Haltbarkeitsdaten auf verschiedenen verpackten Lebensmitteln (Foto: SWR, Foto: Dorothée Panse)

WWF kämpft gegen Lebensmittelverschwendung Jedes zweite Mindesthaltbarkeitsdatum unnötig

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Jedes Jahr wird in Deutschland vier Monate lang Nahrung produziert, die im Müll landet, meint der WWF. Schuld daran sei auch das Mindesthaltbarkeitsdatum, jedes zweite sei unnötig.

Um gegen diese Verschwendung vorzugehen, fordert der Koch Michael Schieferstein vom Verein „FoodFighters", die Hälfte aller Haltbarkeitsangaben ersatzlos zu streichen. Viele Lebensmittel brauchen gar kein Mindesthaltbarkeitsdatum, so Schieferstein, der Handel müsse umdenken, damit nicht so viel Nahrung weggeschmissen wird.

11 Millionen Tonnen Lebensmittel werden jährlich in Deutschland weggeschmissen. (Foto: SWR, picture alliance/Fabian Simmer/dpa)
11 Millionen Tonnen Lebensmittel werden jährlich in Deutschland weggeschmissen. picture alliance/Fabian Simmer/dpa

Fragen an Dominik Bartoschek, SWR-Umweltredaktion

Woher weiß man so genau, wie viele Lebensmittel weggeworfen werden?


Von Wissen kann überhaupt nicht die Rede sein. Keine Behörde in Deutschland führt eine Statistik darüber, wieviel Kilo Lebensmittel jeder Deutsche wegwirft. Man müsste dazu auch jede Mülltonne untersuchen und das macht natürlich keiner. Deswegen werden diese Werte auf sehr komplizierten Wegen berechnet. Mit Hilfe von früheren Studien und Statistiken bekommt man am Ende so eine Art Hochrechnung, keinesfalls einen gesicherten, statistischen Wert.

Was macht es so schwer, die Mengen an Lebensmittelabfällen zu berechnen?

Es fängt schon bei der Definition an: Was ist überhaupt Lebensmittelabfall? Die Wissenschaftler hantieren dabei mit Begriffen wie vermeidbare Abfälle und unvermeidbare Abfälle, letzteres sind zum Beispiel Bananenschalen. Und viele dieser Studien werfen die vermeidbaren und unvermeidbaren Lebensmittelabfälle zusammen, addieren sie also und bekommen dadurch am Ende sehr hohe Werte heraus.

Auf der anderen Seite gibt es häufig den gegenteiligen Vorwurf: Der lautet, die errechneten Werte seien viel zu gering, weil sie nicht mit einbeziehen würden, dass viele Lebensmittel es erst gar nicht vom Acker in den Handel schaffen. Da diese Lebensmittel - aus welchen Gründen auch immer - gar nicht geerntet werden. Und auch das ist letztlich ein Verlust an Lebensmitteln, wird aber von diesen Studien nicht berücksichtigt.

Das heißt: Es gibt nicht nur das Problem, dass es zu wenig Daten gibt. Es ist auch noch umstritten, wie eng oder wie weit der Untersuchungsgegenstand gefasst wird.

Im Ergebnis heißt das: Alle Zahlen, die in Sachen Lebensmittelverschwendung kursieren, sind mit äußerster Vorsicht zu genießen.

Ist denn eindeutig, wer die größten Verschwender von Lebensmitteln sind?

Eine endgültige Antwort darauf scheitert letztendlich auch an der fehlenden statistischen Grundlage. Einige Studien behaupten, die Privathaushalte seien die größten Verschwender, größer als Handel, Gastronomie oder die Landwirtschaft. Aber ob das wirklich stimmt, ist durchaus umstritten und lässt sich nur ganz schwer nachprüfen.

Was man genauer beantworten kann, das ist die Frage: Was wird weggeschmissen? Für Privathaushalte hat man das über einen längeren Zeitraum untersucht.

  • Platz 1: Obst und Gemüse
  • Platz 2: Zubereitetes, also Essenreste
  • Platz 3: Brot und Backwaren

Naturschutzorganisation lobt Südwesten

Weggeschmissene Lebensmittel in einer schwarzen Tonne (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa)
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Baden-Württemberg hat das Thema Lebensmittelverschwendung im Abfallwirtschaftsplan verankert, darin strategische Ziele festgelegt und setzt die vorgeschlagenen Maßnahmen größtenteils um, lobt die Naturschutzorganisation. In den letzten beiden Jahren sei das Land besonders aktiv gewesen.

Rheinland-Pfalz hat als eines der ersten Länder alle betroffenen Akteure an einem Runden Tisch vernetzt und konkrete Projekte entwickelt. Darüber hinaus ist das Land besonders bei der Ernährungsbildung erfolgreich.

Pioniere und Nachzügler

Neben Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz bezeichnete der WWF in seiner Analyse noch die Länder Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen als Pioniere im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung. Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gehörten dagegen eher zu den Nachzüglern.

Deutschland hat sich verpflichtet, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren. Doch ohne ein bundesweit abgestimmtes Vorgehen lässt sich das nicht effektiv umsetzen, warnt der WWF. Er fordert die neue Bundesregierung deshalb auf, umgehend eine Strategie zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen zu entwickeln. In Deutschland gehen jährlich mehr als 18 Millionen Tonnen Lebensmittel verloren. Über die Hälfte wäre vermeidbar, so die Naturschutzorganisation.

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