Gesetzliche Krankenversicherungen

Grippeschutz zweiter Klasse

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Gesetzliche Krankenkassen bezahlen eine Grippeimpfung, die gegen drei Virenstämme sensibilisiert, private Kassen hingegen eine, die gegen vier Virenstämme wirkt. Das hat seine Gründe.

Keine Chance den Grippeviren - eine Impfung kann das Immunsystem fit machen gegen die wichtigsten Virenstämme. Auf dem Markt gibt es verschieden leistungsfähige Präparate: Manche bekämpfen drei und manche vier Virenarten. Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen in der Regel den Dreifach-Impfstoff. Für den Vierfach-Wirkstoff kommen nur Privatversicherungen auf.

Sozial höchst ungerecht, findet der Allgemeinmediziner Mathias Frank: "Das ist natürlich schon eine Zwei-Klassen-Medizin. Und man wundert sich schon sehr, weil die Weltgesundheitsorganisation, die WHO, schon seit 2013 empfiehlt, diesen tetravalenten, also diesen Vierfach-Impfstoff zu nutzen."

Wer sich auf jeden Fall impfen lassen sollte

Zu einer Grippeimpfung rät die Ständige Impfkommission (STIKO) vor allem sogenannten Risikogruppen. Dazu gehören Menschen, die älter als 60 Jahre sind, Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, chronisch Kranke sowie Schwangere. Auch wer im Krankenhaus oder Pflegeheim arbeitet, sollte sich impfen lassen.

Ist der Vierfach-Impfstoff wirkungsvoller, als der Dreifach-Wirkstoff?

Das Robert-Koch-Institut (RKI) gibt jährlich eine Empfehlung heraus, welcher Impfcocktail nach Ansicht der Wissenschaftler ratsam ist. Eine Empfehlung des tetravalenten Impfstoffs mit vier Virusstämmen gab es bisher wegen des fraglichen Zusatznutzens noch nicht. Dies wird unter anderem damit begründet, dass der für 2017/2018 im tetravalenten Impfstoff eingesetzte, zweite B-Stamm lediglich zwei Prozent der in der Vorsaison nachgewiesenen Influenzaviren abdeckt.

Je nachdem, welcher Virusstamm auftritt, kann sich ein Zusatz-Impfstoff also als wirkungsvoll oder nutzlos erweisen. Trifft der zusätzliche, vierte Impfstoff ins Schwarze, hat sich die Impfung gegen vier Virenstämme gelohnt. Ein Mehrwert ist aber nicht garantiert. Informationen zu den in Deutschland zugelassenen Impfstoffen gegen Influenza für die Impfsaison 2017/2018 hat das Paul-Ehrlich-Institut veröffentlicht.

Gesetzliche Kassen folgen Impfempfehlungen des Robert-Koch-Instituts

Die gesetzlichen Krankenkassen orientieren sich derzeit an den Impfempfehlungen des Robert-Koch-Instituts, die den Dreifach-Wirkstoff für ausreichend halten. Im Gegensatz zu Privatversicherten müssen Kassenpatienten den Vierfach-Wirkstoff in der Apotheke in der Regel voll bezahlen. Das ist vielen zu teuer. Sie greifen lieber zum Kassenmedikament - denn das ist umsonst. In vielen Apotheken ist es deshalb allerdings zeitweise auch vergriffen.

Der "wirtschaftliche" Grippeschutz für gesetzlich Versicherte

Die gesetzlichen Krankenkassen halten an dem Kassenimpfstoff fest - aus Kostengründen und, weil die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts das so empfiehlt. Michael Viapiano, Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg: "Die geht momentan davon aus, dass beide im Prinzip gleichwertigen Schutz haben und deswegen ist der Dreifach-Wirkstoff, weil er auch etwas günstiger ist, die wirtschaftliche Variante, den Grippeschutz zu erwerben."

Er kostet die gesetzlichen Kassen also schlicht weniger Geld. Erst, wenn die Impfkommission auch den Vierfach-Impfstoff gegen Grippeviren empfiehlt, bekommen ihn auch Kassenpatienten voll bezahlt. Allerdings stellt der Kassenverband in Aussicht, dass die Krankenkassen mit den Pharmaherstellern über Rabattverträge verhandelten, die den Preis des tetravalenten Impfstoffs erheblich senken könnten.

Von Jochen Braitinger, SWR Wirtschaft und Umwelt | Online: Heidi Keller, Stefan Heinz

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