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Vermehrt gibt es krumme Möhren, Äpfel mit Schorf oder zu kleine Kartoffeln zu kaufen. Auch Gemüse-Abos und Fertigsuppen verwerten unperfekte Ware vom Acker. Was steckt dahinter?

Gemüse mit Schönheitsfehlern

Winzige Möhren, besonders kleine Kartoffeln, Zucchini mit ein paar Kratzern oder Äpfel mit ein bisschen Schorf: Während man auf Wochenmärkten und bei Biobauern solche Lebensmittel schon länger angeboten bekommt, werden sie von Verbrauchern oder den Händlern in Lebensmittel-Läden bislang mehrheitlich noch verschmäht. Das trägt mit bei zu der gigantischen weltweiten Lebensmittelverschwendung. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen von 2019 gelangen in industrialisierten Ländern 40 bis 50 Prozent der Ernte im Müll.

Und auch die Landwirte haben mit den Folgen zu kämpfen, denn wenn sie keine Abnehmer finden, bleiben sie auf ihrer Ware sitzen. Daher wird meist schon bei der Ernte oder direkt danach alles aussortiert, was nicht der Norm entspricht.

Ein Beispiel: Die perfekte Möhrrübe ist 20 Zentimeter lang und 2,5 Zentimeter dick

Der Familienbetrieb Abenhardt ist einer der größten Möhrenbauern Deutschlands und beliefert große Supermarktketten. Am liebsten will der Handel Ware erster Klasse, aber Chef Carsten Abenhardt zeigt uns, dass die Natur nicht auf Kommando alles gleich liefert.

Ein Bund Möhren, der frisch aus der Erde gezogen wurde und an dem noch Erdreste kleben. Die Karotten haben sehr unterschiedliche Größen. (Foto: SWR)
Die Natur lässt nicht nur perfektes Gemüse wachsen.

„Man kann schön erkennen, wie unterschiedlich die Möhren auch sind. Wir haben jetzt 15mal rausgezogen und sehen halt eben, dass es welche gibt, die zu klein sind, welchem, die zu dick sind. Ich denke, das hier jetzt schon zu erkennen ist, dass wir 20 Prozent der Möhren später nicht mehr im Handel finden, weil die aussortiert werden. Da blutet einem wirklich das Ackerbauherz.“

Im Sortierbetrieb des Möhrenbauers wird klar, warum die perfekte Möhre 20 cm lang und 2,5 cm breit sein soll: So passt sie am besten in die Plastikschale und darin kaufen die Deutschen ihre Möhren am liebsten. Was zu lang, zu krumm, zu dünn ist, wird aussortiert - zuerst automatisch, dann nochmal per Hand.

Das Ergebnis: Es fallen sechs Tonnen Ausschussware an - und das jede Stunde. Dafür bekommt der Betrieb nur noch einen Bruchteil des normalen Preises und das meiste landet kleingeschnitten in Tiefkühlprodukten oder im Viehfutter.

Warum dieses Kauf-Verhalten auch Auswirkungen auf die Sortenvielfalt hat, die wir im Handel angeboten bekommen, können Sie in folgendem Beitrag nachlesen:

Marktcheck deckt auf: Das Geschäft hinter unseren Lebensmitteln Worauf Landwirte beim Gemüse-Anbau alles achten müssen

Auch im Bio-Anbau ist perfektes Gemüse gefragt: Wir begleiten einen Kürbisanbauer und einen Tomatenbauern. Und zeigen am Beispiel von Gurken, welche Vorgaben der Handel macht.  mehr...

Marktcheck deckt auf SWR Fernsehen

Unperfektes aus dem Einkaufsladen

Und für die Landwirte bedeutet jeder Sortiervorgang auch zusätzliche Arbeit und zusätzliche Kosten. Am besten wäre es deshalb, wenn sie die ganze Ernte verkaufen könnten – bunt gemischt: also nicht nur das besonders Schöne, aber auch nicht nur das besonders Krumme.

