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Filmtext & Video

14:42 min | So, 14.5.2017 | 6:00 Uhr | SWR Fernsehen

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Semmering, Österreich, Folge 181

SWR

Diese tollkühne technische Meisterleistung ist eine 41 km lange Eisenbahnverbindung über den Semmering mit 16 Tunneln, 16 Viadukten und 129 Brücken. Es wurden 64,5 Mio. Ziegeln für die Erstellung der Kunstbauten verwendet. 1048 Menschen verstarben während der Bauzeit der Semmeringbahn infolge Krankheit oder Unfall. Die Unternehmung ist auch literarisches Thema in Stefan Zweigs »Brennendes Geheimnis« und Karl Kraus' »Die letzten Tage der Menschheit«.

Filmtext

Im Grunde gab es nur eine Erklärung: Er musste verrückt sein, der Ritter von Ghega. Eine Eisenbahn über den Semmering! Dabei wusste im Jahre 1847 doch jedes Kind, dass Eisenbahnen nicht übers Gebirge fahren können. Und der Semmering ist ein Gebirge. Immerhin: Über tausend Meter hoch.

Verrückt oder nicht: Der 1802 in Venedig geborene Karl Ritter von Ghega war ein talentierter Ingenieur und Mathematiker. Er plante und baute Eisenbahnstrecken schon seit dem Jahre 1836. Da hatte die Bahn in Österreich gerade mal das Fahren gelernt. Doch jetzt hatte Ghega ein Problem: Den Semmering. Die Zeit war noch nicht reif für Gebirgsbahnen: Es gab kein Dynamit, an Stahlbrücken war noch nicht zu denken und es fehlte an starken Lokomotiven. Und dennoch plante Ghega die Semmeringbahn.

Über den Semmering führte schon immer der kürzeste Weg von Wien an die Adria. Es war einfach ärgerlich, dass die Bahn diesen Pass nicht überwinden konnte. Lächerliche 42 Kilometer Strecke fehlten, denn längst fuhr die Bahn von Wien bis Gloggnitz, den Beginn des Semmerings. Auf der anderen Seite des Gebirges gab es schon die Strecke nach Graz und weiter nach Süden.

Mit der Eisenbahn von Wien ans Meer fahren.., Güter in allen Himmelsrichtungen schicken... das waren einstweilen nur Träume. Stattdessen hieß es: Umsteigen in Pferdekutschen.

Hunderte von Pferden zogen damals Reisende und Waren über den alten Semmeringpass.

Eine mittelalterliche Fortbewegungsart in der Mitte des 19. Jahrhunderts! Peinlich! Im Juni des Revolutionsjahres 1848 fiel schließlich die Entscheidung für den Bau der Semmeringbahn.

Monatelang war Ghega durch den Semmering gewandert, damit er all die Schluchten und Berge genau kennen lernte. Eine Bahnstrecke, die über Gräben hinweg, durch Berge hindurch und an Felswänden entlang führen musste: Dafür plante Ghega 15 Tunnel und 16 Viadukte.

Das Viadukt über die "Kalte Rinne" ist zweistöckig, 46 Meter hoch und 184 Meter lang. Es ist aus Steinen gemauert, wie alle Bauten für die Bahn. Bis zu zwanzigtausend Menschen aus allen Teilen der K. und K. Monarchie haben am Semmering gearbeitet.

Nur einmal hat sich der geniale Bahningenieur Ghega in seiner Streckenplanung geirrt: Beim Tunnel, der durch die Weinzettelwand führen sollte. Viel Wasser ist durch den Berg geflossen und schließlich knickte die ausgehöhlte Wand während der Bauarbeiten unter dem Gebirgsdruck ein. Die herabstürzenden Steine begruben Arbeiter für alle Zeiten unter sich. Allerdings blieb das der einzige schwere Unfall beim Bau der Semmeringbahn.

Der Bahnbau forderte seine Opfer auf andere Weise. Die Toten sind in den verschiedenen Semmeringgemeinden bestattet worden - oft außerhalb der viel zu kleinen Friedhöfe. Weil die Arbeiter und ihre Familien unter unsäglichen hygienischen Bedingungen in Barackensiedlungen lebten, konnten sich Seuchen dort rasant ausbreiten. Cholera, Typhus und Tuberkulose töteten Hunderte in einem Jahr.

Sechs Jahre hat der Bahnbau gedauert. Wie viele von den Bauarbeitern und ihren Familienangehörigen in dieser Zeit gestorben sind, ist nicht bekannt.

Als das Ende der Bauarbeiten abzusehen war, gab es noch immer keine Lokomotive, die genügend Dampf machen konnte, um die extreme Strecke zu fahren. Ein Preisausschreiben und zwanzigtausend Dukaten sollten nun Erfinder zu zündenden Ideen inspirieren. Soviel Fortschrittsgläubigkeit musste belohnt werden. Drei Lokomotiven bestanden schließlich die Testfahrt.

