Vorsorge

Wie gut sind Rentenversicherungen wirklich?

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Viele Verbraucher verlassen sich auf private oder betriebliche Rentenversicherungen – oft zu unrecht. Wie sicher sind bestehende Modelle und welche Form der Vorsorge ist heute noch sinnvoll? Das klärt Marktcheck-Finanzexpertin Barbara Sternberger Frey.

Warum sieht es mit der betrieblichen Altersvorsorge schlecht aus?

Von den drei Säulen der Altersvorsorge – die gesetzliche, die private und die betriebliche – scheint die betriebliche derzeit am stärksten unter Druck zu stehen. Von den 135 Pensionskassen in Deutschland stehen aktuell 36 unter "verschärfter Beobachtung" der Finanzaufsicht BaFin. Rund jede Vierte hat also finanzielle Probleme und das schon seit einigen Jahren.

Tortendiagramm: Etwa ein Viertel der 135 Pensionskassen steht wegen finanzieller Probleme unter Aufsicht der BaFin. (Foto: SWR)
Etwa ein Viertel der 135 Pensionskassen steht wegen finanzieller Probleme unter Aufsicht der BaFin.

Einen Grund dafür sieht Prof. Olaf Stotz von der Frankfurt School of Finance and Management darin, dass Pensionskassen-Verträge sehr lange Laufzeiten haben. Wer jung eine Leistungszusage bekommt, der wird diese möglicherweise über 50 Jahre erhalten. Ein anhaltendes Niedrigzinsniveau wirkt sich hier deutlich stärker aus, als bei einer Lebensversicherungen mit einer Laufzeit von zehn Jahren. Frank Grund, der Exekutivdirektor der Finanzaufsicht BaFin, rechnet damit, dass Corona die Niedrigzinsphase verlängern und somit die Zahlungsunfähigkeit der Pensionskassen ansteigen lassen wird:

"Ich schließe nicht aus, dass in den nächsten Jahren der Bedarf an Zuschüssen durch die Trägerunternehmen größer wird. Spätestens seit Corona sind sich die meisten Experten einig, die Niedrigzinsphase wird so schnell nicht vorbei sein."

Warum werden derzeit bereits laufende Rentenzahlungen gekürzt?

Neben der Caritas sorgten in der Vergangenheit auch weitere in Schieflage geratene Pensionskassen für Schlagzeilen: Sie verringerten die Leistungen für ihre Rentner – um bis zu einem Drittel. Dies sind jedoch drastische Einzelfälle, denn in den meisten Fällen springt das Unternehmen mit Zuschüssen oder erhöhten Beiträgen ein, wenn die Pensionskasse in Zahlungsschwierigkeiten gerät.

Problematisch wird es dann, wenn auch das Unternehmen Insolvenz anmeldet. Dann werden laufende Betriebsrenten von den Pensionskassen nämlich teilweise stark gekürzt. Aufgrund eines Urteils des EUGH von 2019 müssen "unverhältnismäßige Kürzungen" der Betriebsrente, auch bei Pensionskassen in Vereinsform, durch den Pensionssicherungsverein ausgeglichen werden. Allerdings gilt hier bis Ende 2021 noch eine Übergangsregel, die nur einen Mindestschutz gewährleistet: Dieser greift nur, wenn die Pensionskasse die Rente um mehr als die Hälfte kürzt oder wenn die monatlichen Gesamteinkünfte der Betriebsrentner nach der Kürzung unter die Armutsgefährdungsschwelle fallen. Das sind bei Alleinstehenden etwa 1.100 Euro im Monat. Die Kosten für den übergangsweisen Schutz trägt der Staat.

Private Rentenversicherung: Kapitalauszahlung, Rente oder Kündigung?

Rund 16 Millionen Deutsche setzen auf eine private Rentenversicherung, um im Alter eine monatliche Zusatzrente zu erhalten. Um alles als Rente zurückbekommen, was man zuvor an Geld einbezahlt hat, müsste man derzeit in vielen Tarifen aber mindestens 94 Jahre oder älter werden. Gleichzeitig lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt 2020 in für Männer bei 78,9 und für Frauen bei 83,6 Jahren. Wie soll man bei bestehenden Versicherungen also weiter vorgehen? Sollte man private Rentenversicherungen vor dem Bezug kündigen?