Biohelden vom Discounter Penny

Pionier in diesem Bereich ist der Discounter Penny. Seit vier Jahren hat Penny die Bio-Helden im Programm. Mittlerweile sind es, je nach Saison, bis zu 24 Obst- und Gemüsesorten mit Macken.

„Das Besondere und Einzigartige an dem Konzept ist, dass wir unseren Erzeugern Toleranzen gestatten. Er kann krumme Möhren in den Beutel packen, muss es aber nicht. Das bedeutet er hat die Flexibilität. Falls er in seiner Ernte einen gewissen Grad an krummen Möhren hat, sind die einfach mit drin. Wenn nicht, dann nicht.“

Laut Penny kommen die Biohelden gut an: pro Jahr habe man den Umsatz um jeweils sechs Prozent gesteigert. Allerdings gilt die mit „Biohelden dürfen auch mal Macken haben“ beworbene Krumm-Offensive nur für das Bio-Sortiment. Offenbar sind Kunden, die Bio kaufen, toleranter, was Formen angeht.

Auch bei Kaufland gibt es krummes Gemüse, es wird beworben mit „Die etwas anderen“ und bei Aldi findet man „Krumme Dinger“. Und weitere große Ketten haben angekündigt, in Zukunft mehr Ware mit Makeln zu verkaufen.

Unser Tipp: Schauen Sie im Supermarkt ihres Vertrauens, ob es Angebote von beispielsweise "Zweite Wahl"-Kisten gibt. Auch Nachfragen schadet nichts. Das kann sich mitunter auch finanziell lohnen, denn mancherorts wird das „Unperfekte“ günstiger angeboten.

Aber Vorsicht: Das ist bei weitem nicht überall der Fall. Mancher Händler ist der Meinung, dass es keiner Preisreduzierung bedarf, obwohl die Vermutung naheliegt, dass er die Ware günstiger eingekauft hat.

Misfits in der Abokiste und bei kreativen Start-ups

Das englische Wort "misfit" steht für den Außenseiter, Eigenbrötler oder einfach ein "nicht passendes Stück". Ob Cateringservice, Fertigsuppen oder Abokisten: Immer mehr Start-ups wie beispielsweise "CulinARy MiSfiTs" (Kulinarische Sonderlinge) oder „Rettergut“ aus Berlin, „etepetete“ aus München oder „Iss mich!“ aus Wien haben sich dem Kampf gegen Lebensmittelverschwendung verschrieben und daraus Geschäftsmodelle entwickelt. Es kann sich daher lohnen, nach einem solchen, individuell passenden Angebot zu suchen.

Regional und saisonal Einkaufen

Regional: Noch nachhaltiger wird es, wenn die Lebensmittel keine langen Wege zurücklegen müssen, bis sie beim Verbraucher ankommen. Helfen können dabei solche Seiten, wie beispielsweise die Marktschwärmer. Das sozial und ökologisch orientierte Netzwerk hat sich das Ziel gesetzt, bäuerliche Familienbetriebe und Verbraucher der Region über eine Internet-Plattform, kombiniert mit einem wöchentlichen Bauernmarkt, in direkten Kontakt miteinander zu bringen. Das Konzept: Online bestellen und beim nächsten Marktbesuch die Bestellung abholen und dabei die Produzenten kennenlernen.

Saisonal: Und das i-Tüpfelchen ist es, wenn die Ware dann noch saisonal ist - also gerade erst geerntet und nicht lange gelagert. Wann welches Obst und Gemüse am besten zu kaufen ist, das erfährt der Verbraucher beispielsweise beim Saisonkalender vom Bundeszentrum für Ernährung.

Lust auf mehr zum Thema hohe Wegwerfraten bei Lebensmitteln und was man dagegen tun kann? Die Dokumentation "Taste the waste" gibt einen guten Überblick.

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