Stellenabbau bei Siemens und Thyssen-Krupp "Börse vor Herz - traurige Wahrheit"

Die Wirtschaft brummt, Unternehmen machen Milliarden-Gewinne und trotzdem sollen bei Thyssen-Krupp und Siemens tausende Jobs gestrichen und Standorte dicht gemacht werden.

Beschäftigte des Weißblech-Herstellers Thyssen-Krupp-Rasselstein (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Gegen den geplanten Stellenabbau bei Thyssen-Krupp und Siemens macht die Gewerkschaft mobil. picture-alliance / dpa -

Fragen an Alfred Schmit, SWR Redaktion Wirtschaft und Soziales

Wie passen Milliardengewinne und Stellenstreichungen grundsätzlich zusammen?

Das passt deshalb zusammen, weil die jetzigen Gewinne auf den Entscheidungen der Vergangenheit beruhen. Für die Zukunft müssen die Konzerne aber heute entscheiden, wo sie wie viel investieren, oder wie viele Menschen beschäftigen wollen. Damit die Gewinne auch in zwei oder fünf Jahren noch weiter sprudeln. Zwei Beispiele: Thyssen-Krupp und Siemens. Beide haben angekündigt, massiv Stellen zu streichen.

Hintergrund der Stellenstreichungen bei Thyssen-Krupp ist die geplante Stahl-Fusion mit einem indischen Unternehmen. Müssen bei einem solchen Zusammengehen zweier Unternehmen automatisch immer Stellen gestrichen werden?

Eine Absperrung leuchtet am 11.12.2012 in Essen (Nordrhein-Westfalen) vor der Unternehmenszentrale des Stahlkonzerns ThyssenKrupp Rot. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Bei Thyssen-Krupp brennt wegen der geplanten Stahlfusion mit Tata Steel die Hütte. picture-alliance / dpa -

ThyssenKrupp will seine europäische Stahl-Sparte fusionieren - um sie mit einem starken Partner weiter betreiben zu können. Das ist zwar ein Bruch mit einer langen deutschen Industrie-Tradition und allein dafür hat der Chef Heinrich Hiesinger schon viel Kritik bekommen. Aber ich kann verstehen, dass er durch diese Zusammenlegung Stellen einsparen will. Denn vieles lässt sich heute effizienter machen als noch vor Jahren.

Außerdem sagt ThyssenKrupp: Wir streichen lediglich 2.000 von insgesamt 27.000 tausend Stellen in der Stahlsparte. Wenn wir alles so weiterlaufen lassen würden wie bislang, könnte die gesamte Sparte unprofitabel werden und die Jobverluste wären dann noch viel größer. Bedauerlich ist es in jedem Fall. Dahinter stehen viele Einzel-Schicksale. Und der Satz: "Börse vor Herz", der ist leider im Management oft eine traurige Wahrheit.

Auch Siemens begründet seinen geplanten Stellenabbau mit schlecht laufenden Geschäfte in der Kraftwerkstechnik. Dort sollen 7.000 Menschen gehen. Aber dass die Geschäfte schlecht laufen, fällt ja nicht vom Himmel?!

Ein Plakat mit der Aufschrift "Auch ich bin Siemens" hält am 17.11.2017 in Offenbach (Hessen) eine Beschäftigte der Siemens-Niederlassung Offenbach (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Auch bei Siemens gibt es nun massive Proteste der betroffenen Mitarbeiter. picture-alliance / dpa -

Der Technologiekonzern Siemens wurde ebenfalls kritisiert für diese ruckartigen und starken Jobverluste. Die Presse war sehr schlecht. "Einfallslos und grausam" sei das von Siemens, ausgerechnet in Ost-Deutschland so schnell so viele Arbeitsplätze zu streichen, hieß es dort. Aber auch Siemens-Chef Joe Kaeser argumentiert: Durch die Energiewende ist das Geschäft mit Turbinen und Kraftwerken eingebrochen, wir machen in dem Bereich Verluste. Und wenn wir länger warten, gehen noch mehr Jobs verloren.

Früher hat Siemens so manchen Verlust schon mal verrechnet mit Gewinnen aus anderem Unternehmensteilen. Das aber, sagt Kaeser, will er nicht mehr machen. Denn dann würden ihm die Aktionäre aufs Dach steigen. Und vor allem würde man international den Anschluss verlieren an Konzerne wie GE aus Amerika, die sind ähnlich aufgestellt wie Siemens. Und sein Argument lautet: Wir müssen konkurrenzfähig bleiben. Nur wenn bei Siemens alle Konzern-Teil für sich Gewinn machen, kann das Unternehmen gesund bleiben.

Müssen damit letztlich die Beschäftigten die Management-Fehler ausbaden?

Nach meinem Eindruck leider ja! Hätte die Siemens-Chefs zum Beispiel nicht früher bemerken können, dass man die Kraftwerk-Sparte langsam verkleinern muss? Ein solcher Großkonzern mit 115.000 Beschäftigten alleine in Deutschland und mehr als doppelt so vielen weltweit, hätte auch darauf achten müssen in ostdeutschen Städten keinen solchen Kahlschlag zu verursachen, wie es jetzt in Görlitz in Sachsen passiert. Bei Thyssen-Krupp finde ich es zumindest verständlich, die europäische Stahlsparte zu fusionieren. In beiden Fällen ist auch das letzte Wort noch nicht gesprochen, ob wirklich so viele Jobs verloren gehen.

Wie gut oder schlecht eine Management-Entscheidung jedenfalls war, das weiß man leider manchmal erst nach ein paar Jahren.

Online: Lutz Heyser

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