Zugverspätungen im Fernverkehr Bahn gibt Pünktlichkeitsziele für 2017 auf

Dieses Jahr wollte die Bahn es schaffen, vier von fünf Zügen pünktlich fahren zu lassen. Ein Ziel, das Bahnchef Richard Lutz jetzt ausdrücklich aufgegeben hat. Dafür sei zu viel passiert.

Bahnfahrer sind Ärger gewohnt. Sie wissen, vor allem im Fernverkehr sind Verspätungen alles andere als eine Ausnahme. Ihr ursprüngliches Ziel für die eigene Pünktlichkeit hat die Bahn für dieses Jahr allerdings aufgeben müssen.

Fragen an Uwe Bettendorf, SWR Wirtschaft und Soziales

Was meint der Bahnvorstand damit, dass zu viel passiert sei?

Bahn räumt die Gleise nach Sturm "Xavier" (Foto: © dpa picture alliance  - Bernd Settnik)
In Norddeutschland machten Herbststürme viele Strecken unpassierbar. Im Südwesten verhagelte die Sperrung bei Rastatt die Statistik. © dpa picture alliance - Bernd Settnik

Damit meint er vor allem die schweren Herbststürme in Norddeutschland, die den Zugverkehr über Tage beeinträchtigt haben, weil Bäume auf die Gleise gestürzt waren und Oberleitungen repariert werden mussten.

Dazu kommt: In diesem Jahr hat die Bahn so viele Baustellen eingerichtet wie noch nie, um das Schienennetz zu sanieren. Auch das wirkt sich selbstverständlich auf die Pünktlichkeit aus. Das haben wir gerade im Südwesten erlebt mit der Havarie auf der Tunnelbaustelle in Rastatt, die den Zugverkehr auf dieser wichtigen Achse über Wochen blockiert hat. All das hat dazu geführt, dass die Bahn ihr selbstgestecktes Ziel von über 80 Prozent pünktlichen Zügen im Fernverkehr für dieses Jahr kassieren musste.

Eine Bahnpünktlichkeit von 85 Prozent - wie weit ist die Bahn von diesem Ziel entfernt?

In den ersten vier Monaten sah es noch ganz gut aus. Von Januar bis April waren im Schnitt über 80 Prozent der Züge pünktlich. Die Bahn hat vor allem durch ein besseres Management an den Bahnhöfen dafür gesorgt, dass die Züge pünktlicher starten konnten.

Aber im Laufe des Jahres ging es doch deutlich runter mit der Pünktlichkeit im Fernverkehr auf Werte von 76, 77 Prozent. Im Oktober waren es sogar nur 74 Prozent - von den angepeilten 85 Prozent ist die Bahn also meilenweit entfernt.

Was muss passieren, um dem Ziel Pünktlichkeit näher zu kommen?

Klar ist, da muss eine ganze Menge passieren:

  • Die Bahn muss mehr Geld in den Rückschnitt von Bäumen und Sträuchern entlang der Gleise investieren, damit es nicht immer gleich zu Streckensperrungen kommt.
  • Die Bahn muss sich besser auf extreme Wetterlagen vorbereiten.
  • Auch das Baustellenmanagement muss optimiert werden.
  • Aber die Bahn steckt hier ein Stück weit auch in der Zwickmühle: Sie muss das Schienennetz sanieren, um langfristig zukunftsfähig zu sein. Das hat selbstverständlich viele Baustellen auf den Strecken zur Folge. Eine spürbare Verbesserung wird es also erst dann geben, wenn die vielen Baustellen abgearbeitet sind.

Früher war ja angeblich alles besser. Gilt das auch für die Bahn? Hat es Zeiten gegeben, in denen die Züge tatsächlich weitaus weniger Verspätung hatten als heute?

Man neigt ja gerne dazu, die Vergangenheit zu glorifizieren. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Züge im Fernverkehr mal deutlich pünktlicher waren. Die Bahn veröffentlicht ja seit einigen Jahren die Verspätungsstatistik. Da sah es zum Teil sogar deutlich schlechter aus. Aber selbst 1990, also noch vor der Bahnreform, wurde öffentlich scharf kritisiert, dass jeder dritte Intercity Verspätung hat. Also schon vor knapp 30 Jahren war das Sprichwort "Pünktlich wie die Eisenbahn" nicht mehr als ein Mythos.

Online: Heidi Keller, Jochen Braitinger

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