Stadt der Zukunft Zeit für innovative Mobilitätskonzepte

Bis 2025 sollen in Norwegen alle neu zugelassenen Fahrzeuge Null-Emissions-Fahrzeuge sein. In Deutschland hinken wir in Sachen E-Mobilität hinterher. Sind die Skandinavier Vorbild?

Elektroautos an der Ladestation (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Freie Ladestationen sind Mangelware: Großparkplatz für Elektroautos in Oslo. picture-alliance / dpa -

Jedes zweite neu zugelassene Fahrzeug ist in Norwegen heute schon ein Elektro- oder Hybridfahrzeug. Unterstützt wird das durch finanzielle Vergünstigungen vom Staat: Mehrwertsteuer, Importsteuer und Kfz-Steuer fallen für E-Autos weg.

Besonders in der Hauptstadt Oslo boomen die PKWs mit alternativen Antrieben. Noch läuft dort aber nicht alles rund in Sachen E-Mobilität, vor allem an Ladestationen hapert es. Ist die Stadt dennoch ein Vorbild für neue Mobilitätskonzepte?

Interview mit Professor Andreas Knie, Mobilitätsforscher am Innovationszentrum der Technischen Universität Berlin

In Oslo gibt es zu wenig Ladestationen. Stößt das Projekt E-Auto dort gerade an seine Grenzen?

Mobilitätsforscher Andreas Knie (Foto: SWR, Wissenschaftszentrum Berlin - David Ausserhofer)
Mobilitätsforscher Andreas Knie Wissenschaftszentrum Berlin - David Ausserhofer

Nein, denn die Probleme sind zwar da, aber sie sind nicht gravierend. In Oslo hat man ein überproportionales Wachstum an Elektrofahrzeugen gehabt, und da hinkt die Infrastruktur noch hinter her. Das wird sich aber in den nächsten Monaten ändern.

Oslo ist also immer noch ein gutes Beispiel dafür, dass Elektromobilität eine Perspektive darstellt, wenn der politische Wille da ist.

Sind das also eher Wachstumsschmerzen? Beurteilen Sie die Zukunftsaussichten insgesamt als gut?

Die sind hervorragend. Oslo hat die richtigen Voraussetzungen – wie Norwegen insgesamt. Strom wird dort zu 100 Prozent regenerativ erzeugt. Bei Wachstumsmärkten gibt es immer mal wieder Engpässe.

Städte wie Kopenhagen, Stockholm und Amsterdam haben ebenfalls beispielhafte Verkehrskonzepte. Wie kommt es dazu?

E-Autos von Tesla (Foto: dpa/picture alliance - dpa/picture alliance)
Immer mehr Länder setzen auf Elektroantriebe. dpa/picture alliance - dpa/picture alliance

Zum einen liegt das Thema in der Luft. Megamärkte wie China oder Kalifornien in den USA sehen die einzige Chance, individuelle Mobilität voranzubringen, darin, auf Elektroantriebe zu setzen.

Und dann gibt es Orte auf der Welt, die das auch umsetzen. Die skandinavischen Staaten tun sich hier besonders hervor. Die dortigen Städte zeichnet der politische Wille des Umsetzens aus. Den haben wir in Deutschland überhaupt nicht.

Wie könnten wir so etwas anregen?

Wir müssten da mehr Druck ausüben. In Deutschland haben wir ein Elektromobilitätsgesetz, das den Namen nicht verdient. Das ist nicht mehr als eine unverbindliche Willenserklärung. Und einzelnen Städten fehlt der Mut, diesen Wandel einzuleiten. Man hat Angst vor dem Bürger, der sich vielleicht beschweren könnte.

Die Bürgergesellschaft und auch die Wissenschaft muss die Politik mehr unter Druck setzen, damit etwas passiert. In Skandinavien gibt es hingegen eine sehr aktive Bürgergesellschaft. Das müssen wir in Deutschland noch üben.

Wären solche Modelle einfach übertragbar auf deutsche Städte?

Radfahrer an einer Ampel in Kopenhagen (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Auf den Straßen von Kopenhagen sind mehr Radler als Autofahrer unterwegs. picture-alliance / dpa -

Prinzipiell ja, aber im Detail ist jede Stadt anders. In Kopenhagen ist bekanntlich das Fahrrad das Maß der Dinge, auch in den Niederlanden. Aber in großen deutschen Städten wie Berlin, Hamburg oder München hätten wir ähnliche Voraussetzungen und könnten Dinge adaptieren, die in Oslo und Kopenhagen gut funktionieren.

Wichtig ist von Seiten der Politik, Verkehr als Gestaltungsaufgabe für die Qualität einer Stadt zu begreifen. Das haben wir in Deutschland noch nicht auf der Agenda.

Muss der Impuls zur Veränderung von oben oder von unten kommen?

Von beiden Seiten. Es muss für Menschen nutzbar und praktisch sein. Aber wir brauchen auch andere Regeln. Wir haben 50 oder 60 Jahre lang Förderpolitik fürs Auto gehabt. Jetzt müssen wir umdenken. Neben den Bürgern und den Unternehmen braucht es vor allem auch eine Rahmen setzende Politik.

Was muss sich tun, damit der öffentliche Personennahverkehr zukunftsfähig wird?

Selbstfahrender Bus fährt Kurve (Foto: SWR, SWR -)
Im Praxistest - der autonom fahrende Bus SWR -

Der ÖPNV wurde jahrzehntelang vernachlässigt. Busse und Bahnen müssen aber das Rückgrat des Verkehrs in der Stadt sein.

Dafür muss man Unternehmen durch eine andere Finanzierungsstruktur mehr Anreize geben, damit diese eine kundenorientiere Dienstleistungsstruktur schaffen. Indem man also mehr Geld für mehr Fahrgäste zahlt, statt wie bisher nur Defizite aufzufangen.

Online: Stefan Heinz

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