Zu sehen sind vier Packungen Tomaten  (Foto: Colourbox)

Plastik, Pappe und Co.

Verpackungsmüll bei Obst und Gemüse - Gibt es nachhaltige Alternativen?

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Hanna Meßmann
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Katharina Buschkotte

Knapp zwei Drittel des Obstes und Gemüses in Supermärkten ist in Plastik verpackt. Welche Alternativen zur klassischen Papp -oder Plastikverpackung gibt es?

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Unnötiger Müll? Was Verpackungen bringen

Wer Lebensmittel im Supermarkt komplett unverpackt einkaufen will, hat es schwer: Ob Folien, Schalen oder Netze – etwa 60 Prozent des Obstes und Gemüses wird vorverpackt angeboten. Auf die Verpackung vollständig zu verzichten, ist gerade bei importierten Lebensmitteln unmöglich und könnte sogar der Qualität des Produktes schaden, sagt zumindest die Arbeitsgemeinschaft Verpackung und Umwelt (AGVU). Die vertritt allerdings auch die Verpackungsindustrie sowie Handel, Entsorger und Verwerter, ist also nicht unabhängig.

In erster Linie solle die Verpackung das jeweilige Obst oder Gemüse schützen, zum Beispiel beim Transport, im Einzelhandel oder zuhause. Ein weiterer Aspekt: Die Haltbarkeit des Produktes. Die Verpackung schütze vor dem Verderb und daraus resultierender Lebensmittelverschwendung, so Dr. Carl Dominik Klepper von der AGVU.

Tatsächlich hält zum Beispiel eine Gurke, die in Plastik eingeschweißt ist, im Schnitt drei bis vier Tage länger als eine unverpackte Gurke - das hat die AGVU berechnet. Trotzdem seien auch solche Verpackungen verzichtbar, wenn die Gurke nur nach Bedarf gekauft würde, meint Thomas Fischer, Experte für Kreislaufwirtschaft von der Deutschen Umwelthilfe

Der Mythos um die Pappverpackung: Wie nachhaltig ist sie wirklich?

31 Prozent der Obst- und Gemüse-Verpackungen bestehen aus Pappe oder Papier, die restlichen 64 Prozent aus Plastik. Aber ist Pappe wirklich so viel nachhaltiger als Plastik? Fischer stellt den Einsatz von Pappverpackungen anstelle anderer Verpackungsalternativen infrage. Da es für die Herstellung von Pappe große Wassermengen und Chemie brauche, sei auch die Pappverpackung keine sonderlich umweltschonende Option.

Ein damit zusammenhängendes Problem: Pappverpackungen müssen aus Frischfasern bestehen, wenn sie in direkten Kontakt mit den Lebensmitteln kommen. Altpapier müsste beschichtet sein, was das Recycling im Nachgang allerdings erschwert.

Lebensmittelhaltbarkeit ohne Verpackung verlängern: Das Coating

Eine Alternative, die Haltbarkeit von Obst und Gemüse ganz ohne Verpackung zu verlängern, ist das sogenannte Coating. Dazu wird das Produkt mit einer Schicht aus Wachs, Schellack, Harz, pflanzlichen Ölen oder Zucker überzogen. Die Schutzschicht verhindert einen Stoffaustausch des Obstes oder Gemüses mit seiner Umgebung, was zur Folge hat, dass das Produkt weniger Wasser verliert und länger genießbar bleibt.

Zu sehen sind Avocados beim Coating (Foto: SWR)
Beim Coating wird das Obst oder Gemüse mit einer unsichtbaren Schutzschicht besprüht.

Die Gesetzeslage in der EU verhindert bislang jedoch den Einsatz des Coatings bei Produkten, deren Schale mitverzehrt wird – also beispielsweise bei Äpfeln, Birnen oder Gurken. Nur auf Zitrusfrüchten oder anderen Obst- und Gemüsesorten, deren Schale für gewöhnlich vor dem Verzehr entfernt wird, darf das Verfahren in der EU bislang angewendet werden. Aktuell wird zudem noch an der Effizienz des Coatings geforscht. In anderen Ländern, wie beispielsweise den USA, ist das Coating bereits ein gängiges Verfahren, Lebensmittel haltbarer zu machen.

Seit 2019 müssen Lebensmittel, die gecoatet wurden, als solche deklariert werden. Das liegt unter anderem daran, dass manche Produkte – abhängig von der Art des Überzugs – nicht mehr rein pflanzlich sind; - Bienenwachs oder Schelllack - ein Harz, das Läuse ausscheiden - stammen zum Beispiel von Tieren. Bei Bio-Produkten ist in der EU nur das pflanzliche Carnaubawachs aus biologischer Herstellung zugelassen. Produkte mit einer Behandlung der Oberfläche sind am Zusatz „gewachst“, „Überzugsmittel“, oder der jeweiligen E-Nummer zu erkennen.

