So rechnet die WHO bei Luftverschmutzung Sieben Millionen Tote durch verpestete Luft

Keine Fortschritte im Kampf gegen Luftverschmutzung: Es sterben genauso viele Menschen durch Luftschadstoffe wie vor zwei Jahren. Sulfat, Nitrat und Ruß verursachen Herztod und Hirnschlag.

Ein Demonstrant in einem Ganzkörperanzug hustet während einer Demonstration der Umweltschutzorganisation Greenpeace gegen die Gesundheitsbelastung durch Diesel-Abgase im Februar 2018 in Stuttgart. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Auch in Deutschland ein Thema: ein Demonstrant in einem Ganzkörperanzug bei einer Demo der Umweltschutzorganisation Greenpeace in Stuttgart gegen die Gesundheitsbelastung durch Dieselabgase. picture-alliance / dpa -

Wie die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, sterben jedes Jahr weltweit sieben Millionen Menschen durch Luftschadstoffe. Neun von zehn Menschen müssen demnach schlechte Luft einatmen. Die WHO geht davon aus, dass giftige Partikel wie Sulfat, Nitrat und Ruß die Ursache für ein Viertel aller Todesfälle durch Herzkrankheiten und Hirnschlag sind. Auch für fast ein Drittel aller Lungenkrebsfälle soll verpestete Luft die Ursache sein.

Gespräch mit Susanne Henn, SWR Umwelt und Ernährung

Wie kommt die Weltgesundheitsorganisation WHO auf diese Zahlen?

Diese Zahlen beruhen zum Teil auf Schätzungen. Die Messmethoden, die diesen Schätzungen zugrunde liegen, sind häufig kompliziert. Auf EU-Ebene funktioniert das etwa so: Man schaut, wie viele Menschen mit über 30 Jahren an Lungenkrebs, Herz-Kreislauf- oder Atemwegs-Erkrankungen sterben. Dann prüft man, wo genau sie gelebt haben und wie es in diesem Umfeld mit der Feinstaub- und Stickoxidbelastung insgesamt aussieht. Danach wird mit einer komplizierten Formel errechnet, welchen Anteil die Minipartikel an diesen Todesfällen vermutlich haben. Das System hat Schwächen, gilt aber trotzdem als sehr aussagekräftig.

Ein Polizist mit Atemmaske regelt im dichten Smog den Verkehr auf einer Straße im chinesischen Harbin. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Ein Polizist regelt im dichten Smog den Verkehr auf einer Straße im chinesischen Harbin. picture-alliance / dpa -

Die WHO hat diese EU-Zahlen als Grundlage genommen und zudem entsprechende Messungen, die in den USA gemacht wurden. Man hat aber auch eine Menge eigener Messungen durchgeführt, in 4.300 Städten in 108 Ländern weltweit. Auch dort hat man geschaut, wie es mit den Luftbelastungen aussieht, wie viele Menschen früh an Krankheiten sterben, die von diesen Schadstoffen nachweislich mit verursacht werden und hat versucht, andere mögliche Ursachen heraus zu rechnen.

Daraus ergab sich dann eine ungefähre Zahl. Es gibt aber Länder, die nicht kooperieren. Dort ist die Datengrundlage dünn, und man muss sich doch mit Schätzungen behelfen.

Ist die Zahl von sieben Millionen Toten seriös?

Vielleicht ist die Zahl etwas hoch gegriffen, damit soll ja auch Aufmerksamkeit erregt werden. Aber ich halte die Aussage für einigermaßen seriös, denn die Datenmenge, die hier zugrunde liegt, ist riesig - deutlich größer als bei bisherigen Untersuchungen zu diesem Thema. Das Ergebnis ist ja auch eindeutig: Mehr als die Hälfte der Menschen weltweit, die in Städten leben, sind zum Beispiel einer Feinstaubkonzentration ausgesetzt, die die Grenzwerte der WHO überschreitet, zum Teil mehr als deutlich. Selbstverständlich sind es nicht nur Feinstaub oder andere Luftschadstoffe, die den Menschen töten, aber sie spielen eine große, zum Teil sogar sehr große Rolle.

Ist auch die EU betroffen von Umwelt-Sterbefällen?

Indische Schulkinder tragen Atemmasken, um auf die Gefahren der Luftverschmutzung aufmerksam zu machen. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Indische Schulkinder tragen Atemmasken, um auf die Gefahren der Luftverschmutzung aufmerksam zu machen. picture-alliance / dpa -

Ja, hier sind es aber deutlich weniger als in den Entwicklungs- und Schwellenländern, weil hier die Lebensbedingungen viel besser sind. Aber auch wir diskutieren seit Jahren heftig etwa über die Belastungen durch Feinstaub oder Stickoxide.

Auch daran sterben nach Angaben der Europäischen Umweltagentur jedes Jahr rund 430.000 Europäer vorzeitig. In Deutschland sollen es rund 46.000 sein. Aber auch hier gilt: Die Luftschadstoffe sind nicht der einzige Faktor, aber ein sehr wichtiger.

Was fordert die WHO aufgrund dieser Ergebnisse?

Chinesische Frauen mit Atemmasken treiben am im chinesischen Jilin trotz Smog Sport in einem Park. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Chinesische Frauen treiben im chinesischen Jilin trotz Smog Sport in einem Park. picture-alliance / dpa -

Zunächst einmal fordert die WHO die Länder auf, die noch keine Daten zur Luftverschmutzung erheben, dies zu tun, und gerade in den Entwicklungs- und Schwellenländern dafür zu sorgen, dass die Bevölkerung Zugang zu anderen Brennstoffen als Holz bekommt. Dort wird noch oft auf offenen Holzstellen gekocht und geheizt, teilweise in schlecht gelüfteten Hütten. Dass das extrem ungesund ist, steht außer Zweifel. Es gibt etwa ein Projekt in Indien, in dem Gasleitungen in armen Regionen verlegt werden - das nennt die WHO als gutes Beispiel.

Zweites Thema ist der Verkehr: Er muss weltweit viel sauberer werden. Auch da gibt es gute Projekte, etwa in Mexiko. Davon könnte es viel mehr geben, sagt die WHO. Aber in großen Teilen Afrikas und Asiens ist das Problem noch nicht angekommen. Auch die Industrieländer sind gefordert, keinesfalls nachzulassen in ihren Bemühungen - auch hier ist noch Einiges zu tun.

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