Lifestyle-Medikament Finasterid Tote Hose statt kahlem Kopf?

Gegen Haarausfall bei Männern verspricht ein Medikament Abhilfe. Und tatsächlich: Die Haare wachsen wieder. Doch unter Umständen zahlt man einen hohen gesundheitlichen Preis.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
20:15 Uhr
Sender
SWR Fernsehen

Haarausfall ist ein Problem, das größtenteils Männer betrifft. Oft werden die Haare schon in jüngeren Jahren spärlicher, der Hinterkopf wird kahl und es entstehen Geheimratsecken: Das Selbstbewusstsein bekommt mitunter einen Knacks und vor allem junge Betroffene fühlen sich ausgegrenzt.

Die Pharmaindustrie verspricht Abhilfe durch ein Medikament mit dem Wirkstoff Finasterid. Er ist eigentlich zugelassen zur Behandlung einer vergrößerten Prostata, doch er lässt auch Haare wieder wachsen.

„Lebensfreude aus dem Labor“, „Hoffnung für Millionen Männer“, „Rapunzelpille für den Mann“ - Jubel-Schlagzeilen von Süddeutsche Zeitung, Spiegel, Welt am Sonntag zur Markteinführung von Propecia  (Foto: SWR)
Jubel-Schlagzeilen verschiedener Zeitungen zur Markteinführung von Propecia

1999 kommt in Deutschland mit Propecia das erste Medikament mit dem Wirkastoff speziell zur Behandlung von erblich bedingtem Haarausfall auf den Markt. Und es wird vielfach verschrieben, insbesondere von Spezialisten wie etwa Dermatologen.

Seit Markteinführung Meldung über Nebenwirkungen

Doch schon seit der Markteinführung von Finasterid gehen bei den Behörden Meldungen über Nebenwirkungen ein. Laut Studien gaben damals schon vier Prozent der Männer, die das Mittel einnahmen, an, unter Libidoverlust, Erektionsstörungen oder Ejakulationsstörungen zu leiden.

Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des unabhängigen Arznei-Telegramms, warnte bereits bei der Markteinführung vor bedenklichen, möglichen Nebenwirkungen von Finasterid:

Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des unabhängigen Arznei-Telegramms (Foto: SWR)
Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des unabhängigen Arznei-Telegramms

„Es gibt zwei Bereiche, die sind besonders gravierend. Der eine das ist der Bereich der Sexualitätsstörung, also Impotenz, Libidoverlust, Erektionsstörungen, Ejakulationsstörungen. Und der andere Bereich ist letztendlich die Psyche, die Depression und auch die Selbstmordtendenzen. Das sind alles sehr gravierende medizinische Wirkungen, die für Lifestylemedikamente intolerabel sind.“

Wolfgang Becker-Brüser

Doch kamen solche Warnungen überhaupt bei den Patienten an?

Viele erfahren davon nichts und nehmen Finasterid über mehrere Jahre ein. Das Mittel wirkt, doch nach einiger Zeit treten auch Nebenwirkungen, wie Konzentrationsschwäche, Gereiztheit und erektile Dysfunktion. Auch schwere Depressionen gehören zu den nachgewiesenen Folgen.

Ein mehrfaches Dilemma, denn um den Haarwuchs zu erhalten, muss Finasterid dauerhaft eingenommen werden. Wer es aber aufgrund der Nebenwirkungen absetzt, verliert auch wieder seine Haare- Doch die Nebenwirkungen verschwinden meist nicht so schnell, zuweilen dauert es Jahre bis sie ganz verschwunden sind.

Gravierende Nebenwirkungen bei einem Lifestyle-Medikament, das nur kosmetische Wirkung hat.

Der Fachanwalt für Medizinrecht Jörg Heynemann vertritt Betroffene und hat jahrelang Unterlagen zu Finasterid gesammelt. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen die Pharmakonzerne.

