Brennende Kerze in einer Hand (Foto: Colourbox)

Stearin, Paraffin, Bienenwachs

Woran erkennt man nachhaltige Kerzen?

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Was steckt genau drin in den Kerzen am Adventskranz - und ist das überhaupt nachhaltig? Wir bringen Licht ins Dunkel.

Groß oder klein, dick oder dünn, kantig oder rund: Kerzen gibt es in den verschiedensten Formen und Ausführungen. Was alle eint: Für die allemeisten sind sie unverzichtbar für einen gemütlichen Advents- oder Weihnachtsabend. 2,4 Kilo Kerzen verbrauchte jeder Mensch in Deutschland laut der Herstellervereinigung ASBL im Jahr 2016 im Schnitt. Im europäischen Vergleich liegen wir damit im vorderen Drittel. Was muss man beachten, wenn einem neben der behaglichen Stimmung auch an Klima und Umwelt gelegen ist? Gibt es nachhaltige Kerzen?

1. Bienenwachs - der Goldstandart mit Schönheitsfehlern

Natürlich, nachwachsend und umweltfreundlich: Bienenwachskerzen sind definitiv das nachhaltigste adventliche Leuchtmittel. Der Rohstoff für die Kerzen mit der charakteristischen gelben Farbe werden von Arbeiterbienen produziert. Allerdings brauchen sie dafür sehr lange. Den derzeitigen Kerzenbedarf nur durch die Bienen decken zu lassen, gilt daher als ausgeschlossen. Bienenwachskerzen sind folgerichtig auch deutlich teurer als andere. Nur rund 0,5 Prozent der in Deutschland verkauften Kerzen stammen daher aus dem Bienenstock.

Und ein weitere Tatsache drückt auf die Ökobilanz: Die allermeisten Bienenwachskerzen im deutschen Handel werden importiert - und zwar häufig aus fernen Regionen wie Ostasien, Zentralafrika oder Lateinamerika.

2. Stearin - Wundertüte mit Ökopotenzial

Rund die Hälfte der in Deutschland verkauften Kerzen ist aus Stearin, einer Mischung aus pflanzlichen oder tierischen Fetten. Kokos, Raps, Soja, Palmöl kann die Grundlage sein. Was genau rund um den Docht gepresst ist, steht jedoch selten auf der Kerze drauf. Eine solche Kennzeichnung ist bislang nämlich freiwillig.

Doch selbst wenn der Aufdruck verpflichtend wäre, würde das nicht ausreichen, um die Nachhaltigkeit einer Kerze zu beurteilen. Gerade bei Stearin auf Palmölbasis macht es nämlich einen großen Unterschied, ob das Öl aus konventionellem oder nachhaltigem Anbau stammt. Für konventionelle Palmölplantagen werden meist Regenwälder gerodet. Viele Tier- und Pflanzenarten gehen auf diese Weise verloren.

Stearin-Basis bleibt oft unklar

Die Herkunft des Palmöls ist für umweltbewusste Verbraucherinnen und Verbraucher also eine wertvolle Information. Bei einer Umfrage der Deutsche Umwelthilfe hat gut ein Viertel der Unternehmen angegeben, Palmöl aus nachhaltigem Anbau zu verwenden. Und inzwischen machen viele Supermärkte und Discounter dies auch auf den Kerzen im Laden sichtbar: Norma, Lidl, Aldi Süd und Aldi Nord drucken nach Information der Deutschen Umwelthilfe seit dieser Saison das RSPO-Label – die Zertifizierung der Initiative „Runder Tisch für nachhaltiges Palmöl“ – auf ihre Kerzen. Zudem kündigte Lidl an, im Laufe des kommenden Jahres auch die übrigen Rohstoffe mit genauer Ursprungsangabe zu kennzeichnen. Trotzdem sei die Kennzeichnung "palmölfrei" kein Garant für ein nachhaltiges Produkt, sagt Karoline Kickler, Projektmanagerin für Naturschutz bei der Deutschen Umwelthilfe. Denn oft werde dann auf erdölbasiertes Paraffin zurückgegriffen.

"Wichtig ist, dass Palmöl aus umwelt- und sozialverträglichem Anbau stammt und mäßig konsumiert wird. Außerdem muss die EU als weltweit zweitwichtigster Palmölimporteur neben Indien und China zum Klimaschutzpartner der Tropenländer werden und Anreize und Investitionen in den Tropenwaldschutz verstärken."

Als Faustregel gilt: Nachhaltige Kerzen finden sich grundsätzlich eher bei den Eigenmarken von Supermärkten. Schlechter sieht es aus in Baumärkten, Einrichtungshäusern oder Deko-Geschäften. So zumindest das Ergebnis des Kerzenchecks der Deutschen Umwelthilfe.

Gütesiegel wenig aussagekräftig

Wenig Orientierung gibt dagegen das Gütesiegel GAL, das man im Fachhandel häufig findet. Es bescheinigt den Kerzen zwar eine hohe Qualität, messbar zum Beispiel an einer rauch- und rußfreien Verbrennung. Über die Herkunft der Rohstoffe trifft das Siegel aber keine Aussage. Auch der Hinweis, es handle sich um eine Kerze auf Grundlage von Bio-Ölen, hilft umweltbewussten Verbraucherinnen und Verbrauchern nur bedingt weiter, gibt Anna Frank von der Deutschen Umwelthilfe zu bedenken:

"Bio ist auf jeden Fall besser als konventionell, wenn es jetzt zum Beispiel Palmöl oder Rapsöl oder Soja oder was auch immer die Basis für die Kerze ist, dass dann bei diesem Anbau bestimmte Pestizide nicht genutzt werden durften. Aber die Nachhaltigkeitszertifizierung, die ist beim Palmöl zum Beispiel relevant, weil‘s da auch nochmal um die Entwaldung geht und das ist nicht unbedingt abgedeckt von einer Biozertifizierung."

Eine Stearin-Kerze auf ihren Nachhaltigkeitsgehalt hin zu überprüfen, ist also gar nicht so leicht. Wer auf Nummer Sicher gehen will, sollte im Zweifel um Palmöl möglichst einen Bogen machen, und Stearin auf Basis von Rapsöl kaufen. Das stammt nämlich fast sicher aus Europa - und wächst damit garantiert nicht in einer Urwaldrohdung.

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3. Paraffin-Kerzen: Die Braunkohle unter den Leuchtmitteln

Wenn Kerzen nicht aus Stearin gemacht sind, bestehen sie in Deutschland fast sicher aus Paraffin. Kerzen aus diesem Stoff sind fast immer die günstigste Wahl. Und niemals nachhaltig: Paraffin ist ein Nebenprodukt der Erdölproduktion. Bei seiner Herstellung werden also fossile Energien ausgebeutet, das klare Gegenteil einer erneuerbaren Ressource.

Wer also rund um Weihnachten ein kleines ökologisches Zeichen setzen will: Einfach beim nächsten Einkauf Kerzen aus Bienenwachs oder nachhaltigem Stearin anstelle von Paraffin besorgen. Es wäre eine Energiewende im Kleinen.

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