Seit der Gaskrise in Folge des russischen Angriffs auf die Ukraine wird auch über längere Laufzeiten für Atomkraftwerke diskutiert. Das AKW Kernkraftwerk Neckarwestheim ist eines der drei letzten deutschen Atomkraftwerke. Es wird Ende 2022 stillgelegt. (Foto: IMAGO, IMAGO / Arnulf Hettrich)

Wie Wasser in der Suppe?

Das bewirkt ein Streckbetrieb beim Atomkraftwerk

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Susanne Henn

Die drei letzten deutschen Kernkraftwerke machen zum Jahresende dicht. Wegen einer drohenden Energiekrise wird nun ein "Streckbetrieb" erwogen. Was spricht für diese Notlösung?

Wie genau funktioniert ein Streckbetrieb?

Das ist eigentlich genau das, was man unter „Strecken“ versteht. Man verlängert eine Leistung und dafür wird die Leistung gedrosselt: In etwa so, als ob noch ein wenig Wasser in die Suppe gegossen wird. Dann reicht sie zwar für mehr Menschen, aber man wird nicht so satt.

Im Falle eines Atomkraftwerks heißt es dann: Sie laufen nicht mehr mit voller Kraft. Die Leistung der Brennstäbe wird nach und nach gesenkt, vermutlich schon vor Ende Dezember. So halten sie ein bisschen länger – sie werden sozusagen bis zum letzten Neutron ausgequetscht. Übrigens: Das ist nichts Neues, das gab es in deutschen Atomkraftwerken in den letzten Jahrzehnten immer wieder mal.

Lohnt sich so ein Streckbetrieb?

Knackpunkt hierbei ist, wie man „lohnen“ definiert. Konkret geht es um einen Zeitraum von sechs bis maximal acht Wochen. Die Reaktoren verlieren dann nicht sofort rasant an Leistung. Es heißt, dass sie circa ein halbes Prozent Leistung pro Tag verlieren, vielleicht auch ein bisschen mehr. Bedeutet: Nach 80 Tagen sind noch 50 bis 60 Prozent der ursprünglichen Leistung übrig.

Insgesamt ist das nur ein wirklich kleiner Beitrag. Denn: Aktuell tragen Atomkraftwerke mit rund 6 Prozent zur Nettostromerzeugung bei. Dann wären es noch 3 bis 4 Prozent.

Ist so ein Steckbetrieb überhaupt machbar?

Ja, im Prinzip schon. Es gibt ein paar Probleme, aber die sind lösbar. Eines der Haupt-Gegenargumente gegen eine Laufzeitverlängerung: In Atomkraftwerken arbeiten Spezialisten, deren Verträge laufen jetzt aus. Viele von ihnen dürften sich längst etwas Neues gesucht haben und so leicht findet man keine Fachkräfte.

Der EnBW Energie Baden-Württemberg AG gehört das Kraftwerk Neckarwestheim. Das Unternehmen will sich nicht zu einem Streckbetrieb äußern. Die EnBW sagt, dass sie davon ausgehen, dass sie am 31.Dezember 2022 das Kraftwerk herunterfahren.

Aber man weiß: Nicht alle Verträge sind zu diesem Zeitpunkt gekündigt. Denn so ein Meiler muss zurückgebaut werden. Hierfür hat man natürlich Personal vorgesehen und das könnte vermutlich auch die „Streckung“ handhaben.

Das zweite Problem: Atomkraftwerke müssen alle zehn Jahren überprüft werden und das dauert etliche Monate. Die letzte Prüfung von Neckarwestheim ist 13 Jahre her, da hat man beide Augen zugedrückt, weil man ja wusste, es geht vom Netz. Sollte es wirklich länger laufen, müsste auch das erst noch genehmigt werden, wobei auch dieses Problem vermutlich lösbar ist.

Fazit zum Streckbetrieb bei Atomkraftwerken

In Deutschland fehlt nicht Strom, sondern vor allem Wärme. Mit Strom heizen hierzulande nur wenige Menschen. Insgesamt kann der Streckbetrieb einen kleinen Beitrag leisten, wird Deutschland aber nicht über den Winter retten.

Zur Info

Die drei letzten Atomkraftwerke in Deutschland müssen nach geltendem Recht spätestens am 31. Dezember 2022 abgeschaltet werden. Sie heißen:

  • Neckarwestheim 2
  • Emsland
  • Isar 2

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