Umstrittener Weißmacher

Titandioxid - in Lebensmitteln verboten, in Medikamenten weiter enthalten

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Barbara Hirl
Celina Biebricher
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Sola Hülsewig

Titandioxid steht im Verdacht, Krebs auszulösen. Seit August ist es deshalb als Lebensmittel-Zusatz in der EU verboten. Der Stoff steckt jedoch auch in Kosmetika und Medikamenten.

Kein Titandioxid mehr in Lebensmitteln
Was ist Titandioxid?
Wo ist Titandioxid zu finden?
Nanopartikel besonders bedenklich
Was macht Titandioxid im Körper?
Nicht nur der Darm ist betroffen
Tipps, wie Sie Titandioxid erkennen

Kein Titandioxid mehr in Lebensmitteln

Seit August 2022 ist Titandioxid als Zusatzstoff in Lebensmitteln (E171) in der EU verboten. Grund ist, dass der Stoff im Verdacht steht, Krebs zu erregen. Verbraucherschützer betrachten das neue Gesetz als Durchbruch: Die Lobby-Expertin Vicky Cann erklärt, die Titandioxid-Lobby habe seit Jahren versucht, ein Verbot zu verhindern.

"Die Titandioxid-Lobby in Brüssel ist sehr groß, sehr stark. Sie haben Millionen investiert. Wir wissen, dass sie die größte PR-Agentur in Brüssel engagiert haben, um ihnen zu helfen. Wir wissen, dass sie sich aktiv an Schlüsselpersonen und an die Abgeordneten der Mitgliedsstaaten in Brüssel wenden."

Vor allem Deutschland mit seiner großen Chemie-Industrie könne sich dem Einfluss der Lobbyisten häufig nur schwer entziehen.

Was ist Titandioxid?

Titandioxid ist ein echter Alleskönner für die Industrie. Dabei handelt es sich um eine anorganische Verbindung, die sowohl als weißes Farbpigment, als auch als Trägerstoff für andere Farbpigmente bei einer Vielzahl unterschiedlicher Produkte Verwendung findet. Es ist das weißeste und hellste Farbpigment, das sich nicht nur durch seine aufhellenden Eigenschaften sowie eine hohe Leucht- und Deckkraft auszeichnet. Es hat auch reflektierende Eigenschaften und kann dadurch UV-Strahlen streuen, aber auch absorbieren.

Eine Schüssel mit Marshmallow. (Foto: Colourbox)
Süßigkeiten wie Marshmallows enthielten bis vor Kurzem oft den Farbstoff E171, hinter dem sich Titandioxid versteckt.

Nanopartikel besonders bedenklich

2021 hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) ihre Einschätzung zu Titandioxid in Lebensmitteln geändert. Sie hält die Verwendung seitdem in Lebensmitteln nicht mehr für sicher, kann nicht ausschließen, dass der Stoff erbgutschädigend ist. Besonders, wenn er als Nanopartikel eingesetzt wird. Im Lebensmittelbereich durften bei Titandioxid bislang bis zu 50 Prozent der Körnchen als Nanopartikel vorliegen, während es für den Pharmabereich einen Spielraum von ein bis drei Prozent gibt. Die Nanopartikel sind dabei etwa so groß wie Viren.

Die Auswirkungen der Nanopartikel auf Mensch und Umwelt sind vielfach noch völlig unklar. Sie können sowohl über die Nahrung als auch über die Haut oder die Atemwege in den Körper gelangen. Fest steht, "[Nanopartikel] können zum Teil in Zellen eindringen. Sie können zum Teil auch die Blut-Hirn-Schranke und die Plazentaschranke überwinden. Das sind alles Probleme, die man im Hinterkopf haben muss", erklärt Rolf Buschmann, Umweltexperte beim BUND.

Auf einer Zahnbürste ist weiße Zahnpasta. Auch in Zahnpasta kann Titandioxid enthalten sein.  (Foto: Colourbox)
Auch in einigen Zahnpastas ist Titandioxid enthalten - Kosmetika sind vom aktuellen Verbot ausgeschlossen.

