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Titandioxid steckt in Lebensmitteln und Kosmetik. Das Farbpigment steht im Verdacht, den Darm zu schädigen und Krebs auszulösen. Frankreich hat es bereits in Lebensmitteln verboten. Warum die EU nicht?

Was ist Titandioxid?
Wo ist Titandioxid zu finden?
Was ist das Problem mit Titandioxid?
Kommt nun die Wende?
Was macht Titandioxid im Körper?
Nicht nur der Darm ist betroffen
Die Gesetzeslage in der EU
Was wird die deutsche Lebensmittelindustrie nun tun?
Lieber ein Leben ohne Titandioxid
Tipps, wie Sie Titandioxid erkennen
Fazit

Was ist Titandioxid?

Titandioxid ist ein echter Alleskönner für die Industrie. Dabei handelt es sich um eine anorganische Verbindung, die sowohl als weißes Farbpigment, als auch als Trägerstoff für andere Farbpigmente bei einer Vielzahl unterschiedlicher Produkte Verwendung findet. Mit bis zu fünf Millionen Tonnen jährlich zählt es weltweit zu den meistproduzierten Nanopartikeln. Es ist das weißeste und hellste Farbpigment, das sich nicht nur durch seine aufhellenden Eigenschaften sowie eine hohe Leucht- und Deckkraft auszeichnet. Es hat auch reflektierende Eigenschaften und kann dadurch UV-Strahlen streuen, aber auch absorbieren.

Eine Frau cremt sich mit Sonnencreme ein. (Foto: Colourbox)
Titandioxid findet unter anderem in Sonnencreme Verwendung, da es nicht nur UV-Strahlen streuen, sondern auch absorbieren kann.

Wo ist Titandioxid zu finden?

Achten Sie mal darauf: Titandioxid ist überall zu finden, auch in Ihrem Haushalt. Auf der Verpackung oder dem Beipackzettel von Arzneimitteln ist Titandioxid meist konkret angegeben. In Lebensmitteln wird der Zusatzstoff gerne mit der Bezeichnung E171 deklariert, in Kosmetika mit CI 77891 und im Farbenbereich mit PW6 für Pigment White 6.

Eine Schüssel mit Marshmallow. (Foto: Colourbox)
Süßigkeiten wie Marshmallow enthalten oft den Farbstoff E171, hinter dem sich Titandioxid versteckt.

Was ist das Problem mit Titandioxid?

Schon lange ist Titandioxid umstritten, weil es im Verdacht steht, hormonell wirksam und sogar krebserregend zu sein. Der BUND kämpft deshalb seit Jahren dafür, dass der Stoff in Lebensmitteln nicht mehr eingesetzt wird.

"Die Lebensmittelindustrie hat genauso wie alle anderen das Interesse, ihre Produkte besonders schön darzustellen. Es dient einzig und allein dazu, die Produkte hübscher zu machen, sie leuchtender zu machen, wenn sie farbig sind oder weißer, wenn sie weiß sind. Es ist Marketing und nichts anderes. Demzufolge ist es überflüssig, vollkommen überflüssig in Lebensmitteln."

Folglich hat Titandioxid in Nahrungsmitteln letztlich keinen anderen Zweck, als sie besser aussehen zu lässt – notwendig ist er hier also nicht.

Kommt nun die Wende?

Vor wenigen Wochen hat auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) ihre Einschätzung zu Titandioxid in Lebensmitteln geändert. Sie hält die Verwendung in Lebensmitteln nicht mehr für sicher, kann nicht ausschließen, dass der Stoff erbgutschädigend ist. Besonders, wenn er als Nanopartikel eingesetzt wird. Im Lebensmittelbereich dürfe bei Titandioxid bis zu 50 Prozent der Körnchen als Nanopartikel vorliegen, während es für den Pharmabereich einen Spielraum von ein bis drei Prozent gibt. Die Nanopartikel sind dabei in etwa so groß wie Viren.