Coating: Wie nachhaltig ist es und kann es die Verpackung ersetzen?

Ein Coating bietet sich allerdings nicht bei allen Lebensmitteln an und ist daher auch nicht unbedingt der Schlüssel zur signifikanten Reduzierung von Verpackungsmüll. Laut Dr. Guido Rux, Wissenschaftler am Leibnitz Institut für Agrartechnik und Bioökonomie, ist ein Coating nicht darauf ausgelegt, mechanische Beschädigungen wie Druckstellen am Produkt zu verhindern. Bei druckempfindlichen Lebensmitteln, wie Himbeeren oder Brokkoli, sei ein Coating auch einfach nicht sinnvoll, da die Schutzschicht gar nicht auf den Lebensmitteln haften und trocknen könne.

Alles in allem sind Coatings nur für Produkte geeignet, die einigermaßen robust sind und bei denen sich der Überzug gut auftragen lässt. Der Vorteil: Es hält Obst und Gemüse länger frisch. Dennoch darf der Energie- und Ressourcenaufwand, den das Coating mit sich bringt, nicht unterschätzt werden. Eine konkrete Ökobilanz zu Coatings im Vergleich zu klassischen Verpackungen aus Papier oder Kunststoff gibt es bisher nicht.

Verpackungsmüll sparen durch Natural Branding?

Eine Erhebung der Deutschen Umwelthilfe ergab, dass in Supermärkten und Discountern vor allem Bio-Obst und -Gemüse verpackt vorzufinden sind. Den Händlern zufolge soll es dadurch leichterer sein, Bio-von Nicht-Bio-Ware zu unterscheiden.

Einige Supermarktketten versuchen inzwischen, dieses Problem mit einem anderen Konzept zu umgehen, und zwar mit dem sogenannten Natural Branding. Dabei wird das Bio-Logo in die Schale des Produktes gelasert. Dadurch kann Verpackung gespart werden. Das Ganze ist jedoch ein aufwändiges Vorgehen, bei dem jede einzelne Frucht gelasert und gelabelt werden muss. Ob sich das Natural Branding in puncto Ökobilanz rentiert, ist noch nicht klar.

Auf einer Kartoffel ist ein eingelasertes Bio-Logo zu erkennen (Foto: SWR)
Das "Natural Branding" ist ein Versuch, Bio Verpackungen zu umgehen.

Ein weiterer Nachteil beim Branden: Nicht alle Produkte sind dafür geeignet. Hat das Obst oder Gemüse eine weiche Schale, kann die Haltbarkeit dadurch vermindert werden. Bei Zitrusfrüchten würde das Branding einfach wieder zuwachsen.

Worauf kann ich beim Obst- und Gemüsekauf achten?

Grundsätzlich gilt: Je leichter die Verpackung und je weniger verschiedene Materialien verbunden sind, desto besser. Denn ein besonders großes Problem ist die Vermischung von Materialien bei Verpackungen. So können beispielsweise Tomaten-Verpackungen, die hauptsächlich aus Pappe bestehen, aber ein kleines Kunststofffenster haben, nur schlecht recycelt werden.

Außerdem kann es hilfreich sein, sich bewusst zu machen, wie viel man wirklich braucht. Gerade verpacktes Obst und Gemüse wird nämlich häufig in großen Mengen verkauft. Deshalb ist verpacktes Obst und Gemüse im Schnitt übrigens auch oft günstiger ist als unverpacktes, das hat die Verbraucherzentrale festgestellt. Mit vorverpackter Ware wird mehr Umsatz gemacht, da größere Mengen verkauft werden. 

Eine Person verpackt Obst und Gemüse in einem Mehrweg-Netz (Foto: picture-alliance / Reportdienste, dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Marcel Kusch)
Mit Mehrweg-Taschen lässt sich Verpackungsmüll sparen. picture alliance/dpa | Marcel Kusch

Die umweltfreundlichste Schiene fährt man, wenn man ganz auf die Verpackung verzichtet und auf unverpackte Produkte zurückgreift. Das bietet sich beispielsweise bei robusten Obst- und Gemüsesorten an. Ein Tipp: Regionales, saisonales Obst ist besonders oft unverpackt. Wirklich nötig seien Verpackungen laut Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe eigentlich nur bei bestimmten Produkten, “gerade für diese ganz kleinteiligen Sachen, die sehr druckempfindlich sind”. Fischer empfiehlt, beim Transport von unverpacktem Obst und Gemüse einfach auf selbst mitgebrachte Mehrweg-Tragetaschen oder - Netze zurückzugreifen und diese so häufig wie möglich wiederzuverwenden.

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