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Beim Online-Shopping sind vor allem die Bewertungen wichtig. Doch immer mehr Rezensionen sind fake. Hier erfahrt ihr, wie ihr die Fake-Bewertungen erkennt.

Jede zweite Person, die sich im Internet etwas bestellen möchte, verlässt sich auf Rezensionen anderer Käufer. Das besagt eine repräsentative Befragung im Auftrag des Digitalverbands Bitkom.

Sucht man beispielsweise Bluetooth-Kopfhörer, erscheinen beim Amazon Marketplace mehr als 1.000 Produktvorschläge. Die ersten 20 Treffer sind diejenigen, die am meisten geshoppt werden. Nach oben im Ranking kommen nur die Produkte, die einen guten Sterne-Durchschnitt und überdurchschnittlich viele positive Kundenbewertungen haben. Gute Rezensionen sind für die Händler also viel wert. Kein Wunder, dass der Handel mit Fake-Bewertungen boomt. Das kritisiert auch das Bundeskartellamt und fordert Online-Portale auf, stärker dagegen vorzugehen.

10 Fake-Bewertungen gibt es schon für 99 Euro

Doch das Geschäft mit Fake-Bewertungen ist lukrativ. Und so haben sich ausländische Agenturen auf den Verkauf von Online-Kundenbewertungen spezialisiert. Bei LutendoFivestar oder Goldstar gibt es 10 Top-(Fake-)Bewertungen schon für 99 Euro. Erst kürzlich hat die Stiftung Warentest herausgefunden, dass gekaufte Rezensionen zuverlässig auf Amazon landen.

Produkt kaufen, testen, Fake-Bewertung schreiben, Geld zurückbekommen

Auch Privatpersonen können sich für Fake-Bewertungen bezahlen lassen. In speziellen Gruppen bei Facebook oder WhatsApp werden Produkttester gesucht, die über ihre privaten Accounts Produkte kaufen. Wenn die Gruppenmitglieder den Produkten dann eine Fünf-Sterne-Bewertung geben, bekommen sie den Kaufpreis über Paypal zurücker. Marktcheck-Recherchen haben aufgedeckt, dass somit täglich mindestens 4.000 Fake-Bewertungen auf dem Marketplace generiert werden.

Amazon setzt auf Kundenhilfe

Für den Amazon-Algorithmus sind die Fake-Bewertungen kaum erkennbar, weil sie von privaten Accounts geschrieben werden. Amazon rät daher Kunden, die an der Glaubwürdigkeit einer Rezension zweifeln, den Link „Missbrauch melden“ zu klicken, der unterhalb jeder Rezension verfügbar ist. Der Online-Konzern setzt im Kampf gegen Fake-Rezensionen Algorithmen ein. Allein 2019 hat Amazon nach eigenen Angaben so mehr als 100 Millionen Bewertungen gelöscht.

Wie erkenne ich Fake-Bewertungen?

Am wahrscheinlichsten sind die Fake-Bewertungen unter den 5-Sterne-Bewertungen zu finden, weil die meisten Händler 5-Sterne-Rezensionen in Auftrag geben, um schneller im Ranking zu steigen. Daher raten Experten sich eher die 3- oder 4-Sterne-Rezensionen durchzulesen. Je ausführlicher solche Bewertungstexte geschrieben sind, desto mehr Mühe hat sich der Autor gegeben. Und desto wahrscheinlicher handelt es sich um eine echte Bewertung. Ein guter Rezensent findet immer etwas, das er kritisieren kann, und schreibt außerdem besonders sachlich.

Ein Produkt hat eine Fünf-Sterne-Bewertung bei Amazon. Sieht eine Bewertung bei einem Produkt so aus, dann kann es sich um eine Fake-Bewertung handeln. (Foto: SWR)
Sieht eine Bewertung bei einem Produkt so aus, dann kann es sich um eine Fake-Bewertung handeln.

