Warum manche neue Diesel-Pkw schmutziger sind als alte Das Dilemma mit CO2 und Schadstoffen

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und der ADAC haben in Tests festgestellt: Neue Diesel-Pkw sind teilweise schmutziger als alte. Wo der Knackpunkt liegt und welche Konsequenzen nötig wären.

Autoabgase (Foto: Colourbox, Colourbox -)
Kohlendioxid entsteht vor allem durch Verbrennung Colourbox -

Der ADAC schreibt über seine Testergebnisse: "In einigen Fällen weisen moderne Euro 6-Fahrzeuge nach dem ADAC EcoTest höhere Emissionswerte auf als diejenigen der Klasse Euro 5." Das ist besonders brisant vor dem Hintergrund, dass bei den drohenden Fahrverboten für Diesel-Pkw - wie zum Beispiel in Stuttgart ab 2018 - die neuen Euro 6-Diesel ausgenommen werden sollen.

Bei den sogenannten "Wintermessungen" der Deutschen Umwelthilfe (DUH) überschreiten fünf Diesel-Pkw mit Euro 6 sogar den für den Prüfstand vorgeschriebenen Stickoxid-Grenzwert der Abgasnorm Euro 1 aus dem Jahre 1992. Wie kann das sein?

Zwei große Ziele: Verbrauch und Schadstoffe reduzieren

"In der Gesetzgebung gab es zwei wesentliche Strömungen", erklärt Reinhard Kolke, technischer Leiter beim ADAC. "Einerseits sollen die CO2-Emissionen, also der Verbrauch, reduziert werden - andererseits sollen die Emissionen der Schadstoffe nicht höher ansteigen in den Städten."

In den letzten zehn Jahren lag das öffentliche Augenmerk vor allem auf der CO2-Reduktion. Kohlenstoffdioxid ist ein Treibhausgas und daher im Zusammenhang mit dem Klimawandel ein globales Problem. Die Motoren wurden daher darauf getrimmt, weniger CO2 auszustoßen.

Dieselautos verbrennen besser, stoßen aber mehr Schadstoffe aus

Der Diesel hat hier einen Vorteil. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer erklärt: "Beim Diesel ist es so, dass der Diesel einen besseren Wirkungsgrad hat als der Benziner, weil er hochverdichtet den Treibstoff verbrennt. Je besser ich verbrenne, desto geringer ist natürlich mein CO2-Ausstoß." Doch es gibt auch einen entscheidenden Nachteil: Durch die höhere Verbrennungstemperatur werden dafür mehr andere Schadstoffe ausgestoßen.

Ein Messgerät. Ein Metallzylinder mit der Aufschrift: Probenahme Luft" (Foto: SWR, SWR - Torsten Helber)
Die Luft in den Innenstädten ist stark belastet SWR - Torsten Helber

"Eine CO2-Reduktion führt zu einem erhöhten Stickoxid-Emissions-Ausstoß, weil ich eben höhere Verbrennungstemperaturen habe", erklärt Rainhard Kolke vom ADAC. "Der Diesel wird mit einem Luftüberschuss betrieben und durch die Verbrennung entstehen aus dem Luft-Stickstoff, den wir natürlicherweise in der Luft haben, höhere Stickoxid-Emissionen."

Im Klartext: Der Motor stößt durch die höhere Verbrennungstemperatur zwar weniger Kohlenstoffdioxid aus, dafür aber mehr Stickoxide. Stickoxide sind vor allem ein lokales Problem in Großstädten. In den meisten deutschen Großstädten wird der erlaubte Stickoxid-Grenzwert deutlich überschritten.

CO2-Reduktion erfordert Abgas-Reinigung

Dieses Problem war Politik und Autoindustrie auch bewusst, als sie die CO2-Reduktion forcierten. Der Plan war, dass die Abgase durch eine Harnstoff-Lösung entsprechend gereinigt werden sollten. "Man ist davon ausgegangen, dass diese Motoren ausgestattet werden mit einer anständigen Abgas-Nachbehandlung mit dem Harnstoff 'AdBlue'. Aber genau das scheinen sich die Automobilhersteller gespart zu haben", meint Rainhard Kolke. Denn diese aufwendige Abgas-Nachbehandlung hätte die Pkw um geschätzt tausend Euro teurer gemacht.

Test auf dem Prüfstand versus Test im Straßenverkehr

Der Diesel am Pranger (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Zu hohe Abgase: Diesel in der Kritik picture-alliance / dpa -

Die Politik hat bislang nur interessiert, ob die Fahrzeuge bei der Zulassung die Abgasnorm einhalten - dort wird bislang aber nur auf dem Prüfstand getestet (nach dem sogenannten NEFZ-Verfahren) und nicht im Straßenverkehr.

Auf dem Prüfstand halten die neuen Diesel-Pkw die Euro 6-Abgasnorm ein. Aber im Alltagsbetrieb? Axel Friedrich, der die Tests für die Deutsche Umwelthilfe durchführt, sagt: "Euro 6 existiert praktisch auf der Straße nicht - nur im Labor sind die Fahrzeuge sauber." Durch eine Reihe von legalen Tricks können die Fahrzeuge die Abgaswerte auf dem Prüfstand einhalten, auch wenn sie das im Alltag nicht tun.

Kein Verstoß gegen aktuell geltende Vorschriften

Konfrontiert man die Autohersteller mit den Testergebnissen der Deutschen Umwelthilfe oder des ADAC, hört sich das meistens so an wie bei Daimler: Um die Messungen der Deutschen Umwelthilfe kommentieren zu können, brauche man mehr Informationen über die Rahmenbedingungen der Tests. "Da uns diese Informationen nicht vorliegen, lässt sich keine fachlich fundierte Aussage zu den Ergebnissen treffen. Das Bundesverkehrsministerium und das Kraftfahrt-Bundesamt haben im Rahmen ihrer Messungen bei unseren Fahrzeugen keinen Verstoß gegen geltende Rechtsvorschriften festgestellt."

Jens Hilgenberg von der Aktionärsvereinigung "Kritische Aktionäre" dazu bei der Daimler-Hauptversammlung diese Woche: "Das Absurde ist, dass auch Daimler überhaupt nicht bestreitet, Fahrzeuge mit erhöhten Stickoxid-Werten auf die Straße zu bringen. Sie sagen nur, es sei legal. Das kann unserer Meinung nach nicht ok sein. Die Menschen in den Städten leiden unter massiven Problemen und Verursacher sind die Fahrzeuge, die ihre Grenzwerte nicht einhalten."

Lkw-Abgase sauberer als bei Autos

Dass eine bessere Abgasnachbehandlung technisch möglich ist, sieht man an den Lkw. Für die gelten bereits seit Längerem strengere Vorgaben. Deshalb sind sie im Alltag häufig deutlich sauberer als Pkw.

Von Moritz Hartnagel, SWR Wirtschaft und Umwelt | Online: Heidi Keller

STAND