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Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnte jahrelang vor der Verwendung aluminiumhaltiger Deos. Inzwischen sieht es die Nutzung dieser Deos als weniger riskant - auf Basis neuer Studien. Andere Wissenschaftler zweifeln die Qualität der neuen Studien allerdings an und raten weiter zur Vorsicht.

„Eine hohe Aufnahme von Aluminium kann unter anderem neurotoxische Entwicklungsstörungen sowie Schäden an Nieren, Leber und Knochen verursachen“, teilt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) 2019 mit. Außerdem gebe es Hinweise, dass aluminiumhaltige Deos das Brustkrebs- und Alzheimerrisiko erhöhen. Also rät das BfR dazu, aluminiumhaltige Deos nicht zu benutzen. Schon 2014 hatte das BfR zum ersten Mal vor diesen Deos gewarnt.

Doch im Sommer 2020 nimmt das BfR die Warnung zurück. Neue Studien im Auftrag der EU hätten ergeben, dass gesundheitliche Beeinträchtigungen durch die Aluminium-Aufnahme über die Haut unwahrscheinlich seien, denn: „Der Beitrag von aluminiumhaltigen Antitranspiranten zur Gesamtbelastung mit Aluminium ist deutlich geringer als bisher angenommen.“

Unterschied Deodorant und Antitranspirant

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Deodorant und Antitranspirant. Deo schließt im allgemeinen Sprachgebrauch beide Produkte ein. Jedoch unterscheiden sich die Kosmetika durch ihre Wirkungsweise. Durch Hautbakterien, die unseren Schweiß zersetzen entsteht Achselgeruch. Deodorants wirken gegen diese Bakterien, meist durch Alkoholzusätze und neutralisieren somit Gerüche, mit Parfümstoffen werden diese zusätzlich überdeckt. Antitranspirante hingegen enthalten Aluminiumsalze wie zum Beispiel Aluminiumchlorhydrat, die unsere Schweißporen vorübergehend verengen und den Schweißfluss hindern.

Die Dosis macht das Gift - auch bei Aluminiumsalz

Wie viel Aluminiumsalz aus Antitranspiranten in den Körper gelangt, ist schwer festzustellen und bisher kaum systematisch getestet. Auch die Menge an Aluminiumsalzen variiert je nach Deo. Ein Aluminiumgehalt von 0,2 bis 5,8 Prozent ist bei kommerziellen Produkten möglich. Wie viel Aluminium in den Körper gelangt, hängt auch von der individuellen Deo-Nutzung ab. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat den Grenzwert auf 1 Milligramm Aluminium pro Kilogramm Körpergewicht in der Woche festgelegt – mehr sollten Menschen nicht zu sich nehmen, um Gesundheitsschäden vorzubeugen. Experten zufolge wird dieser Wert aber üblicherweise schon durch die Aluminiumaufnahme über die Nahrung erreicht.

Infografik: Auf 1 kg Körpergewicht folgen empfohlene 1 mg Aluminium. (Foto: SWR)
Ein Mensch sollte pro Kilogramm Körpergewicht maximal ein Milligramm Aluminium pro Woche zu sich nehmen. Diese kritische Belastung erreichen wir laut Experten bereits über unsere Ernährung.

Kritik an neuer Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR)

Forscher der Kosmetikbranche und das BfR sind sich einig: Über die Haut gelangt nur eine sehr geringe Menge an Aluminium in den Körper. Doch Toxikologin Marike Kolossa vom Umweltbundesamt zweifelt an den neuesten Studien. Sie seien aufgrund der geringen Teilnehmerzahl nicht repräsentativ genug. Außerdem wurden Aluminiumrückstände nur anhand des Urins überprüft. Andere Wege durch die Aluminiumrückstände nachgewiesen werden könnten, blieben unberücksichtigt. Das hätte Schwankungen ergeben können, kritisiert Marike Kolossa. Sie rät deshalb zu aluminiumfreien Deos, solange nicht eindeutig widerlegt ist, dass Aluminium langfristig zu gravierenden Gesundheitsschäden ist.

Die Studienteilnehmer waren zudem zwischen 20 und 39 Jahre alt und somit nicht Teil der Risikogruppe. Denn das sind vor allem Menschen zwischen 11 und 14 Jahren. Das liegt daran, dass Aluminium sehr lange im Körper gespeichert wird. Es kann also bis zu Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern, bis die Menge, die man an Aluminium im Körper hat, wieder ausgespült ist.

Toxikologin Dr. Marike Kolossa, Umweltbundesamt (UBA), in einer Fabrikhalle mit einem Kittel. (Foto: SWR)
"Menschen in verschiedenen Lebenslagen mit verschiedenen Empfindlichkeiten oder auch verschiedenen Vorerkrankungen weisen durchaus unterschiedliche Belastungen durch Aluminium auf. Insofern haben so kleine Studien immer eine reduziertere Aussagekraft." Dr. Marike Kolossa-Gehring, UBA

In einer Stellungnahme erklärt das BfR: „Gruppengrößen von vier bis sechs Individuen sind in der Toxikologie üblich für Studien zur Bioverfügbarkeit und Toxikokinetik (…) einer Substanz.“ Und: „Die TNO-Studie von 2019 wurde an sechs Probanden durchgeführt. Die Gruppengrößen liegen damit in dem für solche Studien üblichen Bereich.“

