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In einigen Supermärkten kriegt man derzeit Avocados, Mandarinen und Orangen, die länger haltbar sind. Eine neue unsichtbare Schutzschicht - das „Coating“- macht es möglich.

Bei Edeka und Netto kriegt man derzeit Avocados, Mandarinen und Orangen, die doppelt so lange halten sollen wie üblich. Auch Rewe testet solche Avocados in einigen Märkten. Die Früchte sind mit einer hauchdünnen, nicht sichtbaren Schicht überzogenen, die auch helfen soll, Plastikfolie zu sparen.

„Coating“ heißt der neue Hoffnungsträger

So funktioniert das so genannte „Coating“: Ein weißes, biologisch abbaubares Pulver wird in Wasser aufgelöst und direkt nach der Ernte auf Avocados oder Orangen aufgesprüht. Die Früchte können auch einfach kurz in die Flüssigkeit getaucht werden und müssen dann trocknen. Die Avocados werden also mit einer ganz dünnen Hülle quasi ummantelt. Deshalb wird dieses Verfahren auch „Coating“ genannt.

Die zarte Hülle soll empfindliche Früchte hauptsächlich vor dem Austrocknen schützen und lässt sie so langsamer altern, weil kein Luftsauerstoff eindringt. Die meisten der so behandelten Früchte sollen etwa doppelt so lange halten, wie unbehandelte.

Bislang kennen wir einfache Wachsüberzüge auf Zitrusfrüchten und Äpfeln. Die wirken ähnlich. Aber die neue Haut soll besser funktionieren und ist darüber hinaus weder sichtbar, noch fühlbar. Das unangenehme, leicht schmierige Gefühl, wenn man einen gewachsten Apfel anfasst, entsteht hier also nicht. Und das neue „Coating“ soll sich auch wesentlich leichter abspülen lassen, obwohl die Hersteller immer wieder betonen, dass das gar nicht nötig sei. Denn der Überzug ist geschmacklos und kann bedenkenlos mitgegessen werden, weil er aus natürlichen Stoffen besteht.

Fazit: Neuartige „Coatings“ sollen die Haltbarkeit von Obst und Gemüse verdoppeln.

eine Avocado mit einem Aufkleber (Foto: SWR, Sabine Schütze)
Kleines Logo zeigt, dass auf dieser Avocado ein Überzug ist Sabine Schütze

Eine zweite Haut aus Fett und Zucker

Der amerikanische Hersteller Apeel nutzt nach eigenen Angaben Fruchtschalen, Samen und andere Reste der Saftproduktion oder Pressabfälle aus der Weinherstellung. Daraus werden Fette isoliert, die als unbedenklich gelten und die gleiche chemische Struktur wie der Lebensmittelzusatzstoff E 471 haben. Das sind Abbauprodukte von Speisefettsäuren, sogenannte Mono- und Diglyceride, die von der Industrie sehr oft als Emulgator eingesetzt werden.

Es gibt noch einen weiteren ähnlichen Überzug namens „Semperfresh“, der in Großbritannien entwickelt worden ist. Dieses Produkt besteht neben Ölen vornehmlich aus Zuckerresten und Zellulose und bewahrt das frische Aussehen von Obst und Gemüse ebenfalls deutlich länger.

Da die „Coatings“ nicht auf Proteinen (Eiweißen) basieren, besteht auch kein Allergierisiko. Die Frucht selbst wird dadurch natürlich nicht besser verträglich. Wer also empfindlich auf Zitrusfrüchte reagiert, wird auf mit einem „Coating“ versehene Orangen genauso reagieren wie auf unbehandelte.