Was macht Titandioxid im Körper?

In der Schweiz forscht Professor Gerhard Rogler am Universitätsspital Zürich schon seit Jahrzehnten, was Titandioxid im Körper anrichten kann. Er warnt schon lange vor dem Stoff.

Mit Hilfe eines Elektronenmikroskops lasse sich gut nachweisen, dass Titandioxid die Zellmembran durchdringe und sich in der Zelle anhäufe, erklärt Rogler. Im Darm können die Nanopartikel Entzündungen auslösen, so der Experte. "Und chronische Entzündung, das wissen wir von anderen Erkrankungen, löst im Darm mit der Zeit durchaus Krebsvorstufen aus - weil immer wieder neue Zellen entstehen müssen, immer wieder Wunden abheilen müssen."

Er meint: Der Farbstoff hätte schon längst verboten werden müssen - vor allem in Lebensmitteln, aber auch in anderen Produkten, über die wir den Stoff aufnehmen können.

In einer Plastikwanne liegen viele Bälle Mozzarella, in denen Titandioxid jetzt verboten ist.  (Foto: Colourbox)
Um Mozzarella so schön strahlend weiß zu bekommen, haben mache Hersteller bis vor Kurzem Titandioxid genutzt.

Nicht nur der Darm ist betroffen

So kann Titandioxid auch eingeatmet werden, beispielsweise wenn Lacke oder Sonnencremes aufgesprüht werden oder wenn der Stoff durch Abrieb in die Luft gelangt. In solchen Fällen wird Titandioxid von der europäischen Chemikalienbehörde (ECHA) als "vermutlich krebserregend" eingestuft. Im Februar 2020 hat die EU-Kommission daraufhin Titandioxid als Gefahrenstoff mit dem Zusatz "vermutlich krebserzeugend bei Inhalation" eingestuft.

Sicherlich kann man auf Sprühlacke oder Sonnencreme-Sprays leicht verzichten. Problematisch kann allerdings das Einatmen der Kleinstpartikel im Straßenverkehr sein, etwa durch den Abrieb der Reifen. Denn auch beim Straßenbau werden Titandioxid-Körnchen mittlerweile häufig in den Beton von Fahrbahndecken eingewalzt. So auch am Stuttgarter Neckartor, wo Titandioxid zum Einsatz kam, um Schadstoffe zu reduzieren. Hierbei sollte es in Verbindung mit Sonnenlicht Stickstoffdioxid zu wasserlöslichem Nitrat umwandeln, das dann wiederum vom Regen weggespült wird. 

Zwei Dampfwalzen fahren beim Einbau des High-Tech-Straßenbelags am Stuttgarter Neckartor über den frischen Asphalt. Das Stuttgarter Tiefbauamt erneuert Teile der Fahrbahnen mit einem photokatalytischen Straßenbelag, der die Luftbelastung durch Stickoxide verringern soll. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Fabian Sommer)
Am Stuttgarter Neckartor kam Titandioxid im Straßenbelag zum Einsatz, um Schadstoffe zu reduzieren. Die ECHA hat diesen Stoff allerdings als "vermutlich krebserregend" eingestuft. picture alliance/dpa | Fabian Sommer

Tipps, wie Sie Titandioxid erkennen

  • Überprüfen Sie die Inhaltsstoffe und Beipackzettel Ihrer Lebensmittel, Arzneimittel, Nahrungsergänzungsmittel, Süßigkeiten und Kosmetika auf Titandioxid, E171 oder CI 77891.
  • Ersetzen Sie gegebenenfalls jene Produkte, die Titandioxid enthalten, durch unbedenkliche Alternativen.
  • Fragen Sie zudem Ihren Arzt, ob er Ihnen Arzneimittel oder Präparate ohne Titandioxid verschreiben kann.

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