Pro und Contra Daimler-Rückruf: Ausgekuschelt?

Daimler muss bei mehr als 770.000 Fahrzeugen die Software der Abgasreinigung nachbessern - in Deutschland sind fast 240.000 Autos betroffen. Doch die Updates sind umstritten.

Symbolbild: Mercedes-Stern (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Keine Sternstunde: Der Autobauer Daimler muss europaweit rund 770.000 Fahrzeuge zurückrufen picture-alliance / dpa -

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat Daimler im Streit über Manipulationen bei Diesel-Autos zu einem weiteren umfangreichen Rückruf verpflichtet. Der Bund werde für deutschlandweit 238.000 Fahrzeuge wegen "unzulässiger Abschalteinrichtungen" einen amtlichen Rückruf anordnen, erklärte Scheuer am Montag nach einem Treffen mit Daimler-Chef Dieter Zetsche in Berlin. In Europa seien insgesamt 774.000 Mercedes-Fahrzeuge betroffen, die auf der Straße zuviel Stickoxid (NOx) ausstoßen.

Wie sinnvoll dieser Rückruf ist, bewerten Lutz Heyser aus der SWR-Wirtschaftsredaktion und Werner Eckert aus der SWR-Umweltredaktion ganz unterschiedlich:

Pro: "Die Zeit des Kuschelns ist vorbei!"

Lutz Heyser (Foto: SWR, SWR -)
Lutz Heyser, SWR-Wirtschaftsredaktion SWR -

Na endlich tut sich mal was! Lange genug hat die Politik dem ja mittlerweile erwiesenermaßen unredlichen Diesel-Abgas-Treiben der Autobauer nur zugeschaut – und gar nicht bis höchstens verhalten reagiert. Doch die Zeit des Kuschelns zwischen Politik und Autowirtschaft sind mit dem gestrigen Tag endgültig vorbei. Da mag man dem Bundesverkehrsminister nun reine Symbolpolitik oder pures Showgehabe vorwerfen, Fakt ist: Er handelt.

Übrigens auch im Sinne der deutschen Autobauer. Denn die sollten spätestens jetzt begreifen, dass ihre alten Spielchen des Tricksens, Abstreitens, Verschweigens und Taktierens nicht mehr funktionieren werden. Und dass nicht nur die vermeintlich so böse Presse langsam die Geduld mit ihnen verliert, sondern eben auch die Öffentlichkeit, ihre Mitarbeiter, ihre Kunden und die Politik.

Es ist also höchste Zeit, sich zu besinnen. Für die Autobosse. Zeit, dass sie endlich reinen Tisch machen. Ihre alten Abgassünden zuzugeben. An deren Behebung und an sauberen Diesel-Motoren wirklich ernsthaft zu arbeiten, statt auf Zeit zu spielen. Und Zeit, sich vielleicht auch bei all den sich geprellt und gelinkt fühlenden deutschen Diesel-Autofahrern zu entschuldigen. Und bitte nicht nur mit einem Zehn-Euro-Gutschein für die nächste AdBlue-Füllung oder Autowäsche.

Und dann ist Zeit, den Blick nach vorne zu richten: auf die wirklichen Herausforderungen wie Digitalisierung und autonomes Fahren. Denn erst, wenn der Diesel-Skandal wirklich aufgeklärt und aufgearbeitet ist, kann die Branche wieder nach vorne blicken. Und das wäre dann auch ein Verdienst des Bundesverkehrsministers mit seinem angekündigten Zwangsrückruf gestern.

Contra: "Der Daimler-Rückruf ist nur Ablenkung"

SWR-Umweltexperte Werner Eckert. (Foto: SWR, SWR -)
Werner Eckert, SWR Umwelt und Ernährung SWR -

Ein kleines Zugeständnis ist das, kein Eingeständnis. Zetsche hat nach dem Gespräch deutlich gesagt, was er vom "Druck" aus der Politik hält: ist doch alles legal, das werde man dann vor Gericht klären lassen.

Der Rückruf ist nur ein Ablenkungsmanöver. Mercedes hat im vergangenen Jahr über 200 Rückrufaktionen gehabt, geht aus einer ADAC-Übersicht hervor. Das macht deutlich, wie der Hersteller das einschätzt: Kleinkram. Die Autobauer sind sich offenbar sehr sicher, dass sie damit durchkommen. Sie sind "systemrelevant". Und Politik und Kraftfahrtbundesamt haben ja bisher immer mitgespielt beim fröhlichen Umwelt-Beschiss.

Wie unwichtig auch bei Mercedes die saubere Luft ist, das wird deutlich, wenn man die Argumente sieht: Der Fahrer soll sich nicht die Hände dreckig machen müssen und er soll nicht durch ein paar Euro Mehrkosten für AdBlue vom Kauf eines Mercedes abgehalten werden.

Das Manöver lenkt nur von den wahren Problemen ab: Die Masse der Euro-5-Autos muss technisch nachgerüstet werden. Und das müssen die zahlen, die sie falsch gebaut haben. Alles andere ist Symbolpolitik.

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