Was getan werden muss Das sind die Ursachen des Insektensterbens

AUTOR/IN

Experten sind sich einig: Es gibt nicht DIE EINE Ursache für das Insektensterben – aber die Landwirtschaft spielt eine zentrale Rolle.

Fehlende Lebensräume durch intensive Landwirtschaft

Die Zerstörung der Lebensräume, und hier wiederum die intensive Landwirtschaft, gilt unter Wissenschaftlern als Ursache Nummer 1 für das Insektensterben. Die intensive Landwirtschaft bedroht das Leben der Insekten hinsichtlich mehrerer Punkte:

Zum einen sind in den letzten Jahrzehnten immer mehr brachliegende Flächen – wie Mäh- oder Streuobstwiesen – Bauland oder neuem Ackerland gewichen. Der Anbau von Monokulturen wie Mais oder Getreide ist oftmals ökonomisch attraktiver als eine extensiv bewirtschaftete Fläche, die beispielsweise ausschließlich der Heuproduktion dient.

Doch Insekten brauchen genau solch strukturreiche Flächen mit einer hohen Pflanzenvielfalt und Wildkräutern – denn viele Wildbienen, Schmetterlinge oder Käfer haben spezifischere Ansprüche als Honigbienen und können hinsichtlich Nahrungsangebot oder Fortpflanzung auf ganz bestimmte Pflanzenarten angewiesen sein.

ein Schmetterling auf einer Löwenzahnblüte (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Schmetterlinge und auch andere Insekten benötigen für sie geeignete Lebensräume Foto: Colourbox.de -

Biotope müssen vernetzt werden

Wiesen dominiert von Löwenzahn und Gänseblümchen helfen da nicht weiter, meint Lars Krogmann, Insektenkundler vom Staatlichen Museum für Naturkunde:

"Der größte Rückgang ist dort zu finden, wo die Landschaft strukturell verarmt ist. Wenn Sie mal am Wochenende in Deutschland spazieren gehen, werden Sie kaum noch irgendwo blühende Wildkräuter finden. Es gibt einen Trend zur Vergrasung der Landschaft."

Erst seit einer EU-Agrarreform im Jahr 2013 ist der sogenannte Grünlandumbruch geregelt, sodass eine Umwandlung von Dauergrünland in Ackerland nicht mehr ohne Weiteres möglich ist. Doch es kommt darauf an, dass die noch bestehenden Biotope miteinander vernetzt werden. Wenn diese wie Inseln aus einem Meer von bestellten Feldern liegen, sind sie isoliert: Insekten können nicht mehr wandern und die Distanzen überbrücken.

So sieht eine Welt ohne Insekten aus (Video)

Pestizide und Herbizide werden vorbeugend eingesetzt

Es zeichnet sich der Trend ab, nicht mehr gezielt gegen bestimmte Schädlinge oder Unkräuter zu spritzen – geschweige denn diese mechanisch zu entfernen. Der Aufwand rechnet sich in der heutigen auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Landwirtschaft kaum noch. Stattdessen werden Totalherbizide wie Glyphosat vorbeugend vor der Aussaat eingesetzt, um Unkraut zu vernichten. So werden allerdings auch Kräuter und Blütenpflanzen vernichten, von denen sich Insekten ernähren könnten. Der Wirkstoff wirkt sich so zumindest indirekt auf die Insekten aus – wobei unklar ist, ob Alternativen zu Glyphosat für die Insekten besser wären.

Was die direkten Einflüsse von Glyphosat auf Insekten betrifft, galt Glyphosat in der Vergangenheit sogar als vergleichsweise insektenschonendes Herbizid. Allerdings gibt es inzwischen auch Hinweise darauf, dass Glyphosat in hoher Dosierung die Darmflora von Honigbienen angreift und sie anfälliger für Krankheiten macht. Unklar ist noch, ob diese Ergebnisse auf andere Insekten übertragbar ist.

Neonicotinoide schaden Insekten

Neonicotinoide werden gezielt zur Insektenbekämpfung eingesetzt und greifen ihr Nervensystem an. Sie sind nach Einschätzung des Stuttgarter Insektenkundlers Lars Krogmann eine wichtige Ursache für den Insektenschwund:

"Heute setzen Landwirte Neonicotinoide vorbeugend ein, noch bevor Schäden durch Insekten auftreten. Mit Neonicotinoiden wird das Saatgut gebeizt, dadurch wirken sie in der gesamten Pflanze und werden von den Insekten aufgenommen. Neonicotinoide haben schon in kleinsten Konzentrationen fatale Auswirkungen auf die Insekten: Sie verhindern die Reizweiterleitung in den Nerven. Das führt zur Orientierungslosigkeit. Die Insekten sterben zwar nicht direkt, finden aber ihre Partner und ihre Eiablageplätze nicht mehr."

