Sondergenehmigung für Saisonarbeiter: Eine Erntehelferin arbeitet auf einem Spargelfeld (Foto: dpa Bildfunk, Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Gesundheitsrisiken für günstigen Spargel?

Osteuropäische Erntehelfer trotz Todesfall weiter auf deutschen Spargelfeldern?

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Zehntausende Osteuropäer werden trotz Corona als Erntehelfer eingesetzt. Einer ist an Covid-19 gestorben, vier weitere sind infiziert. Wie gut sind die Erntehelfer geschützt?

Die Grenzen nach Deutschland sind dicht, die Kontaktsperre zunächst bis Anfang Mai verlängert. Außerhalb der Familie sind Menschenansammlungen verboten. Wo es möglich ist, arbeiten die Menschen im Homeoffice. Und doch: Auf den Feldern sollen bald deutschlandweit bis zu 80.000 Erntehelfer aus Osteuropa arbeiten. Etwa 25.000 sind bis Mitte April eingereist, um bei der Ernte zu unterstützen. Sie leben in einfachen Gemeinschaftsunterkünften und müssen sich – um Corona-Infektionen zu vermeiden – an strenge Auflagen halten.

Kritiker: Erntehelfer sind nicht ausreichend geschützt

Kritiker wie der Bundestagsabgeordnete und Landwirt Friedrich Ostendorff (Bündnis 90/Die Grünen) sagen nun: Die Erntehelfer sind nicht ausreichend geschützt, sie einzusetzen sei "leichtsinnig". Zu viele Saisonarbeiter leben und arbeiten seiner Ansicht nach auf zu engem Raum. Wer es mit dem Gesundheitsschutz auch für Erntehelfer ernst meine, müsse insbesondere die Wohnsituation in den Gemeinschaftsunterkünften erheblich verbessern.

"Beim Spargel setzt das Denken, was wir uns in Corona-Zeiten angewöhnt haben, aus, um möglichst billig Spargel vom Feld zu bekommen. Wir selbst halten Abstand, um uns zu schützen, schränken das private und öffentliche Leben stark ein. Und bei den anderen wird sehr lax, sehr leichtsinnig operiert. Wir müssen die Flüge stoppen."

Bauernpräsident Joachim Rukwied dagegen weist diese Kritik dagegen entschieden zurück. Obwohl es auch wichtig sei, dass die Bevölkerung weiterhin mit hochwertigem Gemüse versorgt werde, betont der Präsident des Bauernverbandes:

"Die Gesundheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat höchste Priorität. Wirtschaftliche Interessen spielen da eine untergeordnete Rolle."

Erster Covid-19-Todesfall unter Saisonarbeitern

Was einige befürchtet haben, ist schon nach kurzer Zeit eingetreten: Ein 57-jähriger rumänischer Erntehelfer ist am Karsamstag in Bad Krozingen südwestlich von Freiburg an Covid-19 verstorben. Vier weitere Helfer auf dem gleichen Hof wurden positiv getestet. Laut Dr. Oliver Kappert, dem Leiter des Gesundheitsamtes des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald, war der Verstorbene am 20. März nach Deutschland gekommen – bevor die Einreise für osteuropäische Erntehelfer erst untersagt und dann unter Auflagen wieder genehmigt wurde. Angesteckt habe er sich vermutlich in Deutschland.

Strenge Auflagen als Infektionsschutz für Erntehelfer

Um Infektionen zu verhindern, wurden für ausländische Erntehelfer in Deutschland strenge Auflagen erlassen: Bereits für die Einreise der Saisonarbeiter, aber auch für das Arbeiten in den Betrieben und das Leben in den Unterkünften. Beispielsweise dürfen die Saisonarbeiter nur in Gruppen mit dem Flugzeug einreisen, werden direkt bei der Ankunft in Deutschland einem Gesundheitscheck unterzogen. Nicht immer allerdings sah die Einreise so geordnet aus, wie man sich das vorstellen würde.

Am 09. April 2020 verlassen auf dem Flughafen KarlsruheBaden-Baden Erntehelfer aus Rumänien , ohne 1,5 Meter Abstand und teilweise ohne Maske ein Flugzeug.  (Foto: dpa Bildfunk, Foto: Uli Deck/dpa)
Am 09. April 2020 verlassen auf dem Flughafen Baden-Baden Erntehelfer aus Rumänien ein Flugzeug – ohne 1,5 Meter Abstand und teilweise ohne Maske. Foto: Uli Deck/dpa

Nach ihrer Ankunft müssen die Saisonkräfte für 14 Tage strikt getrennt von den anderen Beschäftigten untergebracht werden. Und: Sie dürfen den Hof nicht verlassen – außer zur Arbeit auf dem Feld. Einkäufe sind verboten, das sollen die Arbeitgeber erledigen. Außerdem dürfen die Zimmer in diesem Jahr nur mit halber Kapazität belegt werden. Geregelt sind diese Auflagen im sogenannten "Konzeptpapier Saisonarbeiter im Hinblick auf den Gesundheitsschutz" des Bundeslandwirtschaftsministeriums und des Bundesinnenministeriums.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium betont auf SWR-Anfrage, dass das Ziel der Maßnahmen sei, "die derzeit notwendigen strengen Vorgaben des Infektionsschutzes mit den Erfordernissen in der Landwirtschaft, das heißt der Sicherung von Ernten, in Einklang zu bringen." Die Voraussetzungen für die Einreise und Arbeit der Erntehelfer sei mit dem Robert-Koch-Institut und dem Bauernverband abgestimmt.

