Organisierter Ladendiebstahl Osteuropäische Familienclans steuern Banden

Für den deutschen Einzelhandel werden Räuberbanden zum wachsenden Problem mit Schäden in Millionenhöhe. Wie der Ladendiebstahl organisiert wird, wo die Drahtzieher sitzen und wo die Ware landet.

Die Statistik des Einzelhandelsverbandes zeigt, dass die Fälle von organisiertem Ladendiebstahl in den vergangenen Jahren rasant gestiegen sind. Die Schadenssumme geht in die Millionen. Nun fordern Händler von der Politik härtere Strafen.

Christof Gaißmayer, SWR Wirtschaft und Soziales, im Gespräch mit Polizei-Experte Oliver Bendixen

Der bandenmäßige Ladendiebstahl nimmt dramatisch zu. Was sind das für Banden, die hier in Deutschland die Läden leerräumen?

In den letzten Jahren sind es vor allem Banden, die vom Balkan kommen, also vor allem aus Ländern des ehemaligen Jugoslawien, wie Serbien, Kroatien und Montenegro. Teilweise kommen die Tätergruppen auch aus Albanien und zunehmend aus Georgien.

Wie sind diese Banden aufgebaut? Wer zieht die Fäden im Hintergrund?

Nach Erkenntnissen der Polizei sitzen die Drahtzieher in den jeweiligen Heimatländern. Die Bandenbosse dirigieren von dort aus ihre Trupps in Westeuropa. Sie bestimmen auch, in welchen Ländern gezielt geklaut werden soll.

Die Aktivitäten werden immer mal wieder auf ein anderes Land verlagert. Im Augenblick ist Spanien verstärkt im Fokus dieser organisierten Ladendiebe.

Wo kommen die Bandenbosse her? Was haben die für eine Geschichte?

In Kroatien sind das in der Regel Oberhäupter von Familienclans. In Georgien gehen die Strukturen teilweise bis in die Sowjetzeit zurück. Da man dort auch gegen das organisierte Verbrechen vorgegangen ist, leben die Bandenbosse zum Teil seit einigen Jahren in Westeuropa.

Wie arbeiten die Banden, die zu uns nach Deutschland kommen, bei ihren Beutezügen? Wie organisiert man sich vor Ort?

Die Bandenbosse geben die Aufträge, was wo gestohlen werden soll. Kundschafter gehen in die Geschäfte - in Einzelhandelsgeschäfte, Parfümerien, Drogerie- oder Baumärkte - und schauen, was dort an Ware zu holen ist.

Dann gibt es diejenigen, die die Diebstähle ausüben. Diese sind inzwischen nur noch in Zweierteams unterwegs, damit man ihnen keine Bandendiebstähle nachweisen kann. Schließlich folgen Hehler, die die Ware abnehmen und für den sofortigen Weitertransport sorgen. Zum Teil geht die Ware bis nach Ostasien.

Wonach richtet sich, was geklaut werden soll? Gibt es so etwas wie Bestelllisten?

Es gibt tatsächlich Bestelllisten. Das geht sogar so weit, dass es Verteilzentren in Deutschland gibt, die diese Ware ankaufen und eventuell an die beklauten, nichts ahnenden Geschäfte zurückverkaufen. Gestohlen wird alles, was klein und teuer ist - von Speicherchips über Spirituosen und Babynahrung bis hin zu teuren Uhren. Je nach Ware gehen die Diebe sehr unterschiedlich vor.

Der Einzelhandelsverband spricht von einem Anstieg der schwerwiegenden Diebstähle von 30 Prozent seit 2013 und fordert härtere Strafen für bandenmäßigen Ladendiebstahl. Würde das diese Täter abschrecken?

Ich glaube nicht. Diese Banden verfügen über ein unglaubliches Reservoir von Hilfskräften, die für diese Beutezüge angeheuert werden. Und der Strom dieser Leute reißt nicht ab. Ich glaube, dass eine Erhöhung des Strafmaßes alleine wenig bringt.

Was vielleicht etwas brächte, wäre, wenn bei deutschen Gerichten tatsächlich nahe am höchsten Strafmaß verurteilt werden würde. Das war in der Vergangenheit nur äußerst selten der Fall.

  • Ohne Personal bringt die modernste Technik nichts. Sicherungsetiketten und Überwachungskameras alleine können einen Diebstahl nicht verhindern. Dafür muss das Personal einschreiten - sei es das eigene Verkaufspersonal, oder Kaufhausdetektive beziehungsweise Wachpersonal an der Tür.
  • Wer Diebstähle deutlich erschweren will, sollte zu einer Kombination von elektronischen mit mechanischen Sicherungen, wie Ketten oder Leinen, greifen. Oder man verschließt hochwertige Waren in Glasvitrinen. Nachteil ist, dass dann auch immer Personal zum Verkauf benötigt wird.
  • RFID-Chips wie im neuen Personalausweis machen die Ware eindeutig identifizierbar und zurück verfolgbar. Wird später bei Kontrollen das Diebesgut samt Etiketten sichergestellt, kann die Polizei beweisen, dass es sich um geklaute Ware handelt.

Die Konsumgüterindustrie hat bislang allerdings wenig Interesse, das RFID-System einzusetzen. Denn für sie gilt die Ware als verkauft, sobald sie an den Händler übergeht. Egal, ob sie danach weiterverkauft oder gestohlen wird.

Petra Thiele, SWR Wirtschaft und Umwelt | Online: Stefan Heinz

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