Jörg Heynemann, Fachanwalt für Medizinrecht (Foto: SWR)

„Das war natürlich in Deutschland einfach ein Verkaufsschlager. Das ist eine Pille, die wirft man ein und plötzlich fallen die Haare nicht mehr aus. Das ist an sich erstmal wunderbar und entsprechend haben die Pharmahersteller auch daran verdient. Und dann haben die Pharmahersteller natürlich auch kein Interesse daran, dass diese Nebenwirkungen, die eben zum Teil ganz gravierend sind, publik werden. Und deshalb hat man so nach und nach, wenn es nicht mehr anders ging, eine Nebenwirkung nach der anderen noch aufgenommen, ohne den ganzen Komplex.“

Jörg Heynemann, Fachanwalt für Medizinrecht

In den Beipackzetteln heißt es heute nur:
„Die Nebenwirkungen waren während der Behandlung gewöhnlich vorübergehend und verschwanden nach Ablauf der Behandlung.“

Von „andauernden Schwierigkeiten bei der Erektion nach dem Absetzen des Mittels etwa wollen die Hersteller weiterhin nichts wissen. Laut Beipackzettel heißt es an dieser Stelle: „Nicht bekannt. Häufigkeit aufgrund der verfügbaren Datenlage nicht abschätzbar.“

Erster Prozess gegen Pharmafirma

Am Landgericht Berlin hat im Januar 2019 der erste Prozess wegen Finasterid begonnen. Ein Mann klagt gegen eine Pharmafirma. Er bekomme trotz des Absetzens von Finasterid keine Erektion mehr, sei impotent und depressiv, so der Grund für seine Klage.

Es geht auch um die Frage, ob sich eine Pharmafirma verantworten muss, wenn ihr Arzneimittel schlimme Nebenwirkungen hervorruft.  Der Geschädigte hofft auf Schmerzensgeld.

„Das schlimme daran ist, dass diese Nebenwirkungen irreversibel sind, also die bleiben für den Rest des Lebens und das ist natürlich ein Wahnsinnseinschnitt, wenn ein Anfang 30-Jähriger für sein Leben keine Erektion mehr bekommt, wenn er kognitiv eingeschränkt ist, also sich nicht mehr konzentrieren kann oder eben auch psychische Probleme bekommt.“

Jörg Heynemann, Vertreter der Geschädigten

Wie konnte Finasterid so lange auf dem Markt sein, bedenkenlos von Ärzten verschrieben werden?
Wolfgang Becker-Brüser sieht die Pharmalobby am Werk. Auch die Ärzte seien über die Dauer-Nebenwirkungen nicht hinreichend aufgeklärt gewesen:

„Das stand schon vor zehn Jahren drin, aber so formuliert, dass man dachte, das hält länger an, aber dass es 10 Jahre und länger anhalten kann, das muss deutlich gemacht werden.“

Wolfgang Becker-Brüser

Wir fragen nach beim Pharmakonzern MSD, der das Finasterid-Produkt Propecia vertreibt. Hier heißt es, man prüfe laufend Berichte über unerwünschte Ereignisse und aktualisiere entsprechend die Packungsbeilage. Zu möglichen anhaltenden Nebenwirkungen nach Absetzen des Medikaments teilt uns MSD mit:

„Obwohl einzelne [...] Symptome als unerwünschte Ereignisse gemeldet wurden und in den Fach- und Gebrauchsinformationen des Arzneimittels angegeben sind, liegen keine verlässlichen wissenschaftlichen Belege vor, dass sie [...] nach Absetzen der Therapie persistieren oder auf die Einnahme von PROPECIA® zurückzuführen sind.“

Pharmakonzern MSD

Erst im Sommer 2018 – fast 20 Jahre nach Einführung – verschicken die Hersteller und Vertreiber eine Warnmeldung an Ärzte, dass Nebenwirkungen auch noch Jahre nach dem Absetzen fortbestehen können.

Trotzdem, das Mittel ist weiter auf dem Markt. Wolfgang Becker-Brüser jedenfalls hat dazu eine klare Meinung:

„Rational gesehen kann man diese Anwendung weder befürworten, noch befürworten , dass es irgendwie vermarktet wird. Eigentlich müsste es vom Markt kommen, weil es so eindeutig ist: Es wirkt schwach, es wirkt nur solange man es einnimmt und es kann ganz beträchtliche unerwünschte Wirkungen haben, die für ein Lifestyle-Mittel intolerabel sind.“

Wolfgang Becker-Brüser
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