Neonicotinoide fielen zum ersten Mal im Zusammenhang mit einem Bienensterben auf. Doch längst scheint klar, dass nicht nur die Bienen betroffen sind. "Deshalb haben wir den Verdacht, dass der dramatische Rückgang bei den Insekten vor allem in den letzten 15 Jahren direkt mit dem Einsatz von Neonicotinoiden zusammenhängt." 

Frankreich hat Neonicotinoide bereits Ende letzten Jahres verboten. Agrarministerin Julia Klöckner hat diese Forderung aufgegriffen. "Was der Biene schadet, muss vom Markt", sagte sie im April – eine Haltung, die auch auf EU-Ebene inzwischen Konsens ist: Am 27. April hat die EU ein Verbot für drei Neonicotinoide für das Freiland beschlossen. Allerdings sind weitere Neonicotinoide und Stoffe mit ähnlichem Mechanismus auch dort noch im Einsatz. 

Überdüngung

Und Felder und Wiesen werden auch zu viel gedüngt, denn: Je mehr Dünger, desto weniger Wildkräuter. Dabei geht es keineswegs nur um klassischen Mineraldünger, auch Biodüngung – sprich Gülle – macht den Lebensraum für Wildkräuter kaputt. Darauf weist der Insektenforscher Wolfgang Wägele hin. Er arbeitet am Forschungsmuseum König und gehört zu denjenigen, die das Thema Insektensterben maßgeblich in die Öffentlichkeit gebracht haben. 

"Das Ausbringen von Gülle aus der Tierhaltung ist ein massives Problem. Wir haben hier in der Eifel Landwirte, die ihre Wiesen verpachten, damit Gülle aus Holland dort ausgebracht wird. Daneben haben wir in Regionen mit massiver Tierhaltung Ammoniak aus den Ställen. Ammoniak wird über die Luft verbreitet und regnet dann auf die Böden. Und so findet auch dort eine Düngung statt, an die man gar nicht denkt. Und auch die Gärreste aus der Biogasproduktion tragen zur Überdüngung bei."

Traktor versprüht Insektizid (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Die intensive Landwirtschaft für das Insektensterben mitverantwortlich sein. Foto: Colourbox.de -

Frühe Aussaat verringert Nahrungsangebot für Insekten und Vögel

Dazu tragen auch weitere Veränderungen auf den Äckern bei. Früher zum Beispiel wurden Felder im Frühjahr umgepflügt und das Saatgut aufgebracht. Vorher ist da noch das ein oder andere gewachsen. Doch inzwischen wird immer mehr bereits im Herbst ausgesät, sagt Hans-Günter Bauer vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell: 

"Im Herbst wird schon der Boden umgepflügt. Dann ist die Ackerkrume schon bereit für das nächste Frühjahr. Da ist fast nichts mehr drauf. Früher gab es da ein Stoppelfeld, wo manche Pflanzen nochmal nachgewachsen sind, bei denen sich Insekten und Vögel nochmal Nahrung holten konnten. Jetzt wächst im Frühjahr ganz schnell die Saat hoch, aber vorher ist nichts mehr da." 

Intensivierung der Obstkulturen

Gerade im Bodenseegebiet beobachtet Bauer auch noch eine andere Entwicklung: "Im Obstbau haben wir Niederstamm-Plantagen statt wie früher Hochstammanlagen. Diese heute typischen Apfelanlagen bieten auch nicht mehr den Insektenreichtum, den es früher gegeben hat."

Agrarpolitik und insektenfreundliche Landschaften

Der Biodiversitätsforscher Peter Feindt von der Humboldt-Universität ist sicher: "Die EU könnte Ihre Gelder viel stärker dafür anwenden, dass insektenfreundliche Landschaften gefördert und bereitgestellt werden, und dass mehr Geld bereitsteht für den Vertragsnaturschutz, wo Landwirte freiwillig Leistungen für den Insektenschutz bringen können." 

Das sehen auch andere Experten und Umweltschützer so und fordern, dass die EU nicht wie bisher Direktsubventionen an die Flächengröße, sondern an umweltfreundliche Bewirtschaftung knüpft. Tatsächlich formulierte der EU-Umweltausschuss im Februar 2019 Forderungen in diese Richtung. Die darauffolgende und entscheidende Abstimmung des EU-Agrarausschusses im April 2019 folgte diesem Votum jedoch nicht. 

