Gummistiefel im Test Dicht und ohne Schadstoffe?

AUTOR/IN

Wir testen neun verschiedene Gummistiefel im Labor auf Schadstoffe und finden bei manchen krebserregende und hormonell wirksame Stoffe. Sind die Stiefel wenigstens dicht?

Regenstiefel aus Gummi oder PVC

Viele Produkte enthalten gar kein Gummi, sondern bestehen aus PVC oder anderen Kunststoffen. Während Gummi, zumeist Naturkautschuk, von Natur aus elastisch ist, werden bei Stiefeln aus PVC in der Regel Weichmacher benötigt, damit das eher harte PVC geschmeidiger wird. Kritische Weichmacher wie Phthalate können über die Haut oder durch Ausdünsten in den menschlichen Körper gelangen. Sie haben eine hormonaktive Wirkung und können die Fortpflanzungsfähigkeit extrem stören. Dennoch gibt es keine gesetzlichen Grenzwerte für Weichmacher in Gummistiefeln.

Labortest: Schadstoffe in sechs von neun Stiefeln

In einer Stichprobe haben wir neun Regenstiefelmodelle unter 20 Euro von einem unabhängigen Labor prüfen lassen. Gummistiefel für Damen von Demar, Ernstings Family und Deichmann. Für Herren: Von Decathlon, Zapato und Pier One. Und für Kinder von Aldi Süd, Tchibo und Lidl. Im Labor wurde nach verschiedenen Schadstoffen gefahndet: Phthalate, PAK, Blei, Cadmium, 2-MBT (allergieauslösend) sowie nach potentiell krebserregenden kurzkettigen Chlorparaffinen.

"Da Gummistiefel gewöhnlich über einen längeren Zeitraum getragen werden, können Schadstoffe durch den Fußschweiß in den Körper gelangen. Das kann für den Verbraucher gefährlich sein und vor allem auch für Kinder," erklärt Chemikerin Ines Anderie vom Untersuchungslabor PFI Pirmasens die Problematik.

Das Labor-Ergebnis: Bei den Kinderstiefeln sind die Lidl-Stiefel klarer Favorit. Sie sind als einzige frei von Schadstoffen. Alle drei Modelle sind wasserdicht.
Bei den Damenstiefeln liegt Deichmann vorne. Die Stiefel fast schadstofffrei. Die von Demar enthielten verschiedene Weichmacher, die Ernstings Stiefel mehrere PAK, aber keine krebserregenden. Alle Stiefel waren wasserdicht.
Die Herrenstiefel von Decathlon und Pier One sind beide schadstofffrei. Die Stiefel von Zapato enthielten erhöhte PAK-Mengen, unter anderem krebserregende. Wasserdicht sind alle.

Eine Person geht mit Gummistiefeln durch eine Pfütze (Foto: Getty Images, Getty Images -)
Alle unsere getesteten Gummistiefel hielten dicht. Getty Images -

"Wenn man Gummistiefel über einen längeren Zeitraum trägt, können auch kleinere Mengen an krebserregenden PAK erhebliche Schäden auslösen. Obwohl keine gesetzlichen Grenzwerte überschritten sind, sollten diese krebserregenden Substanzen in den Stiefeln nicht vorhanden sein," sagt Chemikerin Dr. Ines Anderie.

Wir haben die betroffenen Händler und Hersteller um Stellungnahme zu den gefundenen Schadstoffen gebeten. Alle berufen sich darauf, dass ihre Produkte die gesetzlichen Grenzwerte unterschreiten.

Alle Stiefel sind wasserdicht

Immerhin - die Füße bleiben trocken in den Stiefeln aus unserer Stichprobe. Nach der Prüfung mit einem Druckluftverfahren im Wasserbad konnten die Physikexperten des PFI Pirmasens für alle Stiefel grünes Licht geben.

Tragekomfort

Im Praxischeck ging es um die Frage: Sind die Stiefel angenehm am Fuß oder ist das Material zu hart? Die Unterschiede waren minimal. Nur zwei Stiefel erschienen unseren Testern ein wenig zu hart. Beim „Off-Road-Check“ zeigten sich fast alle Stiefel auch rutschfest.

Stellungnahmen der Hersteller

Stellungnahme von Granpol Sp. z o.o. (Hersteller der Sohle der Demar-Stiefel) vom 31.03.2019

"(…) Die angeführten Weichmacher: DINP und DIDP stimmen mit REACH überein und dies bedeutet, dass sie innerhalb der von der ECHA (European Chemicals Agency) festgelegten Grenzen, die im ANNEX XVII enthalten sind und nachstehend angeführt sind, breit eingesetzt werden dürfen. 

