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Filmtext & Video

14:49 min | So, 24.3.2019 | 6:00 Uhr | Schätze der Welt | SWR Fernsehen

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Naturschutzgebiet Tsingy de Bemaraha, Madagaskar, Folge 299

SWR

Das Naturreservat der "Tsingys" stellt einer Besiedelung bis heute eine natürliche Barriere entgegen: bizarre, nadelförmige Felsformationen. Wind- und Regenerosion haben aus Korallenriffen zahllose, bis zu 30 Meter hohe, Felsspitzen geformt. Bis heute ist das Gebiet mit seinen Höhlen, Schluchten und Flüssen in weiten Teilen unzugänglich und kaum erforscht. Auch die wenigen Einheimischen die am Rande der Tsingys leben, begegnen dem abweisenden Felsmassiv mit großem Respekt. Kaum einer, der es wagen würde in die von messerscharfen Zinnen bewachten Schluchten vorzudringen. Hier ist der Lebensraum der seltenen und bedrohten Lemuren und Makis. Karstvegetation wie Diespyros perrieri und die Wildbananenart Musa perrieri sowie Baobab Halbaffen wie Larvensifaki, Grauer Halbmaki, Gabelstreifiger Katzenmaki und der zu den Wieselmakis rechnende Lepilemur edwardsi, zudem die zu den Inselratten endemische Art Nesomys rufus lambertoni 53 Vogelarten, darunter Madagaskar-Ralle und die Habichtart Accipiter henstii außerdem die Chamäleonart Brookesia peramata


Filmtext

Auf den Spuren von Gondwanaland. Am Anfang war das Meer. NORENANAHARY, Gott lebte dort mit Frau und Tochter. Eines Tages beschloss er die Wasserwelt zu verlassen. Doch um ihn waren nur Wind und Wellen. Da schuf er festes Land und lebte darauf. Als nach einiger Zeit MAINTY, seine Tochter das Tal des Lebens verließ, wollte die Mutter, die im Ozean geblieben war, den Körper ihres Kindes zurück. NORENANAHARY aber versteckte die Gebeine zwischen Felsen und ein Gebirge entstand. Diese Schöpfungsgeschichte erzählen die "Tsingy Vazimba" noch heute. Sie leben in dem kleinen Dorf Bokopaka am Rande der Tsingy Bemaraha.

Vor 250 Millionen Jahren, eine riesige Landmasse "Gondwanaland" reißt auseinander. Afrika wandert nach Norden, der indische Subkontinent nach Osten. Als Relikt bleibt die Insel Madagaskar, abgeschnitten von der übrigen Welt. Dort entwickeln sich neue Arten, Pflanzen, Tiere, aus Affen werden Menschen. Madagaskar bleibt von all diesen Veränderungen unberührt, wie ein Jahrmillionen altes Gedächtnis, einer längst vergangenen Epoche der Erdgeschichte. Dann entdecken vor etwa 1000 Jahren die ersten Menschen, Einwanderer aus Südostasien, das verborgene Paradies. Sie bringen Tiere und Pflanzen mit und beginnen die Natur in ihrem Sinn umzugestalten. Und so gibt es auch in Madagaskar nur mehr wenige Gebiete, die ihr ursprüngliches Aussehen, ihre grenzenlose Vielfalt unverändert bewahrt haben. Einige Urwälder an der Ostküste gehören dazu und das 1500 km² große Gebiet der Tsingys, Nadeln auf madagassisch. Scharfkantige bis zu 30 m hohe Felsen, die sich jeglicher Besiedlung widersetzen, die aber auch eine Erforschung nur unter größten Anstrengungen zulassen. Und so sind manche Felshöhlen und Schluchten mit ihren seltenen, oft unbekannten Tieren und Pflanzen noch nie von einem Menschen betreten worden. Auch die Einheimischen begegnen diesem Wald aus Felsen mit größter Ehrfurcht. Ahnen und Götter sollen dort hausen. Straßen oder Wege gibt es in den Tsingys nicht, allenfalls schmale Pfade und so bleibt die Piroge oft das einzige Fortbewegungsmittel. Entstanden ist das Gebirge der Tsingys über einen unvorstellbar langen Zeitraum. Korallen bildeten unter Wasser ausgedehnte Bänke und Riffe. Die wurden in einer zweiten Phase durch geologische Veränderungen aus dem Meer gehoben. In weiteren Jahrmillionen begann dann die Erosion ihr gestalterisches Werk. Regenwasser fraß sich von oben in das unterschiedlich harte Kalkgestein. Gleichzeitig bildeten sich Flüsse, wie hier der Manambolo. Sie begannen von unten die Kalkfelsen zu erodieren, sägten Canyons, Schluchten und bizarre Felsüberhänge in das riesige Korallenriff. Zur Regenzeit, wenn große Wassermassen aus dem Gebirge zum Meer abfließen, ist der Fluss unpassierbar. Dann steigt der Pegel auch innerhalb der Tsingys. Das ganze Gebiet, in das nur wenige Pisten führen, ist für Monate von der Außenwelt abgeschnitten. Vazimba bedeutet "die die schon immer da waren".

