STAND

Ab 1. September müssen neue Autos strengeren Umweltvorschriften - dem neuen WLTP-Verfahren - für Abgas genügen. Obwohl die Umstellung lange beschlossen ist, hinken einige Autohersteller hinterher.

Auf dem Prüfstand in Siedelfingen können Abgaswerte auch nach dem neuen WLTP-Zyklus gemessen werden. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Auf diesem Prüfstand können Abgaswerte auch nach dem WLTP-Zyklus gemessen werden. picture-alliance / dpa -

Einige Autofirmen haben noch nicht alle Modellvarianten zertifizieren lassen. Das führt zu Frust bei vielen Autokäufern, weil sie deshalb auf ihre Neuwagen warten müssen.

Fragen an Lutz Heyser, SWR Aktuelle Wirtschaft

Was bedeutet das neue Messverfahren für die Autohersteller?

Zunächst mal tatsächlich mehr Aufwand und Mühen. Die für die Einhaltung des WLTP-Standards erforderlichen Untersuchungen sind gründlicher als im bisherigen Verfahren NEFZ. Sie vorzunehmen, dauert für die Autobauer auch länger als bisher: 20 bis 30 Minuten statt bislang 15 Minuten. Das klingt erstmal nach nicht viel, summiert sich aber. Den Herstellern bleibt auch nichts anderes übrig, als die Messungen durchzuführen, denn vom 1. September an dürfen nur noch Autos neu zugelassen werden, die den neuen Prüfstandard durchlaufen haben und erfüllen.

VW parkt den neuen Berliner Flughafen mit seinen Autos zu. Warum haben manche Hersteller große Probleme und andere nicht?

Nicht zugelassene Volkswagen stehen auf einem Parkplatz des noch nicht eröffneten Flughafens BER in Schönefeld (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Nicht zugelassene Pkw stehen auf einem Parkplatz des noch nicht eröffneten Berliner Flughafens picture-alliance / dpa -

Ja, in der Tat scheint gerade der große VW-Konzern die heftigsten Probleme mit WLTP zu haben. Er muss Autos, die schon produziert, aber eben noch nicht verkauft sind und deshalb eine WLTP-Abnahme erfordern, auf extra dafür angemieteten Flächen wie etwa dem BER in Berlin zwischenparken. Auch die VW-Tochter Audi hat wohl Probleme und hängt beim WLTP-Prüfzyklus hinterher. Da hatte man sich wohl zu sehr darauf verlassen, dass die Übergangsfristen für WLTP länger ausfallen.

Aber darauf hat sich die EU-Kommission - unter Umständen auch aufgrund der Erfahrungen mit dem VW-Diesel-Betrug - nicht eingelassen, hört man. Immerhin gab es jetzt die Nachricht aus Wolfsburg: Für sieben von 14 Modellen der Kernmarke VW Pkw gibt es inzwischen die entsprechende Genehmigung, so der VW-Deutschland-Vertriebschef Thomas Zahn. Darunter sind Polo und Passat. Heißt aber im Umkehrschluss: Für die andere Hälfte, die sieben anderen Modelle, gibt es bislang keine Freigabe - immerhin das Aushängeschild Golf sowie der Stadtgeländewagen Tiguan. Die werden bei VW erst "in den nächsten Tagen und Wochen" erwartet.

Wenn ich einen Neuwagen bestellt habe, der immer noch in der Abgastestphase ist, muss ich mit einer längeren Wartezeit rechnen?

Richtig. Genau das wird passieren. Etwa beim Audi A4 Avant mit Zwei-Liter-Benzinmotor und 190 PS beträgt die Wartezeit schon jetzt und auch wegen der ausstehenden WLTP-Zulassung rund sieben Monate, berichtet etwa die Presse. Wer also derzeit so ein Auto bestellt, bekommt es womöglich erst im März 2019. Ähnlich wird es dann wohl auch bei VW Golf oder Tiguan aussehen. Hinzu kommt, wer heute bestellt, muss etwa bei VW eine Art Blankoscheck unterschreiben, dass er das Fahrzeug abnimmt, wie auch immer der WLTP-Test ausfällt. Er kauft also ein bisschen die Katze im Sack, zumindest was die neuen CO2-Ausstoßwerte angeht.

Andere deutsche Hersteller machen es besser: Bei Mercedes beträgt die Lieferzeit drei Monate. Bei BMW ebenso. Gut möglich, dass also Kunden von Audi zu den beiden anderen deutschen Premiummarken wechseln werden, weil sie hier schneller ein neues Auto nach WLTP-Standard bekommen.

Müssen sich jetzt alle Sorgen machen, die noch ein Auto mit Verbrennungsmotor haben - also die große Mehrheit?

Abgase strömen aus dem Auspuff eines Autos (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Bei Kauf eines Gebrauchten ist keine WLTP-Zertifizierung nötig. picture-alliance / dpa -

Nein. Grund zur Sorge sehe ich nicht. Im Durchschnitt wird ein neues Auto in Deutschland zwischen sechs und sieben Jahren vom Erstbesitzer gefahren und dann weiterverkauft. Am Ende ist es vielleicht zehn bis zwölf Jahre alt, bevor es verschrottet wird oder in andere Länder, etwa nach Afrika, weiterverkauft wird. Für die nächsten fünf bis zehn Jahre wird der Verbrennungsmotor zumindest hier in Europa, nach allem was wir heute wissen, die wichtigste Antriebskraft sein.

Es gibt also einen Markt für solche Autos und es wird ihn weiter geben. Denn noch kommt die Elektromobilität bei uns ja nicht so richtig voran. Gut möglich aber, dass das in fünf bis zehn Jahren anders aussieht. Das Auto, das man jetzt kauft, kann also schon noch eines mit Verbrennungsmotor sein, so zumindest meine Meinung.

Online: Heidi Keller

STAND
AUTOR/IN