Netflix und