Abzocke im Netz?

Fragwürdige Geschäfte mit Fake-Negativbewertungen

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Immer öfter bekommen Unternehmen auf ihrem Google-Profil schlechte Bewertungen von unbekannten Kunden. Agenturen bieten an, sie löschen zu lassen – gegen Bezahlung. Betroffene haben einen Verdacht.

Gute Bewertungen sind für Unternehmen und Dienstleister essenziell, schließlich ist die Konkurrenz in vielen Branchen riesig. Und: Zahlreiche Verbraucher orientieren sich an den Bewertungen im Netz. Dabei sind für viele nicht nur die positiven Rezensionen ausschlaggebend, sondern vor allem auch die negativen Erfahrungen anderer entscheidend. Das bekommen Firmen und Dienstleister immer wieder zu spüren.

„Negative Bewertungen stellen eine finanzielle Gefahr für das ganze Unternehmen dar. Die Kunden lesen das, und gehen im schlimmsten Fall zum Mitbewerber.“

Der Unternehmer Robert Münch hat vor einigen Monaten selbst Erfahrungen mit den Auswirkungen negativer Google-Bewertungen gemacht. Er betreibt einen Handy-Reparatur-Service und sein Geschäft läuft eigentlich gut, doch plötzlich erhält Münch über Nacht mehrere 1-Sterne-Bewertungen. Er wundert sich über die Namen der Rezensenten, denn diese sind nicht in der Kundendatenbank zu finden. Außerdem stammen sie gar nicht aus der Region. Deshalb befürchtet der Unternehmer: Hier muss es sich um Fake-Bewertungen handeln.

Negative Fake-Bewertung bei Google - kommen sie von Lösch-Agenturen, die daraus Profit schlagen wollen? (Foto: SWR)
Negative Fake-Bewertung bei Google - kommen sie von Lösch-Agenturen, die daraus Profit schlagen wollen?

Fake-Bewertungen in jeglichen Branchen

Auch in anderen Branchen gibt es offenbar vermehrt falsche Rezensionen. Claudia Weber-Multhaupt ist Hausärztin in Trier und vor einigen Wochen über eine besonders negative Bewertung über ihre Praxis bei Google gestolpert: „Unglaublich unfreundlich, überhaupt nicht kundenorientiert und gibt Beratung ab, die ich mir definitiv sparen könnte. Zeitverschwendung!“, heißt es dort.

Die Ärztin kann sich die Rezension nicht erklären, will wissen, wer sie geschrieben hat und sucht in ihren Patientenakten nach der Verfasserin. Fündig wird sie jedoch nicht. Die Frau, die die Bewertung bei Google verfasst hat, scheint überhaupt keine Patientin von ihr zu sein.

Claudia Weber-Multhaupt forscht nach und findet die Urheberin des Kommentars im Netz. Sie schreibt sie an, doch eine Antwort bekommt sie nicht. Stattdessen meldet sich wenige Tage später eine Agentur, „die Lösch-Fabrik”, bei ihr. Diese wirbt damit, negative Kommentare bei Google verschwinden lassen zu können. Ein Zufall?

Dubiose Geschäftsmodelle mit Fake-Bewertungen? 

„Zahlung nur im Erfolgsfall. Qualität-Garantie. Wir helfen!” Damit werben Anbieter im Netz, die eine Löschung negativer Google-Bewertungen anbieten. Die Angebote sogenannter Lösch-Agenturen klingen verlockend.

Die Lösch-Agentur "Goldstar Marketing". (Foto: SWR)
Agenturen wie "Goldstar Marketing" bieten Betrieben an, negative Google-Bewertungen kostenpflichtig zu löschen.

Auch Robert Münch, der Betreiber des Handy-Reparatur-Services, bekommt kurz nach dem Auftauchen der Negativ-Bewertungen ein Angebot von einer Lösch-Agentur. In seinem Fall schreibt ihm die Firma Goldstar Marketing. Sie bietet ihm an, die negativen Google-Bewertungen für rund 160 Euro löschen zu lassen.

Münch findet das merkwürdig: Erst bekommt er negative Google-Bewertungen von unbekannten Verfassern und kurz danach meldet sich eine Lösch-Agentur. Er geht von einem Zusammenhang aus und hat einen bösen Verdacht: Lassen die Lösch-Agenturen die Betriebe erst negativ bewerten, um ihnen im Nachhinein eine kostenpflichtige Löschung anzubieten?

Wir konfrontieren die Lösch-Agentur mit dem Verdacht, doch unsere Marktcheck-Anfrage bleibt unbeantwortet. Die Agentur selbst gibt an, ihren Deutschland-Sitz in Berlin zu haben, doch unsere Reporterin findet an der vermeintlichen Adresse keine Agentur mit dem Namen Goldstar Marketing.

„Die Löschfabrik“, die die Ärztin aus Trier kontaktiert hatte, geht während unserer Recherchen offline. Sie wurde von einem Rechtsanwalt abgemahnt. Ein weiterer Anbieter ebenso. Goldstar Marketing ist jedoch immer noch im Geschäft.

Fake-Bewertungen können gelöscht werden

Google-Bewertungen können gelöscht werden, allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen, erklärt Rechtsanwalt Karsten Gulden aus Mainz. Auch an ihn wenden sich immer wieder Mandanten, die Bewertungen löschen lassen wollen.

„Wenn dort falsche Behauptungen veröffentlicht werden, also auch Lügen oder falsche Aussagen über Produkte, die man bei dem Unternehmen kaufen kann, oder jemand falsche Aussagen macht zu den Dienstleistungen, dann kann man dagegen vorgehen. Aber auch, wenn die Bewertungen von Personen abgegeben wurden, die mit dem Unternehmen überhaupt keinen Kontakt hatten, […] das bewertet wurde.“

Bei Google sind Lösch-Agenturen wie "Goldstar Marketing" zu finden.  (Foto: SWR)
Lösch-Agenturen machen ein Geschäft mit den negativen Fake-Bewertungen.

Auch der Rechtsanwalt hat schon häufiger gehört, dass Lösch-Agenturen offensiv auf Unternehmen mit Negativbewertungen zugehen. Rechtlich bewegen sich manche Löschagenturen allerdings auf dünnem Eis. Denn laut Gulden dürfen die Agenturen keine Rechtsberatung durchführen. Sollten sie dies trotzdem tun, verstoßen sie gegen Recht und Gesetz. Nur ein Rechtsanwalt darf rechtsberatend tätig werden.

Unternehmer Robert Münch engagiert letztendlich einen Anwalt, der die negativen Fake-Bewertungen für ihn löschen lässt.

So erkennt ihr Fake-Bewertungen

1-Sterne-Bewertung bei Google. (Foto: SWR)
Eine negative Fake-Bewertung bei Google.

In den vergangenen zwei Jahren hat Google rund 130 Millionen Bewertungen gelöscht, weil sie gegen Google-Richtlinien verstoßen haben. Fachleute raten Nutzern dazu, sich eher die Drei- oder Vier-Sterne-Rezensionen durchzulesen. Mehr Informationen gibt es hier:

Wie viele weitere negative Fake-Bewertungen es bei Google noch gibt, ist unbekannt - vermutlich viele Millionen. Beim Lesen von besonders schlechten Bewertungen sollte man daher kritisch sein. Kundenbewertungen sollen die Kaufentscheidung zwar erleichtern, aber längst nicht alle sind wirklich echt.

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