Weniger Zecken, aber mehr Infektionen Ansteckungsgefahr für FSME-Virus wächst

Das Risiko einer FSME-Infektion breitet sich laut Zeckenforschern in Deutschland nach Norden aus - im Süden Richtung Süden. Auch die Fußball-Weltmeisterschaft spielt ein Rolle.

Im vergangenen Jahr wurden fast 500 Fälle von Frühsommer-Meningo-Enzephalitis - kurz FSME - in Deutschland registriert. Eine ungewöhnlich hohe Zahl. Anlässlich des Süddeutschen Zeckenkongress an der Stuttgarter Uni Hohenheim präsentierten Wissenschaftler neue Erkenntnisse.

Man mutmaßt, dass der erst kalte, dann sehr heiße Sommer eine Ursache sein könnte. Ungewöhnlich an der Statistik sei, dass es 2017 mehr Erkrankungen gab, obwohl insgesamt weniger Zecken gezählt wurden. Mit zwei Forschungsprojekten wollen die Wissenschaftler sich Klarheit verschaffen. Dabei will man Risikoabschätzungen per Computermodell testen und Lebensraum und Verhalten von Zecken weiter erforschen.

Auslöser: Gemeiner Holzbock und Auwald-Zecke

Vor Zecken wird mit einem Schild in einem Waldgebiet südlich von Hannover gewarnt. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Das FSME-Risiko besteht das ganze Jahr über, und nicht nur im Frühling und Sommer. picture-alliance / dpa -

Als sogenannte Risikogebiete für eine FSME-Infektion gelten Baden-Württemberg, Bayern, Südhessen und Teile von Thüringen, Rheinland-Pfalz (nur der Landkreis Birkenfeld) und dem Saarland. FSME wird durch Zeckenstiche übertragen und kann zu Hirnhautentzündung führen. Bisher stand der Gemeine Holzbock als Krankheitsüberträger im Fokus. Inzwischen weiß man auch von der Auwald-Zecke, dass sie FSME übertragen kann.

Viel mehr Kranke - die meisten in Baden-Württemberg und Bayern

2017 sollte ein Jahr mit wenig Erkrankungsfällen von FSME durch Zeckenbiss sein - es kam aber anders: Mit fast 500 Fällen deutschlandweit wurde der dritthöchste Wert seit 2001 registriert. Das hat Gerhard Dobler, Leiter des Instituts für Mikrobiologie bei der Bundeswehr, irritiert. "2017 war ein Jahr mit extrem hohen Erkrankungszahlen der FSME bei gleichzeitig relativ mäßigen Zeckenpopulationen. Es kam zu deutlichen Verschiebungen im Auftreten der FSME in den einzelnen Regionen in Deutschland."

Rund 85 Prozent der Erkrankungen treten in Bayern und Baden-Württemberg auf. Hier gibt es die meisten der so genannten Hotspots oder Naturherde, wo infizierte Zecken das FSME-Virus übertragen. Allerdings wurden jetzt auch Fälle in Berlin, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern dokumentiert.

Zecken-Brennpunkte wandern

Zudem haben sich die Brennpunkte im Süden Deutschlands teilweise verschoben. Im Norden Baden-Württembergs und Unterfrankens haben die Erkrankungen überraschend nachgelassen. Dafür tauchen jetzt an den Alpen infizierte Zecken auf. "Wir können dies bisher nur beobachten, aber wir haben keine guten Erklärungen, warum das gerade jetzt am Nordrand der Alpen passiert."

FSME-Ansteckung durch Ziegen-Rohmilch

Ein weiteres Phänomen, das bisher nur in Ost-Europa aufgetaucht ist, ist die Infizierung durch Ziegen-Rohmilch. Zwei Fälle nahe beieinander in den Landkreisen Tübingen und Reutlingen gaben den Wissenschaftlern der Uni Hohenheim Rätsel auf. Professor Ute Mackenstedt: "Dass es das gibt, weiß man schon sehr lange. Aber jetzt diese beiden Fälle, von denen wir berichtet haben, das sind die ersten, die in Westdeutschland aufgetreten sind."

Die Zahl der FSM-Erkrankungen in Baden-Württemberg beläuft sich auf rund 190. Die Brennpunkte sind nach wie vor der Ortenau-Kreis und der Landkreis Calw. Aber auch in Baden-Württemberg gibt es Verschiebungen, bestätigt auch Rainer Öhme vom Landesgesundheitsamt in Stuttgart. "In einzelnen Kreisen sind deutlich mehr Fälle dazu gekommen, wie etwa in Ravensburg. Bei anderen - gerade im Norden von Baden-Württemberg - sind die Fallzahlen zurückgegangen."

Prognosen für 2018 unklar

Für 2018 wagen die Wissenschaftler keine Prognose, wie viele Erkrankungen es geben wird. Allerdings könnten die Fallzahlen sinken, wenn das Wetter schlecht ist und wenige Menschen in die Natur gehen.

"Auch die Fußball-Weltmeisterschaft - wenn die Spiele für Deutschland gerade auf die Tage fallen, wo wirklich tolles Wetter ist, kann es schon sein, dass weniger Leute rausgehen und einfach die Exposition gar nicht da ist", vermutet Öhme.

Klar ist: Nur wer in Wald und Wiese unterwegs ist, setzt sich dem Risiko aus, an Zeckenbissen zu erkranken.

Impfstoff gegen Frühsommer-Meningoenzephalitis FSME ist am 19.04.2017 in Erlangen (Bayern) zu sehen. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Nach wie vor ist nur eine Minderheit der Bevölkerung gegen FSME geimpft. picture-alliance / dpa -
  • Im Fall von FSME raten die Wissenschaftler zu gut verträglichen Impfungen.
  • Borreliose kann man nicht impfen, aber gut mit Antibiotika behandeln.
  • Wichtig ist, sich nach dem Aufenthalt in der Natur nach Zecken abzusuchen und nach einem Zeckenbiss bei Rötungen oder Fieber einen Arzt aufzusuchen.

Von Alice Thiel-Sonnen und Martin Thiel, SWR Umwelt und Ernährung | Online: Heidi Keller, Lutz Heyser

STAND