Titandioxid kann beispielsweise über äußere Anwendung wie der Hand, den Atemwegen sowie den Schleimhäuten und den Verdauungstrakt aufgenommen werden. Die Auswirkungen der Nanopartikel auf Mensch und Umwelt sind vielfach noch völlig unklar. Fest steht, "(…) [Nanopartikel] können zum Teil in Zellen eindringen. Sie können zum Teil, nachgewiesen auch die Blut-Hirn-Schranke überwinden, die Plazentaschranke. Das sind alles Probleme, die man im Hinterkopf haben muss", erklärt Rolf Buschmann, Umweltexperte beim BUND.

Was macht Titandioxid im Körper?

In der Schweiz forscht Professor Gerhard Rogler am Universitätsspital Zürich schon seit Jahrzehnten, was Titandioxid im Körper anrichten kann. Er warnt schon lange vor dem Stoff.

"Wir sehen im Elektronenmikroskop eine Deckzelle aus dem Darm. Und an der Stelle können dann diese Nanopartikel vom Titandioxid durch die Zellen durchdringen. Das sieht man an diesem Peak hier - der zeigt, dass ein Element ganz viel vorhanden ist, es ist eben Titan. Und Titan kommt sonst in den Zellen nicht vor. Mit dieser Methode kann man tatsächlich gut nachweisen, dass es durch die Zellmembran durchdringt und sich dort anhäuft."

Rogler hat schon vor vier Jahren gezeigt, dass Titandioxid bei Menschen, die an einer Darmerkrankung leiden, Entzündungen verstärkt. Das kann im schlimmsten Fall sogar zu Krebs führen.

"Im Tiermodell gibt es Hinweise darauf, dass Titandioxid krebserregend ist. Ob das beim Menschen der Fall ist, weiß man nicht, aber der Mechanismus wäre sehr plausibel, weil es führt zu Entzündungen. Entzündungen der Darmschleimhaut sind ein Risiko für die Entstehung von Darmkrebs. Das Risiko ist vorhanden, und daher muss man sagen, dies ist ein Argument, mit Vorsicht mit dieser Substanz umzugehen", sagt Professor Gerhard Rogler, Gastroenterologe am Universitätsspital Zürich. 

In einer Plastikwanne liegen viele Bälle Mozzarella. (Foto: Colourbox)
Um Mozzarella so schön strahlend weiß zu bekommen, nutzen mache Hersteller Titandioxid als unterstützung.

Nicht nur der Darm ist betroffen

Nicht nur der Verzehr von Titanium durch Lebensmittel gilt als problematisch. Wird Titandioxid eingeatmet, kann der Weißmacher gesundheitsschädlich sein, beispielsweise wenn Lacke oder Sonnencremes aufgesprüht werden oder wenn der Stoff durch Abrieb in die Luft gelangt. In solchen Fällen wird Titandioxid von der europäischen Chemikalienbehörde (ECHA) als "vermutlich krebserregend" eingestuft. Im Februar 2020 hat die EU-Kommission daraufhin Titandioxid als Gefahrenstoff mit dem Zusatz "vermutlich krebserzeugend bei Inhalation" eingestuft.

Sicherlich kann man auf Sprühlacke oder Sonnencreme-Sprays leicht verzichten. Problematisch kann allerdings das Einatmen der Kleinstpartikel durch den Straßenverkehr sein, etwa durch den Abrieb durch Reifen. Denn auch beim Straßenbau werden Titandioxid-Körnchen mittlerweile häufig in den Beton von Fahrbahndecken eingewalzt. Unter anderem auch ein Problem am Stuttgarter Neckartor, wo Titandioxid zum Einsatz kam, um eigentlich Schadstoffe zu reduzieren. Hierbei sollte es in Verbindung mit Sonnenlicht Stickstoffdioxid zu wasserlöslichem Nitrat umwandeln, das dann wiederum vom Regen weggespült wird. 

Zwei Dampfwalzen fahren beim Einbau des High-Tech-Straßenbelags am Stuttgarter Neckartor über den frischen Asphalt. Das Stuttgarter Tiefbauamt erneuert Teile der Fahrbahnen mit einem photokatalytischen Straßenbelag, der die Luftbelastung durch Stickoxide verringern soll. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Fabian Sommer)
Am Stuttgarter Neckartor kam Titandioxid im Straßenbelag zum Einsatz, um eigentlich Schadstoffe zu reduzieren. Die ECHA hat diesen Stoff allerdings als "vermutlich krebserregend" eingestuft. picture alliance/dpa | Fabian Sommer

Die Gesetzeslage in der EU

Frankreich hat deshalb bereits im Januar 2020 Titandioxid in Lebensmitteln verboten. Dort hat das Umwelt- und Wirtschaftsministerium ein entsprechendes Verbot erlassen. Nach der neuesten Einschätzung der EFSA soll der Farbstoff auch in Lebensmitteln in der Schweiz verboten werden.

