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Abstandsregeln und höhere Bußgelder: Durch eine Novelle der Straßenverkehrsordnung soll das Radfahren sicherer werden. Was ist neu? Wie wird es umgesetzt? Und was bewirken die Änderungen?

Änderungen für Autofahrende im Umgang mit Radfahrern

  • Mindestüberholabstand: Autofahrer müssen einen festgeschriebenen Mindestüberholabstand von 1,5 Metern innerorts und 2,0 Metern außerorts beim Überholen von Radfahrern einhalten. Bisher war im Gesetz nur die Rede von ausreichendem Sicherheitsabstand und es oblag den Gerichten festzustellen, ob der gegeben war oder nicht.
  • Höhere Bußgelder für Parkverstöße: Für das Parken auf Geh- und Radwegen sowie für das Halten in zweiter Reihe gelten höhere Bußgelder. Die bisherigen Bußgelder von 15 bis 30 Euro erhöhen sich auf 55 und bis zu 100 Euro. Und nun gibt es bei Parkverstößen in Kombination mit einer Gefährdung zusätzlich auch einen Punkt in Flensburg.
  • Bußgelder für gefährdendes Abbiegen und das sogenannte Dooring: Werden Radfahrer durch abbiegende PKWs gefährdet, wird ein Bußgeld von 140 Euro statt wie bisher 70 Euro fällig. Zusätzlich gibt es einen Monat Fahrverbot. Bei einer Gefährdung eines Radfahrers durch plötzlich aufgerissene Autotüren (Dooring) drohen 40 statt 20 Euro.
  • Das Halten auf Radschutzstreifen ist verboten! Damit entfällt das bisher erlaubte Halten von bis zu drei Minuten.
  • Ausgeweitetes Parkverbot: Vor Kreuzungen und Einmündungsbereichen wurde neben Radwegen das Parkverbot auf acht Meter ausgeweitet.
  • Schrittgeschwindigkeit für rechtsabbiegende LKW: Um Abbiegeunfälle zu vermeiden, dürfen Kraftfahrzeuge über 3,5 t nur noch mit Schrittgeschwindigkeit (7 bis 11 km/h) rechts abbiegen, schneller nur dann, „wenn nicht mit Radverkehr zu rechnen ist“, so die ergänzende Einschränkung. Schritttempo gibt dem Lkw-Fahrer mehr Zeit, die Abbiegesituation zu überblicken. Das Bußgeld für die Missachtung beträgt 70 Euro, dazu kommt ein Punkt in Flensburg

Das ändert sich für Radfahrer

  • Das Nebeneinanderfahren von Radfahrenden ist öfter erlaubt: Sofern anderer Verkehr nicht behindert wird, darf man auf dem Rad zu zweit nebeneinander fahren.
  • Grünpfeil nur für den Radverkehr: Ein spezielles Verkehrszeichen erlaubt das Rechtsabbiegen bei roter Ampel nur für Radfahrende, nach vorherigem Anhalten. Der Grünpfeil für den Kfz-Verkehr gilt nun auch für Radfahrende.
  • Fahrradzonen: Mit dem neuen Verkehrszeichen können nun größere zusammenhängende Bereiche nach den Regeln für Fahrradstraßen eingerichtet werden.
  • Personenbeförderung: Auch Menschen jenseits des Kindesalters dürfen nun auf Fahrrädern mitgenommen werden, die auch zur Personenbeförderung gebaut und eingerichtet sind.
  • Beschilderung von Fahrradstraßen in Tempo-30-Zonen vereinfacht: Wenn eine Fahrradstraße durch eine Tempo 30-Zone verläuft, kommt die Straßenverkehrsbehörde an den Querungsstellen der Fahrradstraße künftig mit weniger Verkehrszeichen aus.
  • Besser sichtbare Markierung: Eine weiße Fahrstreifenbegrenzung links und rechts macht Radwege außerorts besser erkennbar.
  • Bußgelderhöhung für das Radfahren auf Gehwegen: Zum Schutz von Fußgängern wurden die Bußgelder für das Fahren auf Gehwegen auf das neue Kfz-Niveau angehoben und stiegen so von 10 bis 25 Euro auf 55 bis 100 Euro.
  • Neue Verkehrszeichen für den Radverkehr: Die Verkehrszeichen Fahrradzone, Radschnellweg, Überholverbot von Radfahrenden, Zusatzzeichen Lastenrad (z. B. für Parkflächen), „Haifischzähne“ zur Markierung der Vorfahrt von Radwegen sind demnächst neu im Straßenbild.

Sicherheitsempfinden der Radfahrer wird gestärkt

Riskante Überholmanöver mit knapp vorbeifahrenden Autos, Rücksichtslosigkeit und das beklemmende Gefühl der Gefahr, dass damit einhergeht, das kennen viele Radfahrer. Deshalb ist es gut, dass es jetzt die neuen Regeln gibt, doch was heißt das in der Praxis?