Fehlanreize bei Blühstreifen

Lange Jahre gab es einen Trend in der Landwirtschaft, die Fläche quasi bis zum letzten Quadratmeter zu nutzen. Dadurch sind viele Hecken, Rand- und Blühstreifen verschwunden, die für Insekten wie Oasen in der Agrarlandschaft waren.

Inzwischen werden Landwirte unterstützt, die Blühstreifen zwischen ihren Feldern anlegen. Doch auch da gibt es Fehlentwicklungen, sagt Lars Krogmann:

"Da werden ganz häufig standortfremde Pflanzen eingesetzt. So gibt es die paradoxe Situation, dass Maßnahmen zur Anlage von Blühstreifen gefördert werden, die gar nicht den heimischen Wildbienen und anderen Fluginsekten direkt helfen." 

Lichtverschmutzung

Zu viel nächtliches Kunstlicht schädigt Studien zufolge auch eine Reihe von nachtaktiven Insekten. Manche bleiben dadurch unnatürlich lange aktiv und sterben dann vor Erschöpfung; andere meiden das Licht, sie finden dann nicht mehr zu ihrer Nahrung, gleichzeitig sinkt die Bestäubungsleistung. "Ich gehe davon aus, dass das Licht auch ein wichtiger Faktor für den Rückgang der Insekten ist", sagt Max-Planck-Forscher Bauer, räumt aber ein, dass noch schlecht untersucht ist, wie stark die zunehmende Beleuchung insgesamt zum Insektenrückgang beiträgt.

Fehlende Daten

Welche dieser Faktoren jeweils welche Rolle beim Insektensterben spielt, ist noch schwer zu sagen. Denn es gibt noch viel zu wenig Langzeitdaten. Erst kürzlich das Bundesamt für Naturschutz angekündigt, ein systematisches Insektenmonitoring zu starten. Auch der Naturschutzbund Nabu, der bisher schon vor allem Vögel gezählt hat, will sich jetzt verstärkt den Insekten widmen.

Was zu tun ist:

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse war das EU-Verbot von Neonicotinoiden ein richtiger Schritt. Doch um die Insekten zu schützen, wären weitere Maßnahmen erforderlich, die sich bislang nur zum Teil im angekündigten "Aktionsplan" von Umweltministerin Schulze wiederfinden. Inzwischen haben auch Wissenschaftler ihre Forderungen in einem 9-Punkte-Plan festgehalten. Dies sind die zentralen Forderungen:

  • Weniger Pestizideinsatz und Extensivierung der Landwirtschaft
  • Unterstützung von landwirtschaftlichen und landschaftsökologischen Maßnahmen zum Schutz von Blühpflanzen und Wildkräutern
  • Förderung des Ökolandbaus
  • Konsequentes wissenschaftliches Insektenmonitoring – auch um zu sehen, welche Maßnahmen welche Erfolge bringen
  • Aufklärung, auch in den Schulen: "Wir müssen den Wert von Insekten wieder schätzen lernen", sagt Krogmann.

Weg mit den Steinwüsten und weniger Fleisch

Natürlich trägt auch der Bauboom in den Städten zum Insektensterben bei – es gibt immer weniger Grünflächen. Wer einen Garten oder Balkon hat, kann einiges für die Insekten tun, sagt Lars Krogmann. "Die Fläche aller privaten Gärten in Deutschland ist um ein Vielfaches höher als die Fläche aller Naturschutzgebiete!" Weniger Steingärten, weniger Thujahecken, weniger Kirschlorbeer, weniger Exotik im Garten – das würde helfen. 

Im Herbst heißt die Devise: Den Garten nicht aufräumen! Liegengelassenes Laub und Totholz, ungemähte Wiesen sind für die Sechsbeiner überlebenswichtig!

Ein Insektenhotel kann einigen Arten helfen, das Fehlen natürlicher Nist- und Überwinterungsplätze abzufedern.

Das eigene Einkaufsverhalten spielt eine maßgebliche Rolle: Wer Bioprodukte kauft, unterstützt eine nachhaltigere Landwirtschaft, die weniger oder in manchen Fällen sogar ganz ohne Spritzmittel auskommt. Und das hilft auch Insekten. Ein weiterer Tipp: Wer wenig oder gar kein Fleisch isst, reduziert die Ausbringung von Gülle auf die Felder – und somit die Überdüngung.

AUTOR/IN
STAND