Das haltbar machende „Coating“ wird jeweils auf die verschiedenen Früchte angepasst. Es gibt bereits Überzüge für mehr als 30 Obst- und Gemüsesorten. Hier in Deutschland werden entsprechend behandelte Früchte bislang nur verkauft, wenn deren Schale nicht mitgegessen wird. In den USA ist das anders. Dort wird das neuartige Coating schon auf Äpfel, Erdbeeren und Gurken aufgesprüht. In den USA ist für das Coating keine extra Zulassung nötig, weil die Einzelbestandteile des Mittels als unbedenklich eingestuft sind. In der Europäischen Union greift diese Regelung nicht. Um also die Schutzhülle in der EU auf Früchten mit essbarer Schale einzusetzen, ist eine Zulassung nötig, die bislang fehlt.

Fazit: Die neuen Coatings bestehen aus unbedenklichen, meist natürlichen Stoffen.

aufgeschnittene Avocado mit fauler Stelle (Foto: SWR, Sabine Schütze)
Meine Avocado mit neuer Schutzhülle war nicht ganz so überzeugend Sabine Schütze

Eine dünne Schutzschicht mit Potenzial

Die extra Hülle ist rein pflanzlich und soll die Früchte nicht nur länger frisch halten. Das „Coating“ soll auch den Plastikverbrauch reduzieren. Mehr als 90 Tonnen Folie im Jahr spart etwa Edeka, seit die Salatgurken nicht mehr in Folie gepackt werden. Weil die Gurken aber ohne Folie schneller altern, müssen die Supermärkte etwa doppelt so viele Gurken wegschmeißen wie vorher. Viele Händler sind deshalb wieder zur Folie zurückgekehrt; zumindest bei Importware. Das heißt, ab September, wenn die Gurken wieder aus Spanien kommen, werden wir wieder in Folie eingeschweißte Gurken sehen.

Das neuartige „Coating“ kann hier die Lösung sein und Plastikhüllen überflüssig machen, nicht nur um Früchte länger frisch zu halten. Auch für den Transport wird Plastik eingesetzt, um Obst und Gemüse vor Dellen und Schrammen zu schützen. Das „Coating“ bietet auch hier etwas Schutz. Es kann sogar empfindliche exotische Früchte wie Mangos vor Frostschäden in Kühlkontainern schützen. Das haben erste Untersuchungen gezeigt.

Die neue Schutzhülle macht vielleicht noch mehr möglich: die Früchte könnten näher am optimalen Reifezustand geerntet werden, wenn sie anschließend mit dem neuen „Coating“ länger frisch bleiben. Gerade bei Avocados wäre das geschmacklich sicher ein Vorteil.

Dazu kommt, dass Früchte wie Orangen für den Überseetransport nicht extra mit einem Mittel gegen Schimmel behandelt werden müssten, um die lange Reise zu überstehen. Das „Coating“ kann sie auf natürliche Weise schützen. Wie hoch das Potenzial tatsächlich ist, wird sich allerdings noch zeigen müssen.

Fazit: Früchte mit einem Coating könnten reifer geerntet werden und weniger Spritzmittel benötigen.

eine Schale Guacamole und Tortilla-Chips (Foto: Imago, Sabine Schütze)
Imago Sabine Schütze

Einige Fragen bleiben offen

Noch ist unklar, wie viele Vitamine und andere Nährstoffe Früchte haben, die nach der Ernte doppelt so lange aufbewahrt werden. Gekühlt halten sich Vitamine zwar grundsätzlich besser als ungekühlt. Einen Verlust gibt es trotzdem. Obst und Gemüse büßt auch im Kühlschrank jeden Tag ein paar Prozent vom Vitamin C ein. Ob das Coating auf den Verlust von Nährstoffen Einfluss hat, haben die Hersteller bislang nicht verraten.

Auch eine Kennzeichnungspflicht fürs „Coating“ gibt es nicht. Bislang informieren die Supermärkte freiwillig, wenn sie behandelte Avocados und Orangen anbieten. Für Bioware ist die dünne Schutzhülle sowieso nicht zugelassen.

Fazit: Wie hoch der Nährstoffverlust durchs lange Lagern ist, bleibt bislang unklar.

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