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Wichtige Medikamente sind nicht lieferbar: Damit haben Patienten schon länger zu kämpfen. Die Corona-Krise verschärft das Problem nun. Was können Patienten tun?

Auf der Website des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte sind die Medikamente aufgeführt, bei denen es Lieferengpässe gibt. Von einem Lieferengpass spricht man, wenn ein Medikament über mindestens zwei Wochen nicht verfügbar ist.

Die Liste der Medikamente wird immer länger. Darunter zählen auch zahlreiche Standardmedikamente wie Blutdrucksenker, Schmerzmittel oder Antidepressiva. Allerdings ist das Ministerium auf freiwillige Meldungen der Pharmaunternehmen angewiesen.

Anzeige Lieferengpass Popofol aus Medikamenten-Datenbank (Foto: SWR)
Für Propofol wurde ein Lieferengpass gemeldet.

Lieferengpässe gibt es schon länger

Das Problem ist nicht neu: Schon im vergangenen Jahr waren in Deutschland manche Arzneimittel monatelang nicht erhältlich. Grund dafür ist die zunehmende Zentralisierung in der Produktion. Bestimmte Wirkstoffe werden nur an jeweils wenigen Standorten hergestellt. Gibt es an einer Produktionsstätte Probleme, wirkt sich dies direkt auf den weltweiten Medikamentenmarkt aus.

Die Zentralisierung hat wiederum mit dem steigenden Kostendruck zu tun. Die Krankenkassen geben bei Ausschreibungen um Wirkstoffe den günstigsten Anbietern den Zuschlag – häufig Unternehmen in Fernost, die billiger produzieren können. Für Hersteller, die den Zuschlag nicht erhalten, lohnt sich oft das Geschäft nicht mehr, so dass sie die Produktion einstellen.

Lockdown in Indien

Die Corona-Krise verschärft dieses Problem. Indien als wichtiges Produktionsland für Wirkstoffe hat beispielsweise umfassende Ausgangssperren verhängt.

Die Fabrik Penam Laboratories stellt Wirkstoffe für Antibiotika her. Nun musste sie schließen.

"Seit die Regierung den Lockdown beschlossen hat, kommen die chemischen Grundstoffe, die wir benötigen, nicht mehr bei uns an."

Dr. P. N. Pandey, Penam Laboratories

Hinzu kommt, dass Indien Exportverbote für Arzneimittel erlassen hat, um zunächst die eigene Bevölkerung versorgen zu können, gibt Arzneimittelexperte Gerd Glaeske zu Bedenken.

Apothekerin mit Mundschutz wegen Corona liest Informationen auf Medikamenten-Packung (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa)
Apotheken bemühen sich bei Engpässen um alternative Medikamente. picture alliance/Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Ibuprofen statt Paracetamol?

Bestimmte Nachrichten im Zusammenhang mit dem Coronavirus zeigen direkte Auswirkungen. So ging die Meldung durch die Presse, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO von Ibuprofen zwischenzeitlich abgeraten habe. Die Folge war, dass die Kunden Ibuprofen mieden und Paracetamol hamsterten. Auch nachdem die WHO ihre Warnung zurückgezogen hat, werde Paracetamol verstärkt nachgefragt, berichtet Apotheker Christof Mühlschlegel aus Esslingen.

Verschiedene Packungen mit Schmerzmittel Ibuprofen, von dem kurzzeitig in Zusammenhang mit Corona gewarnt wurde (Foto: SWR)
Von Ibuprofen hatte die WHO kurzzeitig abgeraten.

Chloroquin nicht lieferbar

Auch eine weitere Schlagzeile zeigt Wirkung. US-Präsident Donald Trump und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatten den Wirkstoff Chloroquin als Wunderwaffe im Kampf gegen Corona ins Spiel gebracht. Die Folge: Das Mittel ist vielerorts nicht mehr lieferbar.

Lupus-Erkrankte besonders betroffen

Dies wird zum ernsten Problem für Menschen, die das entzündungshemmende Medikament dringend benötigen. Dazu zählen beispielsweise Erkrankte, die unter der Autoimmunerkrankung Lupus leiden. Die Deutsche Rheuma-Liga hat Infos rund um Chloroquin für Lupus-Patienten zusammengestellt.

Packung mit Chloroquin, welches angeblich bei Corona helfen soll (Foto: SWR)
Menschen mit der Krankheit Lupus benötigen Chloroquin dringend.

Es ist schon beängstigend, wenn man weiß, man muss ein Medikament nehmen und man bekommt es einfach nicht. Im schlimmsten Fall müssen wir dann halt im Krankenhaus an der Dialyse liegen.

Waltraud R., an Lupus erkrankt

Gerd Glaeseke warnt schon lange vor Lieferengpässen bei Medikamenten. Er würde es begrüßen, wenn Produktionsstätten wieder nach Europa, beziehungsweise nach Deutschland zurückgeholt würden.

Tablette in einer Blister-Verpackung (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/Andrea Warnecke/dpa-tmn/dpa)
Bestellen Sie Ihr Medikament rechtzeitig vor. picture alliance/Andrea Warnecke/dpa-tmn/dpa

Was kann man als Patient tun?

  • Denken Sie daran, ihr Medikament schon frühzeitig bei ihrer Apotheke vorzubestellen – also einige Tage bevor die Packung aufgebraucht ist.
  • Unter Umständen lohnt es sich, zunächst bei unterschiedlichen Apotheken nach der Verfügbarkeit eines Medikamentes zu fragen, wenn Sie es bei einer nicht bekommen haben. Wenn ein Lieferengpass bekannt ist, erübrigt sich dies jedoch.
  • Wenn ihr Medikament nicht zu bekommen ist, sprechen Sie mit Ihrem Arzt über alternative Therapien.
  • Sie sollten auch Ihren Arzt informieren, wenn Sie von der Apotheke ein Ersatzpräparat für Ihr eigentliches Medikament erhalten haben.
  • Lesen Sie bei Ersatzmedikamenten aufmerksam die Liste der Inhaltsstoffe und vergleichen Sie diese mit Ihrem ursprünglichen Medikament. Entsprechen sich die Listen, sind die Medikamente höchst wahrscheinlich gleichwertig. Wenn nicht, drohen eine andere Wirkweise und andere Nebenwirkungen.
  • Manchmal ist bei einem Lieferengpass nur ein alternatives Arzneimittel verfügbar, bei dem Sie privat zuzahlen müssen. Der Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e.V. empfiehlt, den Arzt nach zuzahlungsfreien Alternativen zu fragen. Sollte es keine solche Alternative geben, können Sie eventuell einen individuellen Versorgungsanspruch bei der Krankenkasse geltend machen, um einen Zuschuss zu erhalten.
  • Melden Sie den Lieferengpass Ihrer Krankenkasse
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