corona-Krise hat sich die Kurzarbeit als wichtiges Instrument zum Erhalt von Arbeitsplätzen erwiesen.

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Einkaufen, Tanken, Autofahren und die Sorge um den Arbeitsplatz - was können wir tun?

Den Wohlstandsverlust, den Ökonomen vorhersagen, bemerken viele Verbraucherinnen und Verbraucher schon jetzt - beim tagtäglichen Einkauf wird spürbar, dass das Geld für deutlich weniger reicht als noch vor wenigen Wochen. Verbraucherschützer sagen alleine für das Heizen mit Gas Mehrkosten von 2.000 Euro im Jahr für einen durchschnittlichen Haushalt voraus.

Beschäftigte, deren Unternehmen von einer Rezession getroffen werden, spüren die Auswirkungen mehrfach. Auf der einen Seite fällt das Einkommen wegen Kurzarbeit teilweise oder sogar ganz weg. Auf der anderen Seite müssen die laufenden Kosten weiter getragen werden, die bereits jetzt schon stark gestiegen sind und weiter steigen dürften.

Ökonomen und Politiker sehen die aktuelle Krise daher auch als eine Art Weckruf für neue Ansätze und ein schnelleres Umsteuern.

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