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Seit der Corona-Krise arbeiten Viele von zu Hause aus statt im Büro. Wenn man sich nicht mehr persönlich sieht, kann das die Kommunikation verändern - nicht unbedingt zum Guten.

Viele finden das Homeoffice super. Nicht zuletzt, weil man den Kolleginnen und Kollegen gut aus dem Weg gehen kann. Weil der Ärger hinfällig geworden ist, über zu laute Telefonate des Büronachbarn oder über die Knoblauchfahne der Kollegin.

Wenn man sich aber nicht mehr persönlich sieht, kann das auch die Kommunikation verändern – und sich negativ auswirken. Die Konfliktmanagerin Stephanie Huber, Memmingerberg, hat es sich zum Beruf gemacht, Streitereien unter Kolleginnen oder Kollegen zu schlichten. Sie erklärt ihre Beobachtungen während der Corona-Krise, in der viele umgesattelt haben vom Büro aufs Homeoffice.

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Nehmen Konflikte im Homeoffice eher zu oder ab?

Stephanie Huber bestätigt, bei ihr hätten sich mehr Kunden gemeldet, bei denen es seither zu Konflikten gekommen sei. „Es ist nicht so, dass es weniger Streit gegeben hat, sondern, dass sich die Konflikte verlagert haben.“

Was man früher im Unternehmen nebenbei auf dem Flur oder in der Kaffeeküche mitbekommen hat – etwa: Der Kollege hat heute total schlechte Laune, dem gehe ich lieber aus dem Weg – das funktioniert in dieser Form nicht mehr. „Der Kollege schreibt jetzt eine kurze, knappe Mail, und prompt beginnt ein Ping-Pong-Spiel, denn der merkt nicht, ich habe heute schlechte Laune, sondern antwortet darauf. Und so entsteht ein Hin und Her – und entstehen Konflikte“, erklärt die Kommunikationsexpertin.

Es wird auch viel über Videokonferenz kommuniziert – was ist da anders?

Stephanie Huber weiß: „Da sieht man sich auf der sachlich-fachlichen Ebene, aber weniger auf der persönlichen. Zum momentanen Zeitpunkt, würde ich sagen, fehlt die Kaffeeküche als Konflikt-Klärer deutlich.“

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Warum es auch im Homeoffice noch Streitigkeiten gibt

Manche Dinge haben sich durch den fehlenden direkten Kontakt mit Arbeitskolleginnen und -kollegen im Homeoffice auch entschärft. In dieser Hinsicht sei das Homeoffice sogar ein Streit-Killer, räumt Stephanie Huber ein. „Aber es gibt den perfekten Ort nicht, an dem man sich nicht streiten kann.“  Streit hänge von vielen unterschiedlichen Faktoren ab: von den jeweiligen Stimmungslagen der Kommunikationspartner, von den äußeren Bedingungen, genauso wie von den jeweiligen Interessen oder Bedürfnissen der Menschen.

„Wenn ich ein kleines Kind habe, und es hat gerade den Mäuse-Aufstand geprobt, hat sich auf den Boden geschmissen und dies und jenes getan. Und ich bin eigentlich schon drei Minuten zu spät für die Konferenz und muss noch kurz das Kind beruhigen. Dann klingelt vielleicht noch der Postbote. Wenn ich in dieser Stimmung anfange, mit meinen Kollegen zu kommunizieren, dann wird das Gegenüber das wahrnehmen und vielleicht denken, was passiert hier gerade, wie ist denn der oder die drauf.“

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So kommuniziert man in Stress-Situationen besser

  • „Es geht um die Kommunikation – dass ich die Sachen dann kommuniziere“ betont die Expertin. „Dass man etwa sagt, ich weiß, wir haben jetzt Konferenz, ich bin aber gerade nicht supergut drauf, ich habe heute einen schlechten Tag oder im Moment war bei mir ein Riesen-Tohuwabohu. Und ich bin noch nicht ganz hier. Lass uns mal langsam beginnen. Das entschärft die Situation erstmal.“ Also: Ansprechen, was gerade stört.
  • Noch ein Tipp – ein kleines, wichtiges Wort: „Es gibt einen einfachen Trick aus den 1970er-Jahren, aus einer Studie von Ellen Langer. Sie hat damals schon gesagt, wenn man das Wort ‚weil‘ benutzt, versteht der andere mich viel besser, und es wird ihm schlüssiger, warum jetzt etwas so ist, wie es ist. Also die Begründung – dieses kleine Wort ‚weil‘ – empfehle ich in so einem Fall immer.“
  • Sich unterhalten wie in der Teeküche: Erklären, zuhören und mit den Menschen sprechen, so wie ich es in der Kaffeeküche auch tun würde. In der Kaffeeküche würde ich sagen: „Weißt du, was mir heute passiert ist?“ In der Videokonferenz passiert das jedoch viel weniger, weil man sich weniger persönlich austauscht.

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Wie sich schwierige Situationen entschärfen lassen

Stephanie Huber rät dazu, Fragen zu stellen. „Wenn der Kollege mir gerade blöde kommt und ich das Gefühl habe, das verletzt mich jetzt – einfach fragen: Was ist los? Geht es dir gut? Ist bei dir alles in Ordnung? Ich hatte gerade das Gefühl, unsere Kommunikation läuft hier gerade nicht so rund.“

Die Expertin sagt: „Also Kommunikation ist das A und O – reden, reden, reden. Aber das ist, was wir im Homeoffice weniger tun – reden, reden, reden.“

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