Am 18. April 1854 war der große Tag für Ghega und seine Semmeringbahn. Zur feierlichen Eröffnung reiste sogar Kaiser Franz Josef mit dem Zug an. Als der Hofzug am Semmering ankam, stieß der viel zu hohe Schornstein der Lok bei der Einfahrt an die Gloggnitzer Bahnhofshalle und krachte herunter. Die feine Gesellschaft fand sich in Rauch und Ruß gehüllt wieder.

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Europa: Österreich

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Der 1802 in Venedig geborene Karl Ritter von Ghega war ein talentierter Ingenieur und Mathematiker. Er plante und baute Eisenbahnstrecken schon seit dem Jahre 1836. Da hatte die Bahn in Österreich gerade mal das Fahren gelernt.

Der 1802 in Venedig geborene Karl Ritter von Ghega war ein talentierter Ingenieur und Mathematiker. Er plante und baute Eisenbahnstrecken schon seit dem Jahre 1836. Da hatte die Bahn in Österreich gerade mal das Fahren gelernt.

Mit der Eisenbahn von Wien ans Meer fahren.., Güter in allen Himmelsrichtungen schicken... das waren einstweilen nur Träume. Stattdessen hieß es: Umsteigen in Pferdekutschen. Eine mittelalterliche Fortbewegungsart in der Mitte des 19. Jahrhunderts! Peinlich!

Im Juni des Revolutionsjahres 1848 fiel die Entscheidung für den Bau der Semmeringbahn.

Das Viadukt über die "Kalte Rinne" ist zweistöckig, 46 Meter hoch und 184 Meter lang. Es ist aus Steinen gemauert, wie alle Bauten für die Bahn. Bis zu zwanzigtausend Menschen aus allen Teilen der K. und K. Monarchie haben am Semmering gearbeitet.

Sechs Jahre hat der Bahnbau gedauert. Wie viele von den Bauarbeitern und ihren Familienangehörigen in dieser Zeit gestorben sind, ist nicht bekannt.

Als das Ende der Bauarbeiten abzusehen war, gab es noch immer keine Lokomotive, die genügend Dampf machen konnte, um die extreme Strecke zu fahren.

Ein Preisausschreiben und zwanzigtausend Dukaten sollten nun Erfinder zu zündenden Ideen inspirieren. Soviel Fortschrittsgläubigkeit musste belohnt werden. Drei Lokomotiven bestanden schließlich die Testfahrt.

So ist das mit den Sehnsuchtsorten: Wer es sich leisten kann, will so oft wie möglich dort sein. Der Semmering wurde erneut zum Bauplatz - für Traumschlösser und Märchenvillen.

Ganze Ortschaften entstanden aus Villen, Gasthöfen und Kurhotels. Weil eine Kirche hier nicht fehlen durfte, wurde ein neogotisches Gotteshaus gebaut, natürlich im Villenstil.

Der Fall aus dieser Höhe ist schmerzhaft. Während das Panhans heute wieder ein Luxushotel ist, stehen andere Häuser seit Jahrzehnten leer. Der Semmering hat sich nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1919 nie mehr erholt. Der zweite Weltkrieg besiegelte das Schicksal der Region: Das traditionelle Publikum - zahlungskräftige Adelige, vornehme Juden und reiche Ungarn - gab es nicht mehr. Als der Nachkriegsgeneration wieder der Sinn nach Ferien stand, waren längst andere Reiseziele entdeckt.

Nur die alte Eisenbahnstrecke blieb seit ihrer Eröffnung immer in Betrieb. Freilich ist sie nicht mehr ganz die Alte: Hundert Jahre lang waren die Dampfloks mit aller Kraft über die Berge geschnauft, dann wurde die Strecke Mitte der fünfziger Jahre elektrifiziert. Das änderte vieles. Jedoch: All die alten Tunnel und Viadukte haben schon Millionen von Zügen standgehalten.

Als Karl Ritter von Ghega die Strecke 1847 plante, hatte er viele Gegner mit guten Argumenten. Die Semmeringbahn sei zu teuer und zu langsam, hieß es. Ghegas Feinde haben recht behalten: Langsam ist die Eisenbahn immer noch, wenn sie über die steile, kurvige Semmeringstrecke fährt. Aber wer will sich schon die erste Hochgebirgsstrecke der Welt im Tempo eines Hochgeschwindigkeitszuges betrachten.

Kaiser Franz Josef behielt offenbar die Nerven und Karl Ritter von Ghega seinen Job als Planungschef der Staatsbahn. Auf der ersten Hochgebirgseisenbahnstrecke der Welt begann der alltägliche Bahnverkehr.

