Kaffeebohnen in einer Rösttrommel. (Foto: SWR)

Marktcheck checkt Tchibo

Kaffee-Marktführer Tchibo erhöht den Kaffee-Preis

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AUTOR/IN
Moritz Hartnagel
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Margareta Holzreiter

Tchibo steht längst für mehr als Kaffeebohnen. Trotzdem hat der Konzern als Marktführer großen Einfluss auf den deutschen Kaffeemarkt. Was bedeutet das für Erzeuger und Konsumenten?

Die „Feine Milde“ von Tchibo ist ein beliebter Kaffee-Klassiker in Deutschland. In den von Marktcheck durchgeführten Blindverkostungen überzeugt der Geschmack, und auch mit dem Preis von rund 5 Euro konnte der Tchibo-Klassiker bis 2021 bei vielen Kaffeetrinkern punkten.

Kaffee der Sorte Feine Milde von Tchibo. (Foto: SWR)
Die Feine Milde gibt es bereits seit einem halben Jahrhundert.

Mitte Juni 2021 hat Tchibo die Kaffeepreise allerdings kräftig erhöht. Die Feine Milde kostete ab diesem Zeitpunkt statt zuvor 4,99 Euro stolze 5,69 Euro – macht eine Preiserhöhung von 14 Prozent. Im Februar 2022 hat der Konzern die Kaffeepreise erneut angehoben: Im August 2022 lag der Preis für ein Pfund Feine Milde bei 6,99 Euro - ein Anstieg von zwei Euro in 9 Monaten. Experten schätzen, dass Tchibo durch seine Rolle als Röstkaffee-Marktführer die Priese anderer Händler beeinflusst.

Warum hat Tchibo den Kaffee-Preis so stark erhöht?

Arnd Liedtke, Pressesprecher von Tchibo, erklärte die Preiszunahme 2021 damit, dass der Konzern den Verkaufspreis an die steigenden Kosten im Einkauf anpassen müsse:

"Im Laufe des letzten Jahres haben sich die Preise für Rohkaffees deutlich erhöht, vor allen Dingen auch für höherwertige Arabica-Sorten. Das sind eben die, die wir auch einkaufen.“

Der Ursprung der hohen Preise für Arabica-Bohnen liegt in den Anbaugebieten, allen voran Brasilien: Dort lagen die Ernten 2021 etwa 25% unter dem Vorjahresniveau und auch 2022 wird die Erntemenge von 2020 nicht erreicht werden. Der Grund dafür sind ungünstige Witterungsbedingungen, besonders eine anhaltende Trockenheit ist für die Kaffeepflanzen problematisch.

Teurerer Kaffee – ein Grund sich zu ärgern?

Für Rita Rausch von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz war die Preiserhöhung 2021 keine schlechte Nachricht – im Gegenteil: „Da die Preise in den letzten Jahren sehr niedrig waren, ist es in unseren Augen sogar erfreulich, dass sie gestiegen sind, sodass die Erzeuger höhere Preise für ihre Produkte und Arbeit bekommen.“ Denn zu günstige Kaffeepreise haben laut der Expertin ein niedriges, nicht existenzsicherndes Einkommen der Kaffeebauern zur Folge.

Apropos Kaffeebauern: Wie steht es bei Tchibo um die Arbeitsbedingungen der Kaffeeerzeuger?

Um das zu prüfen, lohnt sich ein Blick nach Brasilien: Tchibo bezieht seinen Kaffee von Kaffeebauern in Asien, Afrika und Südamerika, der mit Abstand größte Anteil kommt aus Brasilien. Begleitet von einem brasilianischen Agrarwissenschaftler besuchen wir eine der Plantagen im Südosten Brasiliens, auf der Tchibo-Kaffee angebaut wird. Der Agrarexperte möchte anonym bleiben, da er bei kritischen Stellungnahmen nach eigener Aussage um seine Sicherheit fürchten müsse.

Den Kontakt zur Plantage haben wir von Tchibo erhalten, weshalb unser Team davon ausgeht, dass es sich um eine Vorzeige-Plantage handelt. Die 400 Hektar große Anbaufläche wird überwiegend maschinell beerntet. Typisch für Brasilien, denn die Maschinen sparen Zeit, Arbeitskräfte und somit viel Geld. In den Hanglagen, die nicht mit Maschinen befahrbar sind, ernten die Saisonarbeiter allerdings auch noch per Hand.