Eine bestehende Versicherung zu kündigen ist laut unserer Expertin die schlechteste Lösung, weil mit sehr hohen Abzügen gerechnet werden muss. Die bessere Option ist hier, den Vertrag zu verkaufen.

Stilllegen lassen

Eine weitere Möglichkeit ist die Stilllegung. So entfällt die Pflicht, Prämien zu zahlen, aber der Vertrag wird dennoch mit verringerten Leistungen fortgeführt. Einzelheiten zu den Voraussetzungen und Folgen der Beitragsfreistellung sind in den allgemeinen Versicherungsbedingungen aufgeführt, die jedem Vertrag zugrunde liegen.

TIPP: Mit dem Rechner des Bundes der Versicherten kann man ausrechnen, ob sich eine Stilllegung der Einzahlung lohnt.

Auszahlen statt Rente

Ansonsten gilt für die Expertin eine einfache Regel: Geld nehmen. Man sollte versuchen, sich die Lebensversicherung in Kapital auszahlen zu lassen. Denn so alt, dass man den vollen Betrag als Rente ausgezahlt bekommt, wird man wahrscheinlich nicht und dann überlässt man das gesparte Geld der Versicherung.

Zwei Stapel mit Geldmünzen. SWR-Finanzexpertin Barbara Sternberger-Frey rät dazu, sich Lebensversicherungen in Kapital auszahlen zu lassen und das Geld selbst zu verwalten. (Foto: SWR)
SWR-Finanzexpertin Barbara Sternberger-Frey rät dazu, sich Lebensversicherungen in Kapital auszahlen zu lassen und das Geld selbst zu verwalten.

SWR-Finanzexpertin Barbara Sternberger-Frey empfiehlt, den für die kommenden zehn Jahre kalkulierten Anteil des Kapitals verfügbar zu halten und den Rest anzulegen. Für die Auszahlung sollte man einen Etappenplan entwickeln, bei Fragen hierzu kann man sich beispielsweise an die Verbraucherzentrale wenden.

Berufseinstieg: Welche Altersvorsorge ist heute noch sinnvoll?

Eine überalternde Gesellschaft, eine Pandemie, Klimawandel, ein unsicherer Arbeitsmarkt und stetige Jobwechsel – welche Formen der betrieblichen und privaten Altersvorsorge sind heute noch sinnvoll?

Betriebsrente

Unsere Finanzexpertin Barbara Sternberger-Frey rät dazu, beim Berufseinstieg ein Gespräch mit dem Arbeitgeber zu suchen und gut über die Betriebsrente zu verhandeln. Damit die betriebliche Altersvorsorge rentabel ist, sollte der Anteil, den der Arbeitgeber einbezahlt, mindestens 30 bis 40 Prozent ausmachen! Denn bei über 164 Euro Betriebsrente muss man fast 20 Prozent Abgaben auf die Rente bezahlen. Die betriebliche Altersvorsorge ist zudem nur zu empfehlen, wenn man als Arbeitnehmer plant, längerfristig bei einem Arbeitgeber zu bleiben.

Private Rentenversicherung / Lebensversicherung

Bei der privaten Rentenversicherung fallen Kosten für Provisionen und Verwaltung an, die die Rendite schmälern. Laut unserer Finanzexpertin Barbara Sternberger-Frey ist ein Neuabschluss heute in keinem Fall mehr zu empfehlen. Auch fondsgebundene Rentenversicherungen erachtet Barbara Sternberger-Frey für die Ansparphase als nicht sinnvoll.

Sparpläne

Für jüngere Menschen, die in der Ansparphase sind, stellen aus Sicht der Expertin regelmäßige Sparpläne, beispielsweise in ETFs ("Exchange Traded Funds"), die aktuell beste Altersvorsorge dar. ETFs sind Aktienfonds, die den Marktindex nachbilden. Hier gibt es mehr Infos zu ETFs:

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