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Wir alle kennen das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Um die Welt reisen, das Hobby zum Beruf machen oder um die große Liebe kämpfen. – Warum geben wir unsere Lebensträume auf? Schnell tun wir unsere Wünsche und Träume ab als unvernünftig, egoistisch oder unmöglich. – Doch los lassen sie uns trotzdem nicht … „Was wäre gewesen? Wie wäre mein Leben verlaufen?“ – Fragen, die uns oft ein Leben lang begleiten.

Wenn Reue in uns aufsteigt, dann ist es ein unangenehmes, oft schmerzhaftes Gefühl. Es erzeugt emotionalen Stress und kann uns laut Studien Lebenszeit kosten. Wenn wir erkennen, was wir bitterlich bereuen, dann lassen sich manche Gelegenheiten mit etwas Glück und etwas Mut nachholen. Zum Beispiel wenn man sich mit 70 doch noch endlich den verrückten Lebenstraum erfüllt, der einen schon seit seiner Jugend umgetrieben hat.

Doch bei weitem nicht für alles gibt es eine zweite Chance. Manchmal schieben wir etwas so lange auf, bis es einfach zu spät ist. Und wenn wir eine Fehlentscheidung treffen, die weitreichende Konsequenzen hat, nicht nur uns, sondern auch anderen schadet, dann bereuen und bedauern wir etwas, das unwiederbringlich verloren ist.
Spätestens am Sterbebett blicken die Menschen auf ihr Leben zurück und erkennen, was sie verpasst haben.

Viele bedauern, nicht das gelebt zu haben, was sie eigentlich glücklich gemacht hätte. – Vielleicht zu viel Zeit mit der Arbeit statt mit Familie und Freunden verbracht zu haben. Aus diesen Berichten können wir alle lernen, früh darauf zu hören, was uns wichtig ist.

Was bereuen wir in unserem Leben? Wie gehen wir richtig mit unserem Bedauern um? Und was können wir dank Reue lernen – aus unseren Fehlern und über uns selbst?

Axel Geiser

Portrait von Axel Geiser (Foto: SWR, SWR - Baschi Bender)
Axel Geiser SWR - Baschi Bender

Vor 25 Jahren übernahm Axel Geiser die Metzgerei seiner Eltern, er und seine Frau arbeiteten rund um die Uhr, um ihre fünfköpfige Familie zu ernähren. Bis sie beschlossen: Wir steigen aus! Anfang dieses Jahres bauten sie sich ein Haus an der Mecklenburgischen Seenplatte – weil sie nicht irgendwann bereuen wollen, ihr Leben nicht gelebt zu haben. „Immer wieder bohrte es in mir“, sagt Geiser. „Was ich heute versäume, kann ich irgendwann nicht mehr nachholen.“

Michel Ruge

Portrait von Michel Ruge (Foto: SWR, SWR - Baschi Bender)
Michel Ruge SWR - Baschi Bender

Ohne Reue leben, das will auch Autor Michel Ruge. Aufgewachsen als Sohn eines Bordellbesitzers führte er jahrzehntelang ein Leben voller Affären und wilder Partys, stand auf der Todesliste der türkischen Mafia, arbeitete als Türsteher, Personenschützer und Schauspieler. „Ich bereue nichts“, erklärt der Lebemann. „Alles, was ich getan habe, ist die Summe dessen, was ich bin.“

Kerstin Berg

Portrait von Kerstin Berg (Foto: SWR, SWR - Baschi Bender)
Kerstin Berg SWR - Baschi Bender

Dass oft erst Umwege zum Glück führen, erlebte Kerstin Berg. Aus einem Urlaubsflirt im Frankreich-Urlaub wurde schnell die große Liebe. Doch für einen Umzug fehlte ihr mit Anfang 20 der Mut. So trennten sich ihre Wege, beide heirateten und bekamen Kinder. Erst nach 27 Jahren trafen sie sich wieder und gaben ihrer Liebe eine zweite Chance. „Dass die Gefühle erneut so aufflammen, damit hätte ich nicht gerechnet“, sagt Kerstin Berg.

Claudia Cardinal

Portrait von Claudia Cardinal (Foto: SWR, SWR - Baschi Bender)
Claudia Cardinal SWR - Baschi Bender

Keine Chancen verpassen: Das ist das Lebensmotto von Claudia Cardinal: „Ich habe früh verstanden, dass ich nicht viel Zeit habe. Darum kreiere ich mir selbst meine Glücksmomente.“ Nach dem Tod ihrer sechsjährigen Tochter ließ sie sich zur Sterbe- und Trauerbegleiterin ausbilden. Die Krebserkrankung ihres Partners, der vor Kurzem verstarb, zwang sie einmal mehr dazu, die verbleibende Zeit gemeinsam voll auszukosten.

Heinz Dieter Lindemann

Portrait von Heinz Dieter Lindemann (Foto: SWR, SWR - Baschi Bender)
Heinz Dieter Lindemann SWR - Baschi Bender

Reue angesichts des Todes: umso belastender, wenn ein Gefühl der Schuld zurückbleibt. Heinz Dieter Lindemann brach den Kontakt zu seinem Sohn ab, nachdem dieser auf die schiefe Bahn geraten war. Dann erreichte ihn die schockierende Nachricht: Sein Sohn war in einem Obdachlosenheim ermordet worden. „Es bringt mich zur Verzweiflung, dass ich das alles verhindern hätte können“, sagt Lindemann, der an diesem Verlust zerbrochen ist.

Prof. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello

Portrait von Prof. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello (Foto: SWR, SWR - Baschi Bender)
Prof. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello SWR - Baschi Bender

Fehler machen, falsche Entscheidungen treffen – für Entwicklungspsychologin Prof. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello steht fest: Das gehört zum Leben dazu. Zu einem zufriedenen und gesunden Leben gehöre aber auch, seinen Frieden damit zu schließen und aus verpassten Chancen neue Möglichkeiten zu schaffen. „Wir sollten uns nicht vom Gewesenen treiben lassen, sondern die Zukunft gestalten“, rät sie. „Sonst sind wir Sklaven unserer Vergangenheit.“

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