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SWR-Tourismusexpertin Tamara Land: Wer mitten in einer Krise die Regeln ändern will, kann vielleicht kurzfristig die eigene Haut retten. Gleichzeitig wird so aber Vertrauen verspielt, und das dürfte die Kunden verprellen – und zwar auf Dauer.

"Wer derzeit versucht, sein Geld für eine geplatzte Reise zurückzubekommen, rennt gegen die Wand. Hotlines sind überlastet oder ganz abgestellt, online können keine Anträge auf Rückerstattung von Flugtickets mehr gestellt werden. Und wer doch mal Glück hat und einen Call-Center Mitarbeiter an die Strippe kriegt, bekommt den Rat umzubuchen statt zu stornieren. Aus Sicht der Unternehmen verständlich. Veranstalter, Reisebüros und Fluggesellschaften haben derzeit keine Einnahmen - wenn sie allen Kunden ihr Geld zurückerstatten müssen, wird es vielen das Genick brechen. Deshalb trommelt die Branche schon seit Tagen: Sie will erreichen, dass EU-Verordnungen ausgesetzt werden. Statt Rückerstattungen soll es nur Gutschriften geben. Das ist aus meiner Sicht eine Zumutung. Natürlich braucht die Branche Hilfe, so wie viele andere auch. Doch diese Hilfe darf sie nicht bei den Kunden einfordern. Die sind nämlich genauso wenig schuld daran, dass die Reisen nicht stattfinden können. Und: Sie sind genauso betroffen von der Corona-Krise. Viele müssen in Kurzarbeit gehen, ihren eigenen Laden schließen oder können gar nicht arbeiten, weil sie zu Hause ihre Kinder betreuen. Diesen Menschen nützen Reisegutscheine nichts, sie brauchen jetzt ihr Geld zurück. Wenn die Branche an diesem Anspruch rüttelt, schneidet sie sich ins eigene Fleisch. Wer wird in Zukunft noch Monate im Voraus den Sommerurlaub buchen, wenn er fürchten muss, im Zweifel mit einem Gutschein abgespeist zu werden? Wer mitten in einer Krise die Regeln ändern will, kann vielleicht kurzfristig die eigene Haut retten. Gleichzeitig wird so aber Vertrauen verspielt, und das dürfte die Kunden verprellen – und zwar auf Dauer." T

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