Auch die EU-Kommission hat nun einen Zulassungsstopp für Titandioxid in Lebensmitteln vorgeschlagen - allerdings mit einer Übergangsfrist. Das erstaunt die Lobby-Expertin Vicky Cann nicht. Sie erklärt, die Titandioxid-Lobby versuche schon seit Jahren, ein Verbot zu verhindern.

"Die Titandioxid-Lobby in Brüssel ist sehr groß, sehr stark. Sie haben Millionen investiert. Wir wissen, dass sie die größte PR-Agentur in Brüssel engagiert haben, um ihnen zu helfen. Wir wissen, dass sie sich aktiv an Schlüsselpersonen und an die Abgeordneten der Mitgliedsstaaten in Brüssel wenden."

Der Druck der Industrie sei bei Titandioxid sogar größer als in der Debatte um das Pestizid Glyphosat. Vor allem in Deutschland scheint die Titandioxid-Lobby besonders erfolgreich zu sein.

"Wir wissen, dass die deutsche Regierung sehr eng mit der Chemieindustrie verbunden ist. Sie ist ein wichtiger Wirtschaftsbereich für Deutschland. Die deutsche Regierung versucht, Schlupflöcher und Alternativen zu finden, um die Beschränkungen von Titandioxid zu minimieren." Vicky Cann Corporate Europe Observatory (Übersetzung)

Die neue Einschätzung der EFSA - ein Riesenschritt. Doch Vicky Cann befürchtet, dass die Lobby die erforderlichen Schritte so lange wie möglich verzögen wird.

Was wird die deutsche Lebensmittelindustrie nun tun?

"Für die Lebensmittelwirtschaft ist die Sicherheit der Produkte oberstes Gebot, und sie wird dem Votum des Europäischen Gesetzgebers im Rahmen der europäischen Vorschriften unmittelbar entsprechen." Quelle: Lebensmittelverband Deutschland e.V.

Will heißen: Solange der Stoff nicht verboten ist, wird er weiter verwendet.

Auf einer Zahnbürste ist weiße Zahnpasta (Foto: Colourbox)
Nicht nur in Lebensmitteln ist der Weißmacher Titandioxid enthalten, sondern auch in machen Zahnpasta-Sorten.

Lieber ein Leben ohne Titandioxid

Unabhängig von Darmerkrankungen: Wer lieber auf Nummer sicher gehen möchte, bis eine endgültige Entscheidung über Titandioxid in Lebensmitteln getroffen wurde, sollte diesen Stoff besser meiden. Denn Lebensmittel mit Titandioxid gehören in den allermeisten Fällen sowieso nicht zu einer gesunden Ernährung.

Tipps, wie Sie Titandioxid erkennen

  • Überprüfen Sie die Inhaltsstoffe und Beipackzettel Ihrer Lebensmittel, Arzneimittel, Nahrungsergänzungsmittel, Süßigkeiten und Kosmetika auf Titandioxid, E171 oder CI 77891.
  • Ersetzen Sie gegebenfalls jene Produkte, die Titandioxid enthalten, mit unbedenklichen Alternativen.
  • Fragen Sie zudem Ihren Arzt, ob er Ihnen Arzneimittel oder Präparate ohne Titandioxid verschreiben kann.

Fazit

Solange nicht be- oder widerlegt ist, dass Titandioixid als Lebensmittelzusatz krebserregend ist, sollten auch andere EU-Staaten dem Beispiel Frankreichs folgen und die Zulassung für den Lebensmittelbereich aussetzen.

Denn letztlich geht es um einen Zusatzstoff, der nicht essenziell für Lebensmittel ist, aber im schlimmsten Fall unserer Gesundheit schädigen kann.

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