Pro und Contra Rückkehrrecht Die neue Brückenteilzeit - ein großer Wurf?

Ab 1. Januar 2019 soll es einen Rechtsanspruch geben auf Rückkehr aus der Teilzeit zur Vollzeit. Flexible Arbeitszeiten für zeitgemäße Lebensmodelle - ob da ein Gesetz hilft, ist die Frage.

Ein Vater hält seinen Sohn im Kleinkindalter an der Hand. (Foto: Colourbox, Model Foto: Colourbox.de -)
Zeitgemäße Lebensmodelle: Teilzeit und wieder zurück in Vollzeit soll bald rechtlich fixiert werden. Model Foto: Colourbox.de -

Das Bundeskabinett hat einen Gesetzentwurf von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) beschlossen: Das neue Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit soll in Unternehmen mit mindestens 45 Beschäftigten gelten, sobald ein Beschäftigter mindestens ein halbes Jahr im Betrieb gearbeitet hat. Arbeitgeber mit 46 bis 200 Beschäftigten müssen nur einem von 15 Arbeitnehmern den geplanten Anspruch auf Brückenteilzeit gewähren. Die vereinbarte Arbeitszeit soll für ein bis fünf Jahre verringert werden können.

Das Gesetz soll jetzt das parlamentarische Verfahren durchlaufen und wenn ihm zugestimmt wird, ab 1. Januar 2019 gelten. Ob das neue Gesetz einen Meilenstein darstellt, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Pro Brückenteilzeit: Geli Hensolt, SWR Wirtschaft und Soziales

Angelika Hensolt (Foto: SWR, SWR -)
Geli Hensolt SWR -

Das Unglaubliche an dem neuen Gesetz ist, dass es überhaupt nötig ist. Denn der Fachkräftemangel müsste schon längst dafür gesorgt haben, dass Unternehmen Mitarbeitern, die wieder mehr arbeiten wollen, den roten Teppich ausrollen. Das Arbeitsleben verändert sich - wer glaubt, die 40-Stunden-Woche, 50 Jahre lang, sei ein zukunftsfähiges Modell, der irrt. Wir werden künftig länger arbeiten, vielleicht bis wir 70 sind oder älter. Wir werden mal 20 Stunden in der Woche im Büro sein, mal vielleicht auch 50 oder mehr. Vollzeit, Teilzeit und zurück - das ist das Modell der Zukunft!

Brückenteilzeit nennt der Arbeitsminister sein Vorhaben - und eine Brücke, die zwischen verschiedenen Arbeitszeitmodellen hin- und herführt, passt in die Zeit. Sie ist auch eine Chance hin zu mehr Gleichberechtigung: Bisher arbeiten vor allem Frauen Teilzeit. Viele Männer scheuen den Schritt, eben weil nicht klar ist, ob sie irgendwann auch wieder aufstocken können. Die Teilzeitfalle ist eine Falle, in der überwiegend Frauen stecken. Doch die Wirtschaft braucht gut ausgebildete Frauen und Männer. Die Fachkräfte sichern Deutschlands Wohlstand.

Grundlegend: Flexible Arbeitszeitmodelle

Beim Stichwort Gleichberechtigung mögen Viele nur müde mit den Schultern zucken. Aber daran, dass die Wirtschaft brummt, haben alle hierzulande ein Interesse. Flexible Arbeitsmodelle sind eine wichtige Voraussetzung dafür. Viele Unternehmen haben das längst erkannt. Für alle anderen ist das neue Gesetz zur Brückenteilzeit jetzt ein deutlicher Schubser - damit sie endlich in der modernen Arbeitswelt ankommen.

Contra Brückenteilzeit: Petra Thiele, SWR Wirtschaft und Soziales

Petra Thiele (Foto: SWR, SWR -)
Petra Thiele SWR -

Nein, so ein Rückkehrrecht auf eine Vollzeitstelle ist kein wichtiger Schritt aus der Teilzeit-Falle heraus, wie jetzt die Gewerkschaft behauptet. Denn es gibt zu 98 Prozent keine Falle, in der ein armes Teilzeit-Opfer hockt. Das belegen aktuelle Umfragen.

Das Rückkehrrecht geht an der Realität vorbei! Viele Arbeitgeber würden sehr, sehr gerne ihre Teilzeitkräfte länger beschäftigen. Dazu muss man sie nicht zwingen. Im Gegenteil! In vielen Betrieben werden Teilzeitkräfte regelmäßig gefragt, ob sie nicht mehr arbeiten möchten. Doch die meisten 50-, 60-, 70-Prozent-Kräfte können oder wollen ihre Stundenzahlen nicht aufstocken. Entweder weil sie dazu organisatorisch nicht in der Lage sind oder auch, weil sie nicht mehr Zeit in der Firma verbringen möchten. Es gibt Teilzeitkräfte, die wollen nicht mehr Geld verdienen. Die beneiden ihre Vollzeit-Kollegen nicht, wenn sie nach Hause fahren.

Rückkehrrecht: Motivation für Männer?

Außerdem ist es fragwürdig, ob das Rückkehrrecht auf Vollzeit wirklich mehr Männer zur Teilzeit bewegt. Schon jetzt üben 10,7 Prozent der deutschen angestellten Männer einen Teilzeitjob aus. So viel wie nie zuvor. Weil sie es wollen - und auch weil die gesellschaftliche Anerkennung dafür gewachsen ist. Das neue Rückkehrrecht in Vollzeit war dafür nicht nötig. Und es ändert auch nichts an der Tatsache, dass eine Karriere in Teilzeit-Arbeit kaum möglich ist. Wer nach oben will, muss über einen längeren Zeitraum hinweg 150 Prozent arbeiten - ob in einem Unternehmen oder freiberuflich!

Online: Heidi Keller

STAND