(Entry 52 ANNEX XVII anbei)

1.    Der DINP- und DIDP-Gehalt darf eine Konzentration von 0,1% der Masse des plastifizierten Materials in Spielzeug und Kinderartikeln, die in den Mund eines Kindes reingesteckt werden können, nicht überschreiten.

2.    Spielzeug und Kinderartikel, die DINP und DIDP in Konzentrationen von mehr als 0,1% der Masse des plastifizierten Materials enthalte, dürfen nicht in Verkehr gebracht werden.

(…)

Die Möglichkeit einer sicheren Anwendung von DINP und DIDP auf der Grundlage der Regelungen von ANNEX VII ECHA wird durch European Plasticisers vom 13.06.2018 und anhand des Materials des DINP-Herstellers – der Firma ExxonMobil Chemical – bestätigt, das Material anbei. (…)"

Stellungnahme von Tchibo GmbH vom 25.03.2019

"Im November 2014 hat Tchibo das Detox-Commitment von Greenpeace unterzeichnet. Darin haben wir uns verpflichtet, bis 2020 unerwünschte Stoffe aus der Produktion von Textilien zu verbannen oder zu ersetzen. Auf diese Weise werden nicht nur die Beschäftigten in den Produktionsbetrieben, sondern auch die Konsumenten der Endprodukte geschützt.

Die von Ihrem Testinstitut durchgeführten Analysen bestätigen, dass die für unser Produkt gemessenen Werte deutlich unter den gesetzlichen (z.B. REACH) und den noch strikteren freiwilligen Grenzwerten privater Standards (z.B. CADS oder Ökotex 100) bleiben."

Stellungnahme von Ernstings Family GmbH & Co. KG vom 25.03.2019

"All unsere Produkte durchlaufen strenge Kontrollen. Jedes Produkt, das in den Verkauf geht, wird vorab sowohl extern durch renommierte Prüfinstitute wie Bureau Veritas, SGS, Intertek und TÜV Rheinland als auch durch interne Fachabteilungen überwacht. Dies erlaubt uns, durchgängig anspruchsvolle Qualitätsniveaus zu erreichen.

Bei einem erneuten Test zu dem von Ihnen erwähnten Produkt wurden durch Bureau Veritas im Obermaterial 2,3 mg/kg Naphthalin sowie 0,4 mg/kg Phenanthren und 0,7 mg/kg Pyren nachgewiesen. Bei der Prüfung der Sohle wurden 1,1 mg/kg Naphthalin sowie 0,4 mg/kg Phenanthren, 0,2 mg/kg Fluoranthen sowie 0,8 mg/kg Pyren nachgewiesen. Nach EG 1907/2006 Anhang XVII (REACH) sind acht PAK gesetzlich geregelt. In beiden Materialien wurden keine gesetzlich geregelten PAK nachgewiesen. Die Regenstiefel entsprechen bei den von Ihnen geprüften PAK den gesetzlichen Vorgaben, liegen ferner unter den Grenzwerten des Öko-Tex- Standard 100 und in Teilen sogar unter denen des GS-Prüfsiegels.

Der nachgewiesene Stoff 2-MBT gilt bei direktem Hautkontakt nach CLP (EG 1272/2008) als sensibilisierend und ist erst ab einem Grenzwert von 10.000 mg/kg hinweispflichtig. Hier liegen wir mit 23 mg/kg im Obermaterial und 19 mg/kg in der Sohle weit unter den Grenzwerten."

Stellungnahme von Aldi Süd vom 25.03.2019

"Die Verordnung (EG) 1907/2006 Anhang XVII (REACH) reguliert das Vorkommen von acht Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK). Sie gibt einen gesetzlichen Grenzwert von 1 mg/kg je Substanz vor. Von diesen acht geregelten PAK wurden in den untersuchten Gummistiefeln Benzo[a]anthracen im Obermaterial und Benzo[e]pyren in der Sohle nachgewiesen. In beiden Fällen wird der gesetzliche Grenzwert unterschritten. Die Stiefel erfüllen somit die gesetzlichen Anforderungen und können demnach so verkauft werden.

Darüber hinaus wurden in den Proben weitere PAK in Mengen nachgewiesen, die die Anforderung des GS Zeichens (geprüfte Sicherheit) erfüllen. Für diese Substanzen existieren keine gesetzlichen Grenzwerte. Außerdem weist die Untersuchung Werte an 2-MBT (2-Mercaptobenzothiazol) nach, das in der Gummiproduktion als Vulkanisationsbeschleuniger genutzt wird. Bei Verbraucherprodukten besteht keine gesetzliche Regelung hinsichtlich 2-MBT. Es wird gemäß CLP Verordnung (EG 1272/2008) für Gemische bis zu 1 Prozent (10.000 mg/kg) als "Skin Sens. 1" (Hautallergen Kategorie 1) eingestuft. Entsprechend gilt eine Konzentration von 41 mg/kg als nicht Haut allergisierend.