Mit einem Klick auf das Profil des Rezensenten zeigt sich, wie aktiv der User ist. Werden vom Account viele positive Rezensionen innerhalb von wenigen Tagen geschrieben, ist das sehr auffällig. Liest sich die Bewertung wie eine Lobeshymne mit übertriebenen Floskeln, dann ist sie sehr wahrscheinlich eine Fake-Bewertung. Nennt der Rezensent oft den vollen Produktnamen, ist das unnatürlich. Hat ein Produkt, beispielsweise die Hülle für das neue iPhone, kurz nach der Veröffentlichung mehrere Hundert Rezensionen, ist das nicht sehr plausibel und spricht für viele Fake-Bewertungen.

Auch 1-Sterne-Bewertungen können Fake-Bewertungen sein

In der Amazon-Händler-Szene gibt es derzeit einen neuen Trend. Konkurrenten mit schlechten Rezensionen schaden, damit diese im Ranking fallen. Die Betrüger hoffen dadurch mehr Umsatz zu machen. Beim Lesen von besonders schlechten Bewertungen sollte man daher auch kritisch sein.

Plattform checkt Rezensionen mit eigenem Algorithmus

Die Website Review Meta will zweifelnden Verbrauchern helfen. Kopiert man den Link eines Produktes und fügt diesen bei Review Meta ein, spuckt der Algorithmus nach wenigen Sekunden eine Bewertung aus. Berücksichtigt werden beispielsweise die Phrasenwiederholung, verdächtige Bewerter, Bewertungstrends und die Anzahl von gelöschten Bewertungen. Auffällig ist, dass die Sterne-Bewertung von Review Meta fast immer niedriger ausfällt als die Sterne-Anzahl bei Amazon. Der Gründer Tommy Noonan behauptet, sein Alogrithmus sei härter als der von Amazon. Review Metha würde viel häufiger auffällige Rezensionen herausfiltern. Review Meta gibt es auch als App.

Ein weiteres Tool hat ein verärgerter Amazon Kunde programmiert. Fuad Osmanlic ärgert sich seit Jahren über die Fake-Bewertungen. Er hat vor Kurzem die Seite shop4stars programmiert. Hier kann man nach Produkten suchen, der Algorithmus rechnet automatisch alle 5 Sterne-Bewertungen heraus. Wenn man davon ausgeht, dass es viele Fake-Bewertungen mit 5 Sternen gebe, dann könne man den 5 Sternen generell nicht mehr trauen. Man sollte sie bei einer Kaufentscheidung daher erst gar nicht berücksichtigen. Deshalb gebe es shop4stars, sagt der Gründer.

Kann man Sternen überhaupt noch trauen?

Selbst echte Bewertung spiegeln meist nicht die wahre Qualität eines Artikels wider. Eine wissenschaftliche Studie der TU Dortmund, die der Marktcheck-Redaktion vorliegt, hat Amazon-Produktrezensionen mit Tests der Stiftung Warentest verglichen. Demnach hat ein Großteil der gecheckten Produkte bei Amazon wesentlich höhere Bewertungen als bei der Stiftung Warentest. Manche Produkte sind sogar im Test durchgefallen, haben auf dem Marketplace jedoch 4 oder sogar noch mehr Sterne.

Warum lässt Amazon Kunden überhaupt bewerten?

Persönliche Produktrezensionen waren für Amazon schon immer wichtig. Anfangs war es das Ziel eine höhere Kundenzufriedenheit zu erreichen, weil persönliche Bewertungen besonders authentisch, aus dem Alltag der Kunden stammen. Von dieser Erfahrung könnten dann auch anderen Verbraucher bei ihrer Kaufentscheidung profitieren.

Das bestätigt auch das Bundeskartellamt. Die Behörde startete eine Untersuchung im Mai 2019 und befragte über 60 große Internet-Portale, die Nutzerbewertungen aus 16 Branchen anzeigen, sowie zahlreiche weitere Marktteilnehmer. Online verkaufen sich Produkte und Dienstleistungen mit vielen und positiven Bewertungen demnach deutlich besser als solche mit wenigen oder negativen Bewertungen.

Behörde fordert von Portalen aktiveres Vorgehen gegen Fake-Bewertungen

Deswegen fordert das Kartellamt nun, dass Verkaufs-, Buchungs- und Bewertungsportale oder auch Suchmaschinen mehr Verantwortung übernehmen und alle Möglichkeiten ausschöpfen müssten, um Fake-Bewertungen durch technische Filter- und Analysemethoden aufzuspüren und zu löschen.

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