Die Tsingy Vazimba glauben von diesen ersten Menschen auf Madagaskar abzustammen. Es ist ein beschwerlicher Weg zu den Plätzen der Ahnen, tief im Dschungel. In den steil abbrechenden Uferfelsen findet man noch manchmal versteinerte Relikte von Meerestieren: Muscheln, Korallen, die mit ihren Ablagerungen den Grundstock für die Kalknadeln der Tsingys gebildet haben. Haushoch ragen die bizarren Gebilde in den Himmel. Doch aus der Vogelperspektive verschwinden sie häufig im dichten Blätterdach des Waldes. Immer höher klettern die Bäume, bei ihrem Streben nach Licht. Oft halten sie nur noch über ein Geflecht aus langen Wurzeln Verbindung mit dem Erdboden. Während im Osten Madagaskars immergrüne Regenwälder zu finden sind, ist der Westen der Insel von Trockenwald geprägt. Fast herbstlich wirkt der über und über mit dürrem Blattwerk bedeckte Boden. Es ist ein ewiger Prozess des Wachsens und Vergehens, des Aufblühens und des sich wieder Auflösens. Karg und abweisend wirkt die Vegetation, wüstenähnlich, dann wenige Meter weiter im Schutz einer nahen Felswand entwickelt sich üppiges Grün. Ein Jojoba-Baum, eine Dattelpalme. Weiter drinnen im Wald Zitronen, Baumfeigen. Hier hausen, hoch oben in den Bäumen Rot-Stirn-Makis, eine Lemurenart. Bis vor 65 Millionen Jahren bevölkerten Lemuren noch weite Teile des Globus, dann wurden sie von den Affen mit ihrem höher organisierten Gehirn verdrängt. Nur Madagaskar blieb von dieser Entwicklung ausgeschlossen und so konnten die gemeinsamen Vorfahren von Menschenaffen und Menschen in den Wäldern der Insel überleben. Wie in einem Museum lebender Fossilien gleicht die Pflanzen- und Tierwelt in vielem noch der des Urkontinents.

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Afrika: Madagaskar

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80% der Fauna und Flora gelten als endemisch, sind also ausschließlich hier zu finden. In das schützende Felslabyrinth der Tsingys haben sich aber auch viele Arten zurückgezogen, die in den dichter besiedelten Regionen der Insel inzwischen kaum mehr Überlebenschancen haben. Zeitgenossen der Dinosaurier sind die Chamäleons, und während erstere längst ausgestorben sind, haben im Schutz der madagassischen Arche noch über 50 Arten überlebt. Geschickt tarnen sie sich vor ihren Feinden, vor allem Vögeln und Schlangen, indem sie ihre Farbe der Umgebung anpassen. Mit zwei raffiniert beweglichen Augen können sie gleichzeitig nach vorne und nach hinten sehen, ohne auffällige Kopfbewegung. Auch der Gang dient der Tarnung. Er soll ein im Wind flatterndes Blatt imitieren. Eine Überlebensstrategie, die sich bereits einige Jahrmillionen bewährt hat. Lichter Trockenwald wechselt mit ausgedehnten Felsformationen, in die es kaum ein Vordringen gibt. Dazwischen eingebettet liegen Sumpfgebiete, wahrscheinlich verlandete Seen, Weideland für die Zebuherde einer Tsingy-Vazimba Familie, die hier ihr Auskommen findet. Seerosen, eine Wasserhyazinthe, dazwischen ein Reisfeld. Drei Generationen wohnen in dieser nur wenige Quadratmeter großen Hütte unter einem Dach aus Bananenblättern.

Als Splitter des Urkontinents schwimmt die Insel Madagaskar im Indischen Ozean. Viel hat sie im letzten Jahrtausend von ihrer Ursprünglichkeit verloren. Und doch ist die Spur von Gondwanaland noch nicht ganz verwischt. In den Tsingys kann man ihr folgen und in eine Welt eintauchen, wie sie aussehen könnte, wenn die Evolution den Menschen nicht hervorgebracht hätte. Größtenteils unerforscht ist die Unterwelt. Meist versteckt im Grün liegen die Eingänge zu einem endlosen Labyrinth aus Höhlen und Grotten. Unheimlich ist denen, die hier herkommen, den Lebenden. Denn es ist der Ort der Toten, die das Diesseits längst verlassen haben, die jetzt näher bei Norenanahari, bei Gott sind. Sie wollen ihnen opfern, den Vermittlern zwischen Gott und den Menschen, sich Rat erbitten. In den Tsingys leben die Menschen noch im Einklang mit der Natur.

Die Ehrfurcht, die sie den Ahnen entgegenbringen, überträgt sich auch auf den Ort, an dem diese ihre Wohnstätte haben. Es ist eine Ehrfurcht vor dem Schöpfer und seinem Werk. Dieser Zauber, dem sich kaum ein Besucher sei er Einheimischer oder Tourist entziehen kann, ist Schutz für das Gebirge aus Felsnadeln mit seinen urzeitlichen Pflanzen und Tieren. Auch die ausländischen Besucher haben im Schöpfungsmythos der Vazimba ihren Platz: Nachkommen von Mainty, der Tochter Gottes, seien sie, auf der Suche nach den Gebeinen ihrer Mutter.

Buch und Regie: Rüdiger Lorenz

Filmmusik & Stab

Kraft, Oliver
Schätze der Welt II
Andrianavonison Ranto Tiaray
Madagaskar Music

Buch und Regie: Rüdiger Lorenz
Kamera: Erwin Lanzensberger