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Wohl jeder von uns hat sie schon gespürt: Diese langsam hochkriechende unbändige Wut, weil wir uns ungerecht behandelt fühlten.

Wer Ungerechtigkeit erfahren hat, wünscht sich Wiedergutmachung und einen Ausgleich. Manchmal liegen jedoch Welten zwischen gefühlter Gerechtigkeit und gefällten Gerichtsurteilen. Dementsprechend groß ist die Versuchung, sich aus Wut und Enttäuschung selbst Recht zu verschaffen. Immer wieder sorgen unbescholtene Bürger aus dem Gefühl der Verzweiflung, Ohnmacht und dem Wunsch nach Vergeltung selbst für Recht und Ordnung, üben Selbstjustiz und werden so von Opfern zu Tätern.  

Die Gäste

Klaus Radner

Klaus Radner (Foto: SWR)

Vor knapp fünf Jahren stürzte über den französischen Alpen eine Germanwings-Maschine mit 150 Insassen ab. An Bord waren auch Klaus Radners Tochter, sein Schwiegersohn und Enkelkind. Diese Katastrophe, die absichtlich von dem psychisch kranken Copiloten verursacht wurde, hätte verhindert werden können – davon ist Radner überzeugt und kämpft seit Jahren darum, dass die aus seiner Sicht Mitschuldigen zur Rechenschaft gezogen werden. Er stellte Strafanzeige gegen die Eltern des Piloten und dessen Ärzte: „Ich kann und will damit nicht abschließen.“

Fritz Schramma

Fritz Schramma (Foto: SWR)

Von Gerechtigkeit keine Spur, das hat auch Fritz Schramma so empfunden, als sein Sohn als unbeteiligter Fußgänger auf der Straße starb. Der junge Jurist wurde in der Innenstadt Opfer eines illegalen Autorennens. Geblieben ist dem Vater die lebenslange Trauer um seinen Sohn - die beiden Fahrer jedoch kamen mit einer milden Strafe davon: „Zwei Jahre Bewährung ist keine echte Bestrafung. Dieses Gefühl von Ungerechtigkeit hinterlässt Narben“, so der ehemalige Oberbürgermeister von Köln.

Mabelle Solano

Mabelle Solano (Foto: SWR)

Was Mabelle Solano mit 13 Jahren erleben musste, ist der Albtraum eines jeden jungen Mädchens. Auf dem Heimweg vom Freibad wurde sie von einem Mitschüler in eine Garage gezerrt und vergewaltigt. Sie erstattete Anzeige, doch der Prozess verursachte bei ihr ein zweites Trauma: „Ich musste vor laufender Kamera aussagen, unterschiedlichen Personen immer wieder das Gleiche erzählen. Irgendwann bin ich im Verhör zusammengebrochen.“ Der 14jährige Täter kam mit zwölf Sozialstunden davon, Mabelle Solanos weiteres Leben geriet jedoch komplett aus den Fugen.

Maximilian Pollux

Maximilian Pollux (Foto: SWR)

Obwohl Maximilian Pollux aus einem fürsorglichen Elternhaus stammt, geriet er mit gerade mal 12 Jahren auf die schiefe Bahn. Es war der frühe Anfang einer kriminellen Karriere, in der er wenig ausließ: Von räuberischer Erpressung, Gewalttaten bis Drogen- und Waffenhandel – sein Leben bewegte sich in der Halbwelt, in der Rache und Vergeltung auf der Tagesordnung standen: „Ich hatte kein Unrechtsempfinden.“ Mit 21 klickten die Handschellen, Pollux saß zehn Jahre im Gefängnis. Heute ist er in der Kriminalprävention an Schulen und Jugendhäusern aktiv.  

Sabrina Kreiselmaier

Sabrina Kreiselmaier (Foto: SWR)

Sabrina Kreiselmaier führte mit ihrem Mann und den beiden Kindern ein unbeschwertes Leben. Bis bei ihrer Tochter eine Multiorganerkrankung festgestellt wurde und ihr Mann von heute auf morgen die Familie verließ. Er setzte sich ins Ausland ab und verweigert seither den Unterhalt für die Kinder. Mittlerweile wird er per internationalem Haftbefehl gesucht. „Demnächst läuft seine Aufenthalts-genehmigung ab. Meine Hoffnung ist, dass dann die Behörden zugreifen“, so die alleinerziehende Zahnarzthelferin, die seit sieben Jahren ums Überleben kämpft.

Dr. Gabriele Michel

Gabriele Michel (Foto: SWR)

Seit mehr als 20 Jahren setzt sich Dr. Gabriele Michel für eine gerechtere Welt für Mädchen und Frauen in Konflikt- und Krisenregionen ein. In Bosnien eröffnete ihr Verein das erste Schutzzentrum für vergewaltigte und vertriebene Frauen, heute ist „Amica e.V.“ auch im Libanon, in Libyen und in der Ukraine tätig. Als Frauenaktivistin kämpft sie für ein härteres Vorgehen gegen sexuelle Gewalt als Kriegswaffe und für die Strafverfolgung der Täter. „Viele Frauen sind bis heute traumatisiert und stigmatisiert“, so die Vorsitzende der Freiburger Frauenrechtsorganisation. 

Prof. Dr. Rudolf Egg

Prof. Dr. Rudolf Egg (Foto: SWR)

Wie groß der Wunsch nach Gerechtigkeit in jedem von uns verankert ist, weiß Prof. Dr. Rudolf Egg. Der  Kriminologe, Rechtspsychologe und Gerichtsgutachter kennt die Straftäter-Seite, beschäftigt sich aber ebenso mit den Folgen für die Opfer und deren Gerechtigkeitsempfinden, denn er ist auch in der Traumatherapie des Weißen Rings tätig: „Die gefühlte Gerechtigkeit von geschädigten Personen und das gesprochene Recht und liegen oft weit auseinander.“ 

Literatur zur Sendung

Prof. Dr. Rudolf Egg

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