Alzheimer- und Brustkrebsgefahr durch Aluminium

Es besteht schon lange der Verdacht, dass Aluminium an der Entstehung von Alzheimer beteiligt sein könnte. Bei Tierexperimenten in den 1960er-Jahren führte die Aluminiumzufuhr im Gehirn zu Gedächtnisstörungen und Veränderungen der Nervenzellen. In den Gehirnen verstorbener Alzheimer-Patienten wurde außerdem eine erhöhte Menge Aluminium gefunden. Auch in der Brustflüssigkeit von an Brustkrebs erkrankten Frauen wurden 2011 erhöhte Mengen Aluminium gefunden. Jedoch ist nicht abschließend geklärt, weshalb und zu welchem Zeitpunkt sich das Aluminium an diesen Stellen im Körper ablagert. Es könnte nämlich auch sein, dass sich Aluminium erst dann ablagert, wenn bereits Tumore entstanden sind. Damit wäre das Aluminium nicht der Auslöser. Fakt ist: Die gesundheitlichen Auswirkungen von Aluminium auf den Körper sind noch nicht abschließen geklärt und bedürfen weiterer Forschungen.

Verschiedene Deoflaschen vor einem Spiegel. (Foto: SWR)
Im letzten Jahr wurden rund 756 Millionen Euro Umsatz mit Deos gemacht.

Aluminiumfreie Deos überzeugen Ökotest

In diesem Jahr überprüfte Ökotest 52 Deodorants ohne Aluminiumzusatz. Die meisten Produkte bekämpfen die geruchsverursachenden Bakterien mit Alkohol. Einige versprechen sogar eine 48-stündige Wirkung. Doch laut Frank Schuster von Ökotest wirken die meisten Produkte nur rund 24 Stunden. Etwa die Hälfte der Deos schneidet im Test jedoch mit der Bestnote ab und sei damit empfehlenswert. Darunter insbesondere sehr günstige Deoroller aus Discountern und Drogeriemärkten.

Unnötiges Aluminium meiden

Ob in Lebensmitteln wie Salat und Nüssen, in Medikamenten und Impfstoffen, in der Luft oder in Kosmetik: Aluminium ist überall. Das Erdmetall wird zwar zum Großteil über die Nieren ausgeschieden, aber je mehr wir aufnehmen, desto mehr bleibt auch im Körper. Damit steigt das Risiko, zu erkranken. „Wir haben mit Aluminium das Problem, dass es auf das Nervensystem wirken kann. Durch unsere Ernährung haben wir bereits eine kritische Belastung in unserem Körper“, erklärt Marike Kolossa.

Ein weiterer Grund, Antitranspirante mit Aluminium zu meiden, ist die unnatürliche Unterdrückung des Schweißflusses, die wichtige Kühl- und Entgiftungsprozesse im Körper hemmt. Natürliche Schweißhemmer sind beispielsweise Salbei oder Apfelessig. Der Dermatologe Uwe Kirschner empfiehlt seinen Patienten, mehrmals täglich die Achseln mit Salbeitee zu bestreichen oder Apfelessig abends vor dem Schlafengehen aufzutragen.

Wer also die Aluminiumaufnahme verringern möchte, sollte deshalb:

  • Deo ohne Aluminium kaufen oder selbst herstellen.
  • Die Inhaltsstoffe in Kosmetik wie Sonnencreme, Zahnpasta oder Lippenstifte berücksichtigen – etwa mithilfe der App Codecheck können Sie sich bedenkliche Inhaltsstoffe anzeigen lassen.
  • Weißende Zahnpasta meiden.
  • Kochgeschirr aus Alu vermeiden und auf wiederverwendbare Alternativen aus Edelstahl oder Keramik zurückgreifen.
  • Den Kontakt von Alufolie oder Aluschalen mit salzigen oder sauren Lebensmitteln vermeiden. Tipp: Legen Sie salzigen Feta zum Grillen zunächst in Backpapier und erst dann in Alufolie.
  • Keine Lebensmittel mit den E-Nummern 520-523 zu sich nehmen.

Das BfR empfiehlt außerdem eine abwechslungsreiche Ernährung, denn sie verringert einseitige Belastungen.

Wenn nur Antitranspirante helfen

Wer jedoch übermäßig schwitzt, muss oftmals auf medizinische Produkte zurückgreifen, die tatsächlich Aluminiumsalze enthalten. Wem also nur Antitranspirante helfen, sollte sie nie auf frisch rasierte Achseln auftragen und am besten abends verwenden. In der Nacht sind die Schweißdrüsen weniger aktiv und die schweißmindernden Stoffe können besser einziehen. Außerdem sind Roller und Stifte besser als Sprays. So vermeidet man, das Aluminium zusätzlich auch einzuatmen. 

Rezept für DIY-Deodorant in der Sprühflasche

Wer möchte, kann Sprühdeo in nur wenigen Schritten selbst herstellen:

MengeZutaten
1-2 TLNatron
100 mlabgekochtes und auf 50°C abgekühltes Wasser
8-10 Tropfennaturreines ätherisches Limettenöl
2 TropfenTeebaumöl
1Sprühflasche

Natron unter Rühren im Wasser auflösen, in die Sprühflasche füllen, Öle dazugeben und kräftig schütteln. Vor dem Gebrauch ebenfalls kurz kräftig schütteln.

Quelle des Rezepts: Blog "Schwatzkatz"

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