Risiko Blackout Wie es um das deutsche Stromnetz steht

Die stark schwankende Stromeinspeisung stellt Erzeuger und Anlagenbetreiber vor eine große Herausforderung. Die regionalen Verteilnetze sind die heimlichen Stars der Energiewende.

Fragen an Michael Ebling, Präsident des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) und Mainzer Oberbürgermeister

Wie sicher ist das deutsche Stromnetz zurzeit?

Das deutsche Stromnetz zählt zu den sichersten in Europa. Die Bundesnetzagentur misst, ob es Unterbrechungen im Netz gibt und wie häufig diese vorkommen. Da zeigt sich, dass die Unterbrechungen im deutschen Stromnetz sehr gering sind. Trotz der unterschiedlichen Anlagen, die daran hängen, hat sich das deutsche Stromnetz als stabil und sicher bewährt.

Das Netz liegt, was Ausfälle betrifft, auf Vorjahresniveau und ist auch im europäischen Vergleich sehr stabil. Dennoch steht das Stromnetz vor erheblichen Herausforderungen…

Im Jahr 2000 gab es lediglich 30.000 Anlagen. Die Energiewende hat für eine dezentralere Struktur und einen massiven Anstieg der Anlagenzahl auf nunmehr rund 1,6 Millionen gesorgt - also etwa 50 Mal so viele. Zu 97 Prozent erfolgt die Stromeinspeisung in den regionalen Verteilnetzen. Damit sind diese quasi die heimlichen Stars der Energiewende.

Die Verteilnetzbetreiber sorgen für die Stabilität. Denn immer mehr Anlagen bedeuten zugleich einen immer höheren Aufwand, der für das Management der Netze notwendig wird. Die Kunst ist, immer die Balance zu halten zwischen der variierenden Stromproduktion, beispielsweise der Windkraft- oder Solaranlagen, und der unterschiedlich hohen Abnahme.

Der Aufwand, die Netze zu betreiben, ist größer geworden. Wie schaffen es die Betreiber, das Stromnetz dennoch sicher zu halten?

Indem die Verteilnetzbetreiber tüchtig in die Infrastruktur investieren. Die Netze müssen ja nicht nur stark, sprich stabil, sondern auch intelligent sein. Sie müssen mit hohen Schwankungen gut umgehen können, und das Netz muss überall hin gut ausgebaut sein, nicht zuletzt auch regional.

Der Fokus der Öffentlichkeit liegt momentan vor allem auf den großen Stromautobahnen, die demnächst noch gebaut oder geplant werden müssen. Was geschieht denn zur gleichen Zeit mit dem regionalen Verteilnetz?

Laut Berechnungen des Verbands der kommunalen Unternehmen sind in den nächsten Jahren Investitionen in Höhe von 20 bis 35 Milliarden Euro notwendig, um das System stabil zu halten.

Wichtig für die Verteilnetzbetreiber sind gute politische Rahmenbedingungen. Denn als Anreiz für die Milliardeninvestitionen erfordert es auch eine entsprechende Aussicht auf Reinvestitionen.

Bedeutet das, dass die Kunden am Ende mehr für Strom bezahlen müssen?

Ob das zwingend der Stromkunde mit seiner Umlage mitbezahlen muss, hängt damit zusammen, wie der gesamte Markt organisiert wird. Zum einen werden dort, wo in Netze investiert wird, wahrscheinlich auch die Netzentgelte für den Stromkunden steigen. Andererseits können wiederum durch mehr Effizienz auch Kosten gespart werden.

Könnte der Ausbau also auch kostenneutral erfolgen, wenn man das Netz noch besser steuert?

Die wesentliche Frage ist, wo wir in Zukunft investieren wollen. Ich glaube, dass die Energiewende weiterhin dezentral stattfinden wird. 97 Prozent aller regenerativen Anlagen befinden sich zurzeit in den regionalen Verteilnetzen. Das wird auch in Zukunft so sein.

Um das Netz stabil zu halten, macht es Sinn, das Geld stärker in regionale Verteilnetze statt in teure Stromautobahnen zu stecken.

Denken sie, dass sie gute Karten haben, sich gegen die großen Stromautobahnen und die großen Netzbetreiber durchzusetzen?

Ich glaube, dass wir einfach gute Argumente haben. Regionale Verteilnetze bringen dezentrale Stabilität, eine Nähe zum Verbraucher, Wertschöpfung in der Region und eines der stabilsten Netze in Europa. Wer die Dezentralität stärkt, schafft sichere Netze für die Zukunft.

Lutz Heyser, SWR Wirtschaft und Umwelt | Online: Stefan Heinz

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