Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie Flexibler leben durch befristete Teilzeit

Die IG Metall macht Druck und will die "verkürzte Vollzeit" von bis zu 28 Stunden durchsetzen. Arbeitsmarktexperte Professor Enzo Weber sieht aber nicht nur die Unternehmen in der Pflicht.

Fragen an Professor Enzo Weber, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Nürnberg

Viele Beschäftige träumen nicht mehr vom geregelten Acht-Stunden-Tag, sondern von ganz anderen Möglichkeiten, Arbeitszeit zu gestalten. Woher kommt diese Entwicklung?

Das liegt zum Beispiel daran, dass es heute kaum noch Alleinverdiener-Haushalte in Deutschland gibt. Heute arbeiten normalerweise beide Partner. Früher war die Frau häufiger zu Hause, konnte dann alle Eventualitäten abfangen. Das geht heute nicht mehr so. Das Erwerbsleben ist heute auch länger als früher. Und die Anforderungen ändern sich schneller. All das, in Summe gesehen, erhöht den Bedarf an Flexibilität.

Enzo Weber (Foto: Pressestelle IAB  -)
Professor Enzo Weber Pressestelle IAB -

Auf der anderen Seite können wir sehen, dass in Deutschland immer noch relativ stark getrennt wird zwischen Vollzeit und Teilzeit. Karriere wird in der Regel nur in Vollzeit gemacht, die Löhne sind höher, die Weiterbildungschancen sind besser. Wer erst einmal auf dem Teilzeit-Gleis ist, bleibt relativ häufig in der Teilzeit-Falle hängen. Dass trifft nach wie vor besonders häufig die Frauen.

Selbst wenn die Kinder irgendwann größer geworden sind, kehren diese Frauen häufig nicht wieder in die Vollzeit zurück.

Warum hängt man in der "Teilzeit-Falle" fest? Woran liegt das?

Zum Einen muss man sehen: Man reduziert die Arbeitszeit, dann ist man in der Teilzeit. Wir haben ja kein Rückkehrrecht in Vollzeit oder etwas Ähnliches. Das bedeutet, die Möglichkeit ist dann auch gar nicht unbedingt gegeben. Andererseits, das muss man auch sehen, bedarf es zum Beispiel auch Anreizen im Steuersystem. Die sollte man in Deutschland wirklich überdenken.

Denn es kommt heute darauf an, dass gerade Frauen, die bislang in der Teilzeit-Falle stecken, die Chance erhalten, eigenständig wieder an der Erwerbskarriere zu arbeiten. Viele Potentiale von Frauen verschenken wir momentan.

Wie wichtig ist es also, dass wir über "verkürzte Vollzeit" oder über ein "Rückkehrrecht in Vollzeit" und über das Ende des Acht-Stunden-Tages nachdenken?

Mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit, auch über den Lebensverlauf hinweg - jetzt nicht nur, heute arbeite ich mehr und morgen vielleicht etwas weniger - das ist etwas, das trifft den Nerv der Zeit. Da sollte man mehr tun. Daher geht es auch in die richtige Richtung, dass etwa bei den Sondierungsgesprächen in Berlin das Thema "Recht auf befristete Teilzeit" eine wichtige Rolle gespielt hat.

Was muss passieren, damit diese Teilzeit nicht zum Privileg der Besserverdiener wird? Wahrscheinlich können es sich am Ende nur die leisten, eine Zeit lang weniger zu arbeiten. Braucht es für manche Beschäftigte auch einen finanziellen Ausgleich?

Daran kann man schon denken. Wenn man das Recht auf Teilzeit in Anspruch nimmt und seine Zeit für gesellschaftlich wichtige Zwecke einsetzt, zum Beispiel zur Erziehung von Kindern oder für die Pflege von Angehörigen oder Weiterbildung - dass man dafür einen teilweisen Lohnausgleich erhält. Man sollte allerdings aufpassen, wer den zu zahlen hat.

Denn an sich ist das eine gesellschaftliche Aufgabe, und damit sollte das auch politisch geregelt werden. Die Betriebe sind für solche Aufgaben weniger in der Pflicht.

Denken könnte man zum Beispiel an so etwas wie ein flexibleres Elterngeld. Elterngeld ist im Moment eine so genannte Lohnersatzleistung. Man bekommt einen Teil seines Lohnes weiter, wenn man zu Erziehungszwecken weniger arbeitet. Man könnte aber auch sagen, man setzt das noch fort, wenn man in Teilzeit bleibt, und kriegt in dieser Zeit einen geringeren Teil Elterngeld.

Fragen von Angelika Hensolt, SWR Wirtschaft | Online: Heidi Keller, Lutz Heyser

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