Hinter den Kulissen Was steckt hinter dem Geschäftsmodell von QN Europe?

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Mit dem Geschäftsmodell von QN Europe könne man mehrere tausend Euro pro Woche verdienen, so schwärmen manche Vertriebler des Unternehmens. Doch was steckt dahinter?

Der Kauf einer Uhr sollte für einen jungen Mann der Einstieg in eine lukrative Selbständigkeit sein. Doch er verlor seine Wohnung und seine Arbeit, berichtet er uns. Zudem seien ihm 1.000 bis 2.000 Euro Schulden geblieben.

QN Europe lockt mit großem Verdienst

Junge Erwachsene, angeworben als Vertriebspartner für das Unternehmen QN Europe. Eine ihrer Aufgaben: weitere Vertriebspartner zu gewinnen. Wir treffen einen Aussteiger, Anfang 20. Er war mehrere Monate Vertriebspartner von QN Europe. Geworben wurde er von einem guten Freund. Auch ihm wurde ein Riesenverdienst in Aussicht gestellt, bis zu 6.000 Euro wöchentlich, erzählt er uns. Er hat eine Bernhard H. Mayer Uhr gekauft, so wie viele, die er bei QN Europe getroffen hat.

Uhr der Marke "Bernhard H. Mayer"

Was hat es mit der Uhr der Marke Bernhard H. Mayer auf sich? Das Werbevideo suggeriert hohe Schweizer Handwerkskunst. Wir bringen die Uhr zu einem Uhrmachermeister. Bernd Walter von der Uhrmachermeister-Innung Stuttgart hat in seinen 52 Jahren als Uhrmacher noch nie von der Marke gehört. Zur Uhr meint er: "Sehr hochwertig ist es nicht. Es ist robust und in Massen gefertigt worden."

Ist die Uhr die rund 2.000 Euro, die man dafür bei QN Europe bezahlen soll, wert? Der Uhrmachermeister hat eine klare Meinung: "Das Werk ist 08/15. Das Gehäuse und vor allem das Band ist nicht sauber gearbeitet. Nein, ich würde es nicht bezahlen."

Warum ist die Uhr dann so teuer? Wir fragen bei Bernhard H. Mayer nach. Hier hält man den Preis für gerechtfertigt.  Die Uhren seien "… nach allen maßgeblichen Merkmalen design-, konstruktions- und materialmäßig mit entsprechenden, preislich im gleichen Rahmen liegenden Produkten der Marken TAG HEUER oder LONGINES voll vergleichbar…", so die Stellungnahme.

Schulungen für Neueinsteiger

Eine wichtige Aufgabe der Vertriebspartner ist es, eine eigene Organisationsstruktur aufzubauen. Ein Aussteiger berichtet dazu: "Zwei Leute holen. Die wieder schulen, dass die zwei Leute holen. Das sind so die Aufgaben." Jeder Einsteiger soll zwei weitere Partner gewinnen. Die müssen dann wieder neue Partner finden. Nur wenn die Stufen nach unten lückenlos sind, gibt es Geld.

Schulungsunterlagen von QN Europe (Foto: SWR, SWR -)
Schulungsunterlagen von QN Europe SWR -

In Schulungsunterlagen, die "Marktcheck" vorliegen, erhalten die Teilnehmer Anwerbungstipps wie diese: Man solle seine Kontakte in heiß, warm und kalt einteilen, nur Personen einladen, die einem zu 100 Prozent vertrauen. Weiter heißt es: "Bei der Einladung dürfen Sie der Person keinesfalls Informationen über das Geschäft Preis geben".

Für QN Europe brach der Aussteiger seine Ausbildung ab, mietete mit mehreren QN-Vertrieblern ein Büro an. Er berichtet weiter: "Es wird mit der Zeit auch geraten, dass man in den Büros schläft. Da triffst du keine anderen Leute, triffst nur auf ihre Denkweise." Er versuchte es zehn Monate lang, doch vom großen Geld erzählte er nur anderen.

Anwerbungsgespräch von QN Europe

Ein junger Mann spricht uns auf der Straße an und will uns offenbar für QN Europe werben. Wir gehen zum Schein darauf ein, vereinbaren einen Gesprächstermin. In Stuttgart treffen wir uns mit ihm an einer U-Bahnhaltestelle. Er führt uns zu einem Gebäude, in dem sein Büro sei. Auf dem Briefkasten ist kein QN-Europe-Schild. Er und ein Kollege erklären uns das Geschäftsprinzip. Um einsteigen zu können - und das dicke Geld verdienen zu können - müssten wir etwas von QN Europe kaufen. Sie empfehlen uns ein Produkt im Wert von 2.000 Euro wie beispielsweise die Uhr zu kaufen. Günstigere Produkte hätten für das weitere Vertriebsgeschäft Nachteile.

Die beiden Vertriebspartner von QN Europe fragen uns, was wir machen, welche Qualifikationen wir hätten. Wir geben an, im Verkauf zu arbeiten - und fragen nach, wie der Verkauf hier ablaufen würde. Dazu sagt einer der beiden: "Dieses Geschäft ist nicht darauf ausgelegt, etwas zu verkaufen - das kann auch nicht jeder, ich kann auch nicht verkaufen, das ist gar nicht meine Welt!"