Auf einer Kaffeeplantage wird Kaffee mit einer großen Maschine geerntet. (Foto: SWR)
Auf Brasiliens Plantagen wird Kaffee häufig maschinell geerntet.

Laut Agrar-Ingenieur Antonio Marcos Martíns sind die Arbeiter dieser Fazenda registriert und geschult, um ihren Arbeitsschutz zu tragen. „Sie wissen auch, wie sie mit den Händen arbeiten und ernten, ohne den Pflanzen zu schaden", erklärt er. Ihr Trinkwasser müssen die Arbeiter allerdings selbst mitbringen. Gerne hätten wir gewusst, ob sich die Preiserhöhung des Tchibo-Kaffees auch vor Ort bei den Arbeitern auswirkt. Doch wir dürfen den Saisonarbeitern keine Fragen stellen.

Wie wirkt sich der Kaffeeanbau auf die Umwelt vor Ort aus?

Der Verwalter der Plantage Fabio Moreira erklärt, dass die Behandlung der Kaffeepflanzen mit Chemikalien gegen Pilze und Larven notwendig sei: "Wir setzen die Chemikalien nur ein, wenn es nicht anders geht." Konkrete Produktnamen verrät er uns nicht.

Unseren Agrarexperten stört der großflächige Anbau von Kaffee als Monokultur: „Diese Homogenisierung ist schädlich für die Biodiversität.“ Ein weiteres Thema ist der Schutz des Bodens: „Der Boden ist voll der Sonne ausgesetzt und keine kleineren Pflanzen schützen ihn. Das ist, wie wenn ein Glatzköpfiger ohne Hut der brennenden Sonne ausgesetzt ist.“

Warum bietet Tchibo nicht mehr Kaffee aus zertifiziertem Anbau an?

Die besuchte Plantage ist UTZ-zertifiziert. Insgesamt kommen bei Tchibo jedoch längst nicht alle Kaffeebohnen aus zertifiziertem Anbau, unserem Agrarexperten ist das zu wenig. Denn auch hier könnte Tchibo seine Rolle als Röstkaffee-Marktführer nutzen, um einen Wandel in der Branche voranzutreiben.

Nanda Bergstein ist bei Tchibo für Nachhaltigkeit zuständig, sie begründet den geringen Anteil an zertifizierten Kaffeebohnen mit mangelnder Verfügbarkeit:

"Zertifizierte Ware bekommen wir nicht immer zu den Qualitäten, die wir brauchen, nicht immer in den Ländern, wo wir Kaffee einkaufen müssen."

Trotzdem zähle das Unternehmen laut eigenen Angaben zu den größten Abnehmern von Fairtrade-Kaffee in Deutschland – wohl nicht zuletzt aufgrund seines großen Marktanteils.

Fairtrade-Logo auf Tchibo-Verpackung. (Foto: SWR)
Zertifizierter Kaffee macht bisher nur etwa ein Fünftel von Tchibos Sortiment aus.

Janina Grabs, die an der ETH Zürich zu Nachhaltigkeit im Kaffeeanbau forscht, bewertet das Engagement Tchibos folgendermaßen: „Gemessen an der Konkurrenz liegt Tchibo im guten Mittelfeld und ist in einigen Bereichen auch Vorreiter. Aber gemessen an dem, was eigentlich möglich wäre, gibt es noch viel Luft nach oben. Meiner Meinung nach gibt es zwei Punkte, wo Tchibo sich noch verbessern könnte. Einerseits könnte der Konzern die Bauern, die ihnen Kaffee liefern, besser vor Preisschwankungen schützen, denn häufig wurden in den letzten Jahren Preise an Bauern weitergegeben, die ihnen nicht zum Überleben ausgereicht haben. Und zweitens fände ich es besser, wenn noch mehr Transparenz gewährleistet wäre.“

In Puncto Non-Food-Artikel handelt Tchibo bereits vorbildlich transparent: In einer öffentlich einsehbaren Excel-Tabelle listet das Unternehmen alle Non-Food-Produzenten auf, die Tchibo beliefern. Mehr dazu gibt’s in diesem Artikel zum Sportbekleidungscheck von Tchibo:

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