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Auch im Bio-Anbau ist perfektes Gemüse gefragt: Wir begleiten einen Kürbisanbauer aus der Pfalz und einen Tomatenbauern von der Reichenau. Und zeigen am Beispiel von Gurken, welche Vorgaben der Handel macht.

Für die Supermärkte zählen vor allem Optik und Lagerfähigkeit:

Beispiel 1: Hokkaido-Kürbisse im Bio-Anbau - von der Aussaat bis zum Verkauf

Gerade liegen sie zu Hauf in den Supermärkten: Hokkaidokürbisse. Und egal wo man kauft: Überall sind sie ähnlich groß, perfekt geformt, haben die perfekte Farbe. Doch wie werden diese Massen makelloser Früchte eigentlich hergestellt?

Ein Hokkaido-Kürbis als Nahaufnahme. Im Hintergrund sind weitere Kürbisse zu erkennen (Foto: SWR)

In einer der fruchtbarsten Regionen Deutschlands, der Pfalz rund um Speyer, betreibt Johannes Zehfuß in vierter Generation seinen Gemüsehof. Vieles hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert: So wie die Maschinen ist auch das Saatgut für seine Kürbisse inzwischen Hightech.

"Im guten Saatgut liegt der Erfolg der ganzen Kultur."

Johannes Zehfuß, Landwirt

Anfang Mai 2020 sät der Landwirt seine Hokkaido-Kürbisse, sein Abnehmer ist eine große Supermarkt-Kette. In diesem Jahr wird er auf 25 Hektar Bio-Hokkaido-Kürbis anbauen, die klassische Supermarkt-Sorte. Die Basis dafür ist industrielles Hochleistungssaatgut. Alles andere macht für den Landwirt keinen Sinn, denn:

„Wir brauchen moderne, widerstandsfähige Sorten, um wirtschaftlich arbeiten zu können."

Johannes Zehfuß, Landwirt

Die Hokkaido-Pflanzen wachsen aus teuren Hightech-Samen, sogenanntes "Hybridsaatgut". Das garantiert einmalig den perfekten Supermarkt-Kürbis. Das Saatgut kommt mittlerweile aus China und kostet pro Packung rund 100 Euro. Macht rund 20 Cent für einen Samenkern. Und aus einem Samen können fünf bis sechs Hokkaido Kürbisse entstehen. Darin stecken wiederum hunderte neue Samen. Warum werden die nicht verwendet und gesät?

"Das würde genauso keimen, das würde genauso schöne Pflanzen geben. Aber die Fürchte werden nicht so uniform. Die hätten nicht die Form, wie ich sie haben will, dass ich sie dann auch verkaufen kann.“

Johannes Zehfuß, Landwirt

Größtmöglicher Kürbisertrag setzt intensive Pflege voraus

Mitte Juni sind aus dem hochentwickelten Industrie-Saatgut die ersten Hokkaido-Pflänzchen gewachsen, aber auch unerwünschtes Grün, wie Weißer Gänsefuß, Hühnerhirse und Bingelkraut. Würde der Landwirt das alles einfach wachsen lassen, bekäme der Hokkaido bald schon nicht mehr genügend Sonne und es würden ihm Wasser und Nährstoffe für ein optimales Wachstum fehlen.

Feld mit Landwirtschaftsmaschine. (Foto: SWR)

Mit Chemie darf Johannes Zehfuß im Bio-Anbau die Beikräuter aber nicht bekämpfen. Stattdessen wird der Acker aufwändig gestriegelt, so werden die Beikräuter herausgezogen. Zudem düngt er seine Bio-Pflanzen biologisch: Dafür benutz er seit Jahren gepresste Schweineborsten.

Gute Ausbeute, aber ungewisse Abnahmesituation

Im September ist Erntezeit: Die reifen Kürbisse müssen von Hand geerntet werden. Danach werden sie auf dem Hof für den Verkauf vorbereitet: Sie werden gewaschen, gewogen und verpackt.

Kürbisse auf einem Feld aus der Vogelperspektive. (Foto: SWR)

Landwirt Johannes Zehfuß ist zufrieden mit der Ausbeute. Die teuren Hybridpflanzen haben zwar nur je drei bis vier Kürbisse produziert, aber alle sind ähnlich groß, ähnlich gefärbt und etwa 1 kg schwer. So wie sie die Supermärkte wollen.