QN Europe versucht sein Image aufzupeppen

Jerome Hoerth ist General Manager bei QN Europe. (Foto: SWR, SWR -)
Jerome Hoerth ist General Manager bei QN Europe. SWR -

Auf YouTube hat das Unternehmen auf dem eigenen Videokanal einen Beitrag hochgeladen, auf dem sich QN-Europe General Manager Jerome Hoerth den kritischen Fragen eines angeblichen TV-Journalisten stellt. Hoerth sagt dort: "Unsere Geschäftspartner können nebenberuflich oder hauptberuflich die Produkte vertreiben und es wird nur Geld bezahlt, wenn effektiv Umsatz gemacht wird."

Gegenüber Marktcheck erklärt Jerome Hoerth: "Wir machen Direktvertrieb, wir sind produktorientiert. Sie sehen ja, wir haben ein Produktportfolio von über 100 Produkten. Nahrungsergänzung, Wasserfilter, Luxusprodukte. Verschiedene Produkte."

Was ist von dem Geschäftsmodell zu halten?

Prof. Erik Kraatz (Foto: SWR, SWR -)
Prof. Erik Kraatz, Experte für Wettbewerbsrecht, sagt, dass QN Europe mit dem Anwerben von Menschen Geld verdiene. SWR -

Wir zeigen Professor Erik Kraatz, Experte für Wettbewerbsrecht, die verschiedenen Schulungsunterlagen. Er hält das Ganze für ein Schneeballsystem und meint: "Aus meiner Sicht wird hier mit dem Anwerben von Menschen Geld verdient. Und nicht mit dem Produkt. Hier geht es nicht, aus meiner Sicht jedenfalls, um den Produktabsatz, sondern es geht darum, dass man die Vermittlerstruktur, diese Gesamtstruktur aufbläht. Und das geht in den Bereich der strafbaren progressiven Kundenwerbung nach § 16 Abs. 2 UWG."

Diesen Vorwurf weist QN Europe zurück und erklärt in einer Stellungnahme: "Im Gegensatz zu einem Schneeballsystem erfüllt QN Europe alle Merkmale eines seriösen Direktvertriebs…"

Verschachteltes Firmengeflecht

Wir wollen uns das Unternehmen genauer anschauen und fliegen nach Irland. Dort soll die Firma laut Impressum sitzen. An der angegebenen Adresse gibt es jedoch nur einen Briefkasten. Wir recherchieren weiter und stoßen auf ein verschachteltes Firmengeflecht mit immer wieder wechselnden Namen. Die Spur führt nach Deutschland. Wir stoßen auch auf den Namensgeber der Uhr, Bernhard H. Mayer, mal als Gesellschafter, mal als Geschäftsführer. Was hat es damit auf sich?

Auf einem Zettel stehen mehrere Firmennamen, unter anderem QNEurope Sales & Marketing Ltd., verbunden mit dem Hinweis, die Post bei einem anderen Unternehmen abzugeben. (Foto: SWR, SWR -)
In Irland findet sich ein Briefkasten von QN Europe. Die weiteren Spuren führen nach Deutschland. SWR -

"Es ist eines unser Produkte. Bernhard H. Mayer ist der Name unserer Uhren. Und Cimier unser Uhrenhersteller in der Schweiz", sagt Jerome Hoerth. Auf die Nachfrage, dass Herr Mayer früher mal Geschäftsführer und Gesellschafter von QN Euope war, antwortet Jerome Hoerth: "Also von der Historie. Ich spreche von heute."

Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelt gegen QN Europe

Bei der Staatsanwaltschaft Darmstadt erfahren wir: Seit mehreren Monaten wird wegen des Geschäftsmodells von QN Europe ermittelt.

Interessant: Grundlage der Geschäfte ist ein Franchisesystem mit der Firma QNet mit Sitz in Hongkong. Wegen des Geschäftsmodells gab es schon in mehreren Ländern Gerichtsverfahren. QNet gehört inzwischen zur QI-Gruppe. Und hier taucht wieder der Name Mayer auf. Einer der Direktoren: JR Mayer, der Sohn von Bernhard H. Mayer. Ein Zusammenhang, den man lieber verschweigen möchte. In der Stellungnahme an den SWR wurde wohl vergessen, einen internen Kommentar für Bernhard H. Mayer zu löschen: "Ich würde SWR nicht mit der Nase drauf stoßen, dass Ihr Sohn für die QI Gruppe arbeitet." Auch diese Gruppe verkauft Uhren der Marke Bernhard H. Mayer.

Aussteiger bereut es, Bekannte angeworben zu haben

Der junge Aussteiger bereut heute, wie viele seiner Bekannten, bei QN Europe eingestiegen zu sein, nur weil ihm das große Geld versprochen wurde: "Ich sehe das langsam als Gehirnwäsche. Das wird gezielt gemacht. Du holst deine eigenen Freunde. Denkst du hast jetzt eine Verantwortung für deine Freunde."

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