Online-Lexikon wehrt sich Wikipedia offline aus Protest gegen EU-Urheberrecht

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Wikipedia ist für 24 Stunden quasi abgeschaltet. Was dahinter steckt und wie man alternativ Infos im Internet suchen und finden kann.

Für 24 Stunden soll das Online-Lexikon Wikipedia abgeschaltet bleiben. Die Macher wollen sich damit gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform stellen. Dagegen sind in der letzten Zeit bereits viele Menschen auf die Straße gegangen.

Fragen an Michael Herr, SWR Aktuelle Wirtschaft

Wikipedia informiert seine Nutzer über die neue EU-Urheberrechtsrichtlinie und Uploadfilter. (Foto: Screenshot: Wikipedia)
Wikipedia informiert seine Nutzer über die neue EU-Urheberrechtsrichtlinie und Uploadfilter. Screenshot: Wikipedia

Was finden die Demonstranten gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform und auch die Wikipedia-Macher so problematisch an der neuen EU-Regelung?

Die Reform sieht vor, dass Online-Plattformen – also zum Beispiel Youtube, Facebook, Instagram – für das Verhalten ihrer Nutzer haften bei Urheberrechtsverletzungen. Wenn ich also zum Beispiel bei Youtube ein Video mit Ausschnitten aus einem Hollywood-Film hochlade, dann müsste nach der neuen Regel Youtube dafür eine empfindliche Strafe zahlen.

Das geschieht nicht in böser Absicht, sondern um die Urheberrechte von Künstlern, Journalisten usw. auch im Netz stärker zu schützen. Aber die Umsetzung ist schwierig: Alle Experten sagen, das gehe nur mithilfe von Upload-Filtern. Das sind Programme, die bei tatsächlichen oder vermeintlichen Rechteverletzungen automatisch die Inhalte vom Netz nehmen. Da sagen viele Kritiker: Wenn diese Filter kämen, wäre die Internet-Kultur, wie wir sie bislang kennen, akut bedroht. Weil das Netz einfach davon lebt, dass alle andauernd Bezug auf die Werke anderer nehmen. Dann würden viele Inhalte aus dem Netz verschwinden – von Parodie-Filmchen bis zu seriösen Aufsätzen, die sich auf andere Artikel beziehen.

Symbolgrafik zu sozialen Netzwerken (Foto: Colourbox, SWR)
Die EU-Urheberrechtsreform soll Autoren und Künstler schützen und Uploads filtern.

Müssen wir befürchten, dass es Wikipedia bald nicht mehr gibt, wenn die geplante Urheberrechts-Regelung kommt?

Nein, da braucht keiner Angst haben. Das meint auch Wikipedia. John Weitzmann, Vorstand von Wikimedia Deutschland, hat dem Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) gesagt, dass das Fundament von Wikipedia, der freie Zugang zu Infos, nicht bedroht sei. Das hat auch damit zu tun, dass Wikipedia keine Strafen drohen, weil sie in diesem Gesetzentwurf mehr oder weniger explizit von Strafen ausgenommen ist.

Aber auch Wikipedia bewegt sich nicht im luftleeren Raum, die Autoren müssen auch recherchieren. Die Wiki-Macher argumentieren, dass genau das durch die Urheberrechtsreform in Zukunft merklich schwerer werden könnte. Aus zwei Gründen: Erstens weil durch die Filter weniger Infos im Netz ausgetauscht werden könnten. Und zweitens, weil möglicherweise in Zukunft viel Zeit für die Rechteklärung draufgehen könnte und möglicherweise weniger Zeit fürs Schreiben von Artikeln bleibt.

Für viele ist Wikipedia die Seite im Netz für schnelle Infos. Für alle, die sich komplett verloren fühlen ohne Wikipedia – welche Alternativen gibt es?

Das ist gar nicht so einfach. Viele Alternativen gibt es nur in Englisch. Es gibt aber beispielsweise Brockhaus.de. Die Staubfänger mit den rot-braunen Umschlägen kennen ja viele noch. Das ist die Online-Ausgabe davon. Da gibt es allerdings deutlich weniger Artikel als bei Wikipedia. Aber dafür sind sie alle von absoluten Experten verfasst.

Wer etwas Spezielles sucht, muss sich ohne Wikipedia wohl mit den üblichen Internetsuchmaschinen begnügen. Und zum Beispiel mal zu den hinteren Trefferseiten durchscrollen.

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