Doch Kritiker wie der Bundestagsabgeordnete und Landwirt Friedrich Ostendorff kritisieren die Auflagen als zu schwach. Auch wenn die Unterkünfte nur noch mit halber Kapazität belegt werden dürfen, hieße das noch immer: Vier Erntehelfer können in einem Raum schlafen.

"Wenn wir heute und in Corona-Zeiten der Situation gerecht werden wollen, dann müssen die Menschen die Gelegenheit haben, ein Einzelzimmer zu haben, um sich von der Gruppe fernhalten zu können. Paare meinetwegen ein Doppelzimmer, aber ansonsten darf es keine höhere Belegung geben in den Räumen."

Wer überprüft Auflagen für Erntehelfer?

Die Überwachung der Auflagen dürfte zumindest schwierig sein, so Kritiker Ostendorff. Schon in den vergangenen Jahren hätten die Gemeinden, die für die Überwachung der Bedingungen zuständig sind, sich damit sehr schwer getan, Verstöße aufzudecken. Das Bundeslandwirtschaftsministerium sieht das in der Corona-Krise positiver:

"Der Arbeitgeber ist verpflichtet, alle in Deutschland geltenden Regeln des Arbeitsschutzes sowie des Arbeitsrechts einzuhalten. Die zuständigen Arbeitsschutzbehörden sowie der Zoll werden diese Arbeitsbedingungen kontrollieren."

Auch Bauernpräsident Joachim Rukwied vertraut fest auf die Landwirte, dass sie die Hygienevorschriften beachten. Mehr dazu im Audio:

Im Corona-Todesfall von Bad Krozingen sagte die Pressesprecherin der Stadt, Gabriele Kawlath, gegenüber der Badischen Zeitung, dass der Hof Ende März vom Ordnungsamt der Stadt überprüft worden sei. "Dabei wurde festgestellt, dass alle Vorschriften eingehalten wurden." Das bestätigte auch Landratsamtssprecher Matthias Fetterer. Die Saisonarbeiter würden auf dem Hof mit maximal drei weiteren Arbeitern in einer Unterkunft leben. Sie hätten den Betrieb nach ihrer Ankunft nicht verlassen.

Schon vor Corona: Mangelhafte hygienische Zustände und enge Schlafräume

Viele Betriebe haben ihre Erntehelfer nach Ansicht von Kritikern schon in der Vergangenheit, vor der Corona-Krise, in schwierigen Zuständen untergebracht. Enge Verhältnisse, provisorische sanitäre Einrichtungen, schwere Arbeitsbedingungen. Landwirt Friedrich Ostendorff erzählt, dass es Höfe gibt, auf denen teilweise 40 Erntehelfer in einem Zimmer gewohnt hätten. Auf die Felder wurden die Erntehelfer – oft dichtgedrängt – in klapprigen Busen gefahren und mobile Toiletten mit Waschbecken am Feldesrand in ausreichender Anzahl gehörten bisher eher nicht zur Standardausstattung.

Die Erntehelfer verdienen deutschen Mindestlohn, viel mehr also als in ihren Heimatländern. Dafür nehmen sie diese schwierigen Bedingungen auf Zeit hin. Doch wie in vielen anderen Bereichen auch, zeigt sich auch an dieser Stelle: Was vor der Corona-Pandemie schon verbesserungswürdig war, wird in der Krise gefährlich.

Vornerübergebeugt erntet ein Mann Spargel (Foto: dpa Bildfunk, Foto: Patrick Seeger/dpa)
Stundenlang gebeugt, mit Geschick, aber auch mit Kraft – Spargelernte ist ein Knochenjob. Auch deshalb finden sich kaum deutsche Saisonkräfte. Foto: Patrick Seeger/dpa

80.000 Saisonarbeiter für deutsche Höfe

Bis zum 25. März 2020 waren etwa 20.000 Saisonarbeiter nach Deutschland eingereist. Dann kam ein Einreisestopp, der inzwischen wieder aufgehoben ist. Nun dürfen trotz Corona-Pandemie per Sondergenehmigung je 40.000 Saisonarbeiter aus Osteuropa im April und Mai nach Deutschland einreisen. Da es zu wenige einheimische Erntehelfer gibt, befürchteten Landwirte massive Preissteigerungen bei Spargel und Erdbeeren.

Sondergenehmigung Erntehelfer: Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner präsentiert Initiative "Das Land hilft" (Foto: dpa Bildfunk, Foto: Michael Sohn/POOL AP/dpa)
Weil auch die Initiative "Das Land hilft" nicht genug heimische Erntehelfer rekrutieren konnte, setzte sich Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner für eine Sondergenehmigung zur Einreise für Saisonarbeiter ein. Foto: Michael Sohn/POOL AP/dpa

Doch Preissteigerungen sind nach Ansicht von Friedrich Ostendorff in der momentanen Situation das kleinste Problem. Er kann nicht nachvollziehen, dass für günstigen Spargel die Gesundheit von Menschen aufs Spiel gesetzt wird.

"Wir können so nicht weitermachen. Wir müssen erstmal überlegen, wie ist es verantwortbar, in dieser Situation zu agieren. Wir haben noch ein lange Erntesaison mit Saisonarbeitern vor uns und wenn wir schon so dilettantisch und leichtfertig anfangen, wie soll sich das denn in den nächsten Monaten fortsetzen?"

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