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Viele Patienten werden unzureichend gegen Migräne behandelt. Dabei bekommt man die Erkrankung heute besser in den Griff als vor Jahren. Wir zeigen Medikamente und Therapien, auch vorbeugende.

Etwa zehn Prozent aller Menschen leiden unter Migräne. Manche geben viel Geld aus, um ihre pochenden Kopfschmerzen, Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit sowie Sehstörungen mit fragwürdigen Methoden zu lindern. Andere wechseln jahrelang von Arzt zu Arzt und bekommen doch nicht die richtige Therapie. Welche Medikamente werden heute empfohlen, und welche Möglichkeiten der Prophylaxe gibt es? Wir sprechen mit SWR Marktcheck-Gesundheitsexperte Dr. Lothar Zimmermann.

Woher kommt eine Migräne?

Mittlerweile ist erforscht, dass es eine neurologische Erkrankung ist. Sie wird oft vererbt. Forscher vermuten, dass Nervenfasern, die zu den Blutgefäßen im Kopf laufen, durch Stress aktiviert werden. Es kommt zu einer Nervenentzündung. Dabei werden Botenstoffe freigesetzt, die die Blutgefäße erweitern, durchlässig und schmerzempfindlicher machen. Mit jedem Pulsschlag wird der Schmerz verstärkt, eine Migräneattacke beginnt.

Ein unregelmäßiger Tagesablauf etwa ist Gift für Migränepatienten, denn sie sollten allzu viel Stress meiden. Migränespezialisten lassen ihre Patienten auch einen Kopfschmerzkalender führen.

Migräne: stechende und pochende Schmerzen, die in Anfällen auftreten. (Foto: SWR, SWR Marktcheck)
Migräne: stechende und pochende Schmerzen, die in Anfällen auftreten. SWR Marktcheck

Wie verläuft eine Migräne und wie reagiert man richtig?

Migräne ist sehr individuell, verläuft in Phasen und je nachdem in welcher Phase ich bin, muss ich agieren, weil ich sonst unter Umständen in einen Zustand falle, in dem ich nichts mehr machen kann.  Deshalb ist es wichtig, ein Kopfschmerztagebuch zu führen, um zu wissen, wie oft leide ich darunter, habe ich eventuell schon eine chronische Migräne. Von einer chronischen Migräne sprechen Experten bei Patienten, die an mehr als 15 Tagen pro Monat unter Migräne-Attacken leiden. Etwa 15 Prozent der Patienten haben zudem eine Aura.

Ein Kopfschmerz-Tagebuch unterstützt die Suche nach Ursache und Verlauf der Migräne. (Foto: SWR, SWR Marktcheck)
Ein Kopfschmerz-Tagebuch unterstützt die Suche nach Ursache und Verlauf der Migräne. SWR Marktcheck

Was ist eine Aura?

Bei einer Migräne mit Aura gehen den Kopfschmerzen bestimmte Symptome voraus. So können zum Beispiel Sehstörungen, Kribbeln, Sprachstörungen, Schwindel oder selten sogar Lähmungen vorkommen.

Trigger - und richtige Medikamente zum richtigen Zeitpunkt

Wenn ich die Auslöser, die Trigger, für meine Migräne-Attacke kenne, kann ich reagieren. Sie unterscheiden sich aber von Mensch zu Mensch. Das können sein: Stress, Schlafmangel, zu wenig trinken, Fasten, bei Frauen oft vor der Menstruation durch den Östrogenabfall - aber auch, schwer zu begreifen, wenn man frei hat und zum Beispiel mal ausschläft. Für die meisten Migräne-Patienten ist ein unregelmäßiger Lebenswandel Gift. Denn auch regelmäßiges Essen ist wichtig. Das Gehirn von Migränepatienten muss gut mit Kohlehydraten versorgt sein. Ein Tipp von einem Arzt: Auch am Wochenende um 7 Uhr den Wecker stellen, aufstehen und dann noch mal hinlegen, das sei besser als auszuschlafen.