Für den Verkehrsreferent im Baden-Württembergischen Innenministerium Timon Kuntz bringen die neuen Verordnungen vor allem erstmal Handlungssicherheit, da die Abstände  beim Überholen jetzt festgeschrieben sind, also nicht mehr aus der Rechtsprechung abgeleitet werden müssen und jeder das nachlesen kann. Und so werde das Sicherheitsempfinden der Radfahrer gestärkt, so der Experte. Er gibt jedoch zu bedenken, dass im Jahr 2019 gerade mal drei Prozent aller Fahrradunfälle auf nicht ausreichenden Abstand zurückzuführen waren.

Für Thomas Fläschner vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub sind diese Neuregelungen trotzdem ein guter erster Schritt, er betont aber auch die Wichtigkeit von Kontrollen.  

„Es ist sehr gut, dass es diese neuen Abstandsregeln gibt, dass die jetzt auch gesetzlich festgeschrieben sind, nicht nur gerichtlich. Jetzt muss es halt weitergehen. Es müssen technische Messgeräte entwickelt und installiert werden, damit dass auch gerichtsfest kontrolliert werden kann. Und diese Kontrollen müssen dann auch erfolgen.“

Thomas Fläschner vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub

Laut Timon Kuntz geschehe das bereits, indem je nach örtlicher Lage die Ordnungshüter die Straße ausmessen. Daraus ergebe sich vielerorts ein faktisches Überholverbot. Wenn beispielsweise auf der Straße noch eine Reihe Autos parke, sei schlichtweg kein Platz mehr da, um diese Abstände einzuhalten. Und wer dann trotzdem überholt, der müsse damit rechnen, auch angezeigt zu werden.  Es gelte der Grundsatz, dass man im Zweifelsfall nicht überholen kann. Insbesondere bei Verkehrssituationen mit Gegenverkehr müsse man sich halt im Zweifelsfall gedulden und dahinter bleiben. Und wer sich unsicher sei, wie man sich den Abstand so vorstellen muss, für den hat er einen guten Tipp.


„Das einfachste ist, sich nochmal zwei Fahrräder daneben vorzustellen. An denen müssen Sie vorbei, dann passt der Abstand innerorts.“

Timon Kuntz, Verkehrsreferent im Baden-Württembergischen Innenministerium

Bezüglich technischer Lösungen sieht er aber das Problem, dass alle Geräte, mit denen die Polizei Geschwindigkeiten oder Abstände beweisverwertbar messen möchte, in einem aufwändigen Verfahren von einer zentralen Stelle abgenommen werden müssen. Und es nach seinem Kenntnisstand bislang noch keine zugelassenen Geräte gibt.

Der tote Winkel beim Rechtsabbiegen bleibt eine Gefahr

Zwischen 30 und 40 Radfahrer sterben in Deutschland jedes Jahr, weil sie von LKW-Fahrern beim Rechtsabbiegen übersehen werden. Und das hat einen Grund: Der Lkw will abbiegen, der Radfahrer will geradeaus weiterfahren. So gerät gerät der Radfahrer in den sogenannten „toten Winkel“, einen Bereich, den der Lkw-Fahrer in seinen Spiegeln nicht sehen kann. Wenn der Radfahrer in so einer Situation nicht bremst, ist ein Unfall mit schlimmsten Folgen fast unausweichlich.

Durch die Verkehrsnovelle dürfen Fahrzeuge ab dreieinhalb Tonnen jetzt überall dort, wo damit zu rechnen ist, dass Fahrradfahrer oder Fußgänger unterwegs sind, nur noch in Schrittgeschwindigkeit – also mit 7 bis 11 km/h - nach rechts abbiegen. Das hat den Effekt, dass alles viel langsamer abläuft und alle Beteiligten reagieren können, bevor es zu kritischen Situationen kommt.

Auch die Radfahrer sind gefordert

Trotzdem appelliert der Experte an alle Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer, dass sie bitte auch weiterhin nicht direkt neben einem LKW an die Kreuzung hinfahren. Er empfiehlt lieber ein bisschen vor dem LKW oder dahinter zu bleiben.

Es sei wichtig, aufeinander Acht zu geben und Rücksicht zu nehmen. Und für Thomas Fläschner vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub ist es auch an den Radfahrern, sich an die Regeln zu halten.

„Die Radfahrer sollten sich selbst gut an die StVO halten, sie sollten immer sichtbar sein, sie sollten immer mit den Fehlern der anderen rechnen und sich aber auch offensiv im Straßenverkehr verhalten, damit sie wahrgenommen werden.“

Thomas Fläschner vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub

Wer dann noch bei seinem Fahrrad auf die Verkehrssicherheit achtet, im Dunkeln mit Licht fährt, helle Kleidung (oder sogar eine Warnweste) und einen Helm trägt, leistet einen guten Beitrag für die eigene Sicherheit.

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