Ein Mann trägt ein Kleinkind auf dem Arm (Foto: dpa Bildfunk, Monika Skolimowska)

Karrierekiller Erziehungszeit? Vater in Elternzeit: schikaniert und angefeindet

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Wenn Frauen im Job für die Kinder kürzer treten, fühlen sie sich oft benachteiligt. Das geht aber auch Vätern so. Zwei Erfahrungsberichte.

Elternzeit nehmen, sich um die Kinder und den Haushalt kümmern – das tun trotz Elterngeldes und flexibler Arbeitszeitmodelle in Deutschland in der Praxis selten Männer. Zwar werden die sogenannten Vätermonate immer beliebter – der Staat zahlt zwei Monate Elterngeld mehr, wenn beide Eltern eine Auszeit nehmen. Aber wenn Männer länger in Elternzeit gehen oder gar im Anschluss in Teilzeit arbeiten wollen, stoßen sie oft auf Widerstände oder werden im Job benachteiligt.

"Ich bin extra in mein Unternehmen eingetreten, weil ich gedacht habe, dass solche Dinge dort total klar geregelt sind und dass sie auch so gelebt werden – und ich habe festgestellt, dass es nicht so ist. Das hat mich total erwischt."

Lars, Vater aus Frankfurt

So schaut ein 40-jähriger Produktdesigner auf seine Elternzeit zurück. Lars, der eigentlich anders heißt, ist sein Entsetzen darüber, wie „das damals gelaufen“ ist, noch heute anzumerken. Als sich vor einigen Jahren Nachwuchs ankündigte, arbeitete er bei einem Telekommunikationsunternehmen.

Unternehmenswechsel wegen vermeintlicher Familienfreundlichkeit

Einige Jahre zuvor war Lars aus der Werbebranche mit ungeregelten Arbeitszeiten zu dem Großkonzern gewechselt, auch mit Blick auf die Familienplanung, erzählt er: „Das Unternehmen hat immer damit geworben, dass man die sogenannte Work-Life-Balance dort sehr gut einhalten kann. Ich dachte, wenn ich bei diesem Unternehmen meinen Nachwuchs bekäme, könnte ich sehr flexibel mit meiner Elternzeit und Teilzeitarbeit umgehen.“

Dauer

Seine Frau wollte weiter in Vollzeit arbeiten. Die Familie hoffte, dass dieses Betreuungsmodell bei Lars neuem Arbeitgeber deutlich einfach umzusetzen sei. Ein Trugschluss. Sein Antrag auf Elternzeit wurde zwar bewilligt. Als er nach drei Monaten aber an seine Stelle zurückkehrte, in Teilzeit, weil er sich nachmittags um seine Tochter Linda kümmern wollte, erfuhr er Repressalien. Und das bereits am ersten Arbeitstag.

PC-Speicher am Arbeitsplatz wird gelöscht

"Da war beispielsweise mein Rechner komplett gelöscht und die Kollegen aus der IT sagten mir, dass sie die Info haben, dass ich gekündigt hätte. Das hat mir zu Denken gegeben, ob mein Chef mich benachteiligen wollte, indem er angeordnet hat, dass man meinen Rechner komplett platt machen soll."

Lars, Vater aus Frankfurt

Eine Episode von vielen. Als Vater in Teilzeit fühlte sich Lars benachteiligt. Bestimmte Projekte, die er früher gut und gerne verantwortet hatte, seien ihm entzogen worden. Stattdessen bekam er Einladungen zu Meetings, die er unmöglich wahrnehmen konnte, weil sie an entfernten Orten oder zu für ihn nicht möglichen Zeiten stattfanden. Das habe sein Ansehen im Betrieb geschmälert, gerade gegenüber Kollegen ohne Nachwuchs.

Systematische Schikane durch Vorgesetzte

Dazu kamen Sprüche, wenn er früher gehen musste, um seine Tochter vom Kindergarten abzuholen, oder Kommentare, warum denn eigentlich nicht die Mutter solche Aufgaben erledigen könne. Und Druck: Eine Atmosphäre der Angst habe in der Abteilung geherrscht, sagt er. Schließlich kam es mit dem Vorgesetzten zum Eklat. Der Hintergrund war ein komplexer Streit über Arbeitszeiten:

"Mein Chef hat mir vorgeworfen, dass ich mich parasitär verhalten würde. Und er hat mir empfohlen, zu überlegen, ob das hier noch der richtige Job ist."

Lars, Vater aus Frankfurt

Solche harten Vorwürfe sind Jochen, 44, Vater von drei Kindern, fremd. Auch wenn gewisse Irritationen nicht ausblieben, als der Mainzer 2010 nach der Geburt seiner Tochter in Elternzeit und danach in Teilzeit ging – als erster Mann in seinem beruflichen Umfeld: „Das kam für einige sicher überraschend und wurde auch mit Verwunderung aufgenommen. Aber letztlich muss und hat sich mein Umfeld daran gewöhnt.“

Stillstand auf der Karriereleiter

Seine Frau steckte damals in der Ausbildung zur Fachärztin. Für ihn als Bauingenieur im Öffentlichen Dienst, bei der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung, sei es im Grunde nur ein formaler Akt gewesen, seine Arbeitszeit zu reduzieren, meint Jochen. Für seinen beruflichen Werdegang nicht förderlich, aber eben auch nicht schädlich: Er arbeite auf derselben Position wie vor den drei Elternzeiten:

"Es ist natürlich schade, dass das einen Stillstand auf der Karrieretreppe bedeutet, aber tatsächlich finde ich, dass die Kinderbetreuung oder auch das Familienleben zu Hause mir so viel bringen, dass ich das auch gerne in Kauf nehme."

Jochen, Vater aus Mainz

Früher sei er zwar karriereorientierter gewesen, die Eltern- und Teilzeit habe seine Prioritäten aber verschoben. Der private Gewinn sei enorm, meint er. Auch Lars aus Frankfurt ist zufrieden. Sein Abteilungsleiter hat den Konzern inzwischen verlassen. Er selbst arbeitet wieder Vollzeit, kann sich diese aber flexibler einteilen, um sich nachmittags seiner fünfjährigen Tochter zu widmen.

Entscheidend sind handelnde Personen

Lars glaubt, dass es beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf die handelnden Personen ankommt: „Man kann viel über die Unternehmensethik und Vereinbarungen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber lesen. Aber im Endeffekt hängt es davon ab, wie der Abteilungsleiter oder die Vorgesetzten das Thema leben.“

Darüber würde er sich beim nächsten Kind ganz genau informieren, meint er – das würde er auch anderen werdenden Vätern empfehlen. Und Jochen rät grundsätzlich zum Thema Teilzeit:

"Ich würde jedem Vater empfehlen, es auszuprobieren. Und ich würde jeder Mutter empfehlen, es den Vater ausprobieren zu lassen!"

Jochen, Vater aus Mainz
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