Was man zur Migräne-Therapie wissen muss

Zunächst sollte man zwischen Akuttherapie und Prophylaxe unterscheiden - also was mache ich, wenn der Migräneanfall bereits im Anflug ist und was mache ich zuvor, um solche Anfälle zu verhindern. Bei einem akuten Anfall schirmen sich die meisten erstmal ab, liegen im Dunkeln, bemühen sich um totale Reizabschirmung, Kühlung am Kopf, wenn es geht, schläft man. Zur Akuttherapie sind in erster Linie schnelllösliche Schmerzmittel geeignet, die sich oft auch gegen Entzündungen richten. Sie können mit Medikamenten gegen Übelkeit kombiniert werden.

Bei schwereren Symptomen der Migräne sind migränespezifische Medikamente, sogenannte Triptane, empfehlenswert. Sie blockieren die neurovaskuläre Entzündung, verengen die geweiteten Blutgefäße und wirken so gegen die Kopfschmerzen und auch gegen Übelkeit und Erbrechen. Triptane dürfen jedoch nicht bei unbehandeltem Bluthochdruck, koronarer Herzkrankheit und bei anderen Gefäßkrankheiten angewendet werden. Auch während einer Aura dürfen sie nicht eingenommen werden, erst danach, weil sonst das Risiko für einen Schlaganfall steigt.

Bei regelmäßigem Gebrauch von Triptanen an mehr als zehn Tagen pro Monat kann es zu einem chronischen Kopfschmerz kommen, der nur durch einen Entzug von diesen Triptanen unterbrochen werden kann. Das ist genau das Problem: Triptane kann nicht jeder nehmen, und man muss wie bei allen Schmerzmitteln vorsichtig sein, darf nicht zu häufig und zu viele Triptane einnehmen.

Die neue Migräne-Spritze als Prophylaxe

Diese Spritze ist ein neues Prophylaxe-Medikament, das erste spezifische Arzneimittel zur Prävention der Migräne. Mit ihr werden Antikörper verabreicht. Diese unterdrücken die körpereigenen Botenstoffe, die bei der Entstehung des Migräneschmerzes eine Rolle spielen. Die Migräne-Spritze soll die Häufigkeit der Migräne-Anfälle reduzieren. Manche Patienten haben sogar keine Migräne mehr.

Die Spritze wird monatlich verabreicht, eine Dosis kostet etwa 500 Euro. Weil sie verhältnismäßig teuer ist, übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung die Kosten erst, wenn alle anderen Prophylaxe-Methoden keine Wirkung gezeigt haben. Andere Prophylaxe-Medikamente wie Betablocker, Anti-Depressiva oder Anti-Epileptika sowie Herzmedikamente sind günstiger. Erst wenn diese erfolglos probiert worden sind - sie waren also unwirksam, wurden nicht vertragen oder waren kontraindiziert - werden die Kosten für die Migräne-Spritze übernommen.

Die Patienten müssen zudem mindestens 18 Jahre alt sein, sowie mindestens vier Migränetage im Monat und keine Durchblutungsstörungen haben. Auf jeden Fall sollte man sich von einem Facharzt begleiten lassen, wenn man meint, die Migräne-Spritze könnte helfen.

Nicht-medikamentöse Therapien zur Prophylaxe gegen Migräne

Es gibt in der Migränetherapie auch nicht-medikamentöse Behandlungen, gerade im Bereich der Prophylaxe. Besonders anerkannt ist das sogenannte Biofeedback-Verfahren: Laut Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie kann die Migränehäufigkeit durch Biofeedback um bis zu 45 Prozent verringert werden. Vor allem Patienten, die sehr häufig unter Migräne leiden, profitieren davon, sagen Experten.