Die bei der Untersuchung nachgewiesenen PAK-Werte erfüllen somit die gesetzlichen Anforderungen. Bewertet man die Befunde anhand der Anforderungen des freiwilligen GS-Zeichens, ist ebenfalls keine Überschreitung festzustellen. Das GS-Zeichen stellt derzeit die wohl strengsten Anforderungen an PAK.

Zusätzlich sind die untersuchten Regenstiefel mit dem Bureau Veritas Quality Check (BVQC) Label ausgezeichnet und zertifiziert. Dieses Label gewährleistet eine systematische Kontrolle der Produktion und des Endproduktes. Die Qualität und Sicherheit wird von einem unabhängigen Prüfinstitut geprüft und bestätigt. Die Anforderungen für die Erteilung des BVQC Labels gehen ebenfalls über die gesetzlichen Richtlinien hinaus. Somit werden neben den gesetzlichen und unseren internen Anforderungen auch die Kriterien unabhängiger Dritter bei der Produktion berücksichtigt und eingehalten."

Stellungnahme von Zapato Europe GmbH vom 26.03.2019

"Gegenstand dieser Stellungnahme sind Untersuchungsergebnisse des WDR an Regenstiefeln „Zapato“ unisex. Hierbei wurden nach Angaben des WDR sowohl im Obermaterial als auch in der Sohle PAK nachgewiesen. Bei den ermittelten Ergebnissen wird angenommen, dass die Prüfung nach dem weit verbreiteten Verfahren nach AfPS mittels Toluol-Extraktion und Bestimmung durch GC/MS zur Anwendung kam. Es gibt dazu leider keine Informationen. Im Obermaterial handelt es sich demnach um Mengen von jeweils 0,2 mg/kg an Benzo[a]anthracen, Pyren und Naphthalin. Nach den Angaben des AfPS-Verfahrens liegt die Bestimmungsgrenze bei 0,2 mg/kg. Damit liegen die ermittelten Werte an der Untergrenze des Messverfahrens. Diese Werte liegen im Bereich der Anforderungen der „Kategorie 1“ bei der Zuerkennung des GS-Zeichens und sind somit als geringfügig anzusehen.

Für das Sohlenmaterial wurden leicht erhöhte Werte an Benzo[a]anthracen (0,5 mg/kg), ein mit dem Obermaterialvergleichbarer Wert an Naphthalin (0,2 mg/kg), sowie erhöhte Werte für die nicht eingestuften PAKs Fluoren (1,0mg/kg), Fluoranthen (2,2 mg/kg) und Pyren (5,8 mg/kg) ermittelt.

Für die 3 letztgenannten PAK liegt der Summengrenzwert bei 10 mg/kg für die „Kategorie 2“ für Verbraucherprodukte mit längerem Hautkontakt. Diese Werte bewegen sich in der Größenordnung des aktuellen Standes der Technik für schwarz gefärbte Polymere. Über die textile Innenauskleidung des Stiefels ist höchstens von indirektem Hautkontakt auszugehen. Die ermittelten Werte für das Obermaterial erscheinen dadurch für Produkte mit längerem Hautkontakt als nicht kritisch. Da die Sohle weder einen direkten noch längeren Hautkontakt aufweist, können die gefundenen erhöhten Werte, insbesondere an nicht als CMR eingestufte PAK ebenfalls nicht als kritisch angesehen werden. Die Grenzwerte nach REACH Anhang XVII Eintrag 50 für Produkte aus Gummi und Kunststoff werden klarunterschritten. 0,5 mg/kg Benzo[a]anthracen entsprechen hier z. B. dem Grenzwert, der für Spielzeugvorgegeben ist. Nach VERORDNUNG (EU) 2018/1513 liegt der Grenzwert für Schuhe bei 1 mg/kg.

Krebserzeugende PAK sollten in Verbraucherprodukten grundsätzlich minimiert werden, die gefundenen Werte liegen hier vergleichsweise im unteren Bereich, weshalb man nicht von wirklich kritischen Mengen sprechen kann.

Die im Mai 2018 von uns geprüften Stiefel wiesen im Vergleich erkennbar niedrigere Werte an Phenanthren (0,28mg/kg) und Pyren (0,45 mg/kg) in den entsprechenden Komponenten auf. Beide PAK sind nicht als CMR eingestuft. Hier sollte man nun im Bezug auf die vom WDR ermittelten Werte von Fertigungsschwankungen ausgehen (z. B. andere Rohmaterial-Chargen)."

AUTOR/IN
STAND