Kürbisse werden gewaschen. (Foto: SWR)

Doch die Gewinnspanne für die Bio-Kürbisse ist gering, gerade einmal fünf Cent verdient Johannes Zehfuß dieses Jahr an einem Kürbis, denn seine Kosten für Saatgut, Bewässerung und Mitarbeiter sind hoch. Und ob er sie alle verkauft bekommt, weiß der Landwirt zum Zeitpunkt unseres Drehs noch nicht. Zwar musste er dem Supermarkt eine gewisse Menge versprechen, feste Kaufzusagen macht der im Gegenzug aber nicht!

„Wir stehen in einem direkten Abhängigkeitsverhältnis zum Supermarkt.“

Johannes Zehfuß, Landwirt

Beispiel Tomaten im Bioanbau – perfekte Optik statt Geschmack?

Die Insel Reichenau inmitten des Bodensees wird auch "Gemüseinsel" genannt, der Anbau hat Tradition. Seit drei Generationen gibt es dort auch den Hof von Manuel Uricher, der das Unternehmen vor kurzem von seinem Vater übernommen hat.

Unter den Glasdächern wachsen Bio-Tomaten für Supermärkte. Der 32-jährige Landwirt versucht, in seinen Gewächshäusern eine Vielfalt von Tomaten anzubauen und gleichzeitig die Bedürfnisse des Handels zu erfüllen.

„Wir versuchen jedes Jahr ein paar neue Sorten anzubauen und welche uns am besten liegt, die nehmen wir, wenn es der Handel zulässt."

Manuel Ulricher, Tomatenbauer und Gärtnermeister

Immer wieder probiert er neue Sorten aus und will dabei herausfinden, wie gut sie mit dem Klima im Gewächshaus zurechtkommen, wie krankheitsanfällig sie sind und wie lecker die Früchte werden. Alles gleichzeitig ist aber kaum zu erfüllen und so muss er sich entscheiden:

"Man muss halt abwägen: Gesundheit, schöne Früchte, Geschmack. Wir müssen halt einen Mittelweg finden."

Manuel Ulricher, Tomatenbauer und Gärtnermeister

Nur einen Hektar Anbaufläche unter Glas gibt es auf dem Hof. Trotzdem baut der Jung-Gärtner zehn verschiedene Tomatensorten an. Damit sich das lohnt, muss er sie hochpreisig verkaufen - große Discounterketten scheiden daher als Abnehmer aus.

Deswegen vermarktet Manuel Uricher seine Tomaten über den Großhandel der Insel Reichenau, eine Genossenschaft, die seine Ware an ausgewählte Märkte und Supermärkte verkauft. Von dort erhält er Unterstützung, aber auch Vorgaben:

Christian Müller (Foto: SWR)

"Es nützt ja nichts, wenn er etwas anbaut, was wir nicht vermarkten können oder wenn der Vermarkter oder der Kunde etwas möchte, was er nicht anbauen kann, weil es in seiner Umgebung nicht reinpasst."

Christian Müller, Stellv. Geschäftsführer Reichenau Gemüse

Die Tomaten werden später in den Läden unter der Marke "Reichenau Gemüse" verkauft.

Beispiel Gurken – wenn der Geschmack zur Nebensache wird

Bei der Genossenschaft landet das Gemüse der ganzen Insel und wird für den Verkauft verpackt. Christian Müller ist für die Qualitätskontrolle bei der Anlieferung zuständig. Die Genossenschaft kann die Ware nur abnehmen, wenn die Produkte die Kriterien der Lebensmittelläden erfüllen. Gurken müssen zum Beispiel ein Mindestgewicht haben, um in eine Klassifizierung zu passen. Doch das Gewicht ist längst nicht das einzige Prüfkriterium.

„Das ist die klassische Gurke, die nachgefragt wird.“

Christian Müller, Stellv. Geschäftsführer Reichenau Gemüse

Gewicht, Farbe, Form und Schale - aber den Geschmack prüft er nicht.

Marktcheck deckt auf: Das Geschäft hinter unseren Lebensmitteln

Das alles zum Anschauen und viele weitere Aspekte zum Thema finden Sie in unserer Dokumentation:

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