Psychotherapeutin Elena Böbel, SRH Klinik Karlsbad, arbeitet mit einer Patientin mit Biofeedback. (Foto: SWR, SWR Marktcheck)
Psychotherapeutin Elena Böbel, SRH Klinik Karlsbad, arbeitet mit einer Patientin mit Biofeedback. SWR Marktcheck

Dr. Michael Fritz, Facharzt für Neurologie an der Schmerzklinik in Karlsbad-Langensteinbach, erklärt: „Es gibt beim Migräne-Anfall zwei wichtige Mechanismen, das eine ist eine zu starke Hirndurchblutung, die unbewusst abläuft, das andere eine zu hohe Anspannung, zum Beispiel der Nackenmuskulatur. Mit einem Hilfsmittel, dem Biofeedback, kann ich das visualisieren, dann durch geeignete Übungen mit dem eigenen Willen beeinflussen und so Anfälle zu reduzieren.“

Dr. Michael Fritz, SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach, behandelt Migräne mit Medikamenten und nicht-medikamentös. (Foto: SWR, SWR Marktcheck)
Dr. Michael Fritz, SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach, behandelt Migräne mit Medikamenten und nicht-medikamentös. SWR Marktcheck

Die Patienten schaffen es im Idealfall, durch die Kraft ihrer Gedanken ihre Arterie zu verengen. Elena Böbel, Psychotherapeutin an der Schmerzklinik, betont: „Das Besondere daran ist, dass Patienten die Selbstwirksamkeit erleben. Sie können aktiv etwas gegen die Migräne tun, der sie sich sonst hilflos ausgeliefert fühlen.“ Sie weiß aber auch, wie schwierig es sein kann, dieses Entspannungsverfahren im Alltag anschließend regelmäßig anzuwenden. „Das regelmäßige tägliche Üben ist das A und O, damit diese Entspannung als Prophylaxe für die Migräne funktionieren kann.“

Biofeedback funktioniert durch mentale Kraft, ohne Medikamente. (Foto: SWR, SWR Marktcheck)
Biofeedback funktioniert durch mentale Kraft, ohne Medikamente. SWR Marktcheck

Dr. Michael Fritz, ergänzt: „Es hat sich gezeigt, dass bei häufiger Migräne und Attackenzahl die nichtmedikamentöse Therapie immer mehr in den Vordergrund rückt.“ Bei manchen Patienten zeige sich, dass sie genauso wirksam sein kann wie eine Tablettentherapie.

Ernährung als Ursache für Migräne

Ernährung kann, so Dr. Lothar Zimmermann, gelegentlich ein Trigger sein für Migränepatienten, aber wesentlich seltener als von den Patienten genannt. Trotzdem ist es wichtig, in seinem Kopfschmerztagebuch solche Dinge zu notieren. Öfter werden da Alkohol, Schokolade oder Käse genannt, aber auch Glutamat und Südfrüchte. Experten gehen davon aus, dass es auch Lebensmittelunverträglichkeiten sein können, die nichts mit der Migräne zu tun haben, aber dennoch zu Kopfschmerzen führen. Oder auch sogenannte Nocebo-Effekte: Man hat die negative Erwartungshaltung, Schmerzen zu bekommen, wenn man etwas Spezielles isst.

Deshalb gibt es wohl keine allgemein gültigen Regeln, welche Lebensmittel zu vermeiden sind. Auch der Eindruck vieler Patienten, durch Schokolade den Migräne-Anfall zu bekommen, ist trügerisch, weil der Heißhunger auf Süßes schon zum Anfall selbst gehört.

Wichtige grundsätzliche Tipps

Man weiß, dass ein regelmäßiges Leben, Ausdauersport und Entspannungsübungen guttun. Entscheidend ist, einen guten Facharzt zu finden, der die richtige, individuelle, maßgeschneiderte, auch medikamentöse, Therapie begleitet. Denn immer noch zu oft werden Migränepatienten nicht ernst genommen und leiden unter den Vorurteilen Dritter.

Deshalb: Alle, die keine Migräne haben, sollten sich Sätze verkneifen wie „Das sind ja nur Kopfschmerzen“ oder „Geh doch mal an die frische Luft“ oder „Du nimmst aber viele Medikamente“. Denn all das nimmt den Migränepatienten und seine Krankheit nicht ernst.

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