Jetzt war er frei - der Weg mit der Eisenbahn nach dem Süden. Merkwürdigerweise gab es aber immer mehr Reisende, die gar nicht ans Meer wollten, sondern einfach nur an den Semmering, um Ghegas kühne Bahnbauten zu bewundern. Dabei entdeckten diese ersten Touristen etwas völlig Unerwartetes: Die Berglandschaft, die sich entlang der Strecke ausbreitete, als wäre sie inszeniert worden.

Während Wien sich rasant zur Großstadt entwickelte, erwachte in den Wienern eine bis dahin unbekannte Sehnsucht nach den Bergen, nach frischer Luft und Bewegung. Der Semmering - nur anderthalb Bahnstunden von der Hauptstadt entfernt - wurde zum Sehnsuchtort mit magischer Anziehungskraft.

Vor allem Künstler kamen an den Semmering, um hier zu malen, zu dichten und zu komponieren. Die Wiener Kunst des Fin de Siècle ist untrennbar mit dieser Gegend verbunden.

So ist das mit den Sehnsuchtsorten: Wer es sich leisten kann, will so oft wie möglich dort sein. Der Semmering wurde erneut zum Bauplatz - für Traumschlösser und Märchenvillen.

Die typische Semmeringvilla ist ein liebenswerter Mischling. Sie weiß nicht, ob sie eine noble Stadtvilla werden wollte, oder lieber ein idyllisches Landhaus. Ein bisschen modischer Jugendstil, ein wenig vom brandaktuellen Heimatstil. Gebaut wurde, was teuer und modern war. Die Stadt war aufs Land gezogen und das Land wurde städtisch.

Die feine Wiener Gesellschaft der Jahrhundertwende ist undenkbar ohne den Semmering. Ob Industrieller, Bankier, Adeliger oder Künstler - wer hier ein Haus besaß, gehörte dazu.

Ganze Ortschaften entstanden aus Villen, Gasthöfen und Kurhotels. Weil eine Kirche hier nicht fehlen durfte, wurde ein neogotisches Gotteshaus gebaut, natürlich im Villenstil.

Hier ist sie erfunden worden - die Sommerfrische, das Ferienparadies. Wer sich kein eigenes Haus leisten konnte, logierte einige Wochen in einer Pension. Die Hauptsache: Man konnte den Daheimgebliebenen auch eine Ansichtskarte vom Semmering schicken.

Rauschende Feste, klingende Namen, elegante Damen: Im Grandhotel Panhans gaben sich die Reichen und Schönen ein Stelldichein. Das "Panhans" war so erfolgreich, dass sein Name zum Mythos wurde. Anderthalb Bahnstunden von Wien entfernt war eine mondäne Welt entstanden, deren glänzender Aufstieg unaufhaltsam schien.

Der Fall aus dieser Höhe ist schmerzhaft. Während das Panhans heute wieder ein Luxushotel ist, stehen andere Häuser seit Jahrzehnten leer. Der Semmering hat sich nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1919 nie mehr erholt. Der zweite Weltkrieg besiegelte das Schicksal der Region: Das traditionelle Publikum - zahlungskräftige Adelige, vornehme Juden und reiche Ungarn - gab es nicht mehr. Als der Nachkriegsgeneration wieder der Sinn nach Ferien stand, waren längst andere Reiseziele entdeckt.

Weil sie vergessen wurde, gibt es sie noch - diese "Welt von Gestern", dieses Paradies der Sommerfrischler auf dem Zauberberg. Als wäre die Zeit hier stillgestanden, wartet der Semmering bis heute auf bessere Zeiten. Trotz aller Bemühungen, der Region wieder mehr Leben einzuhauchen, gibt es viele unbewohnte Villen und leerstehende Hotels.

Nur die alte Eisenbahnstrecke blieb seit ihrer Eröffnung immer in Betrieb. Freilich ist sie nicht mehr ganz die Alte: Hundert Jahre lang waren die Dampfloks mit aller Kraft über die Berge geschnauft, dann wurde die Strecke Mitte der fünfziger Jahre elektrifiziert. Das änderte vieles. Jedoch: All die alten Tunnel und Viadukte haben schon Millionen von Zügen standgehalten.

Als Karl Ritter von Ghega die Strecke 1847 plante, hatte er viele Gegner mit guten Argumenten. Die Semmeringbahn sei zu teuer und zu langsam, hieß es. Ghegas Feinde haben recht behalten: Langsam ist die Eisenbahn immer noch, wenn sie über die steile, kurvige Semmeringstrecke fährt.

Aber wer will sich schon die erste Hochgebirgsstrecke der Welt im Tempo eines Hochgeschwindigkeitszuges betrachten. So bleibt genügend Zeit, um sich Ghegas tollkühne Bahnbauten anzusehen: Die erste Eisenbahnstrecke, die von der UNESCO zum Weltkulturerbe bestimmt worden ist.

Buch und Regie: Ute Gebhardt

Filmmusik & Stab

Kraft, Oliver
Schätze der Welt II
Noisia
Semmering

Buch und Regie: Ute Gebhardt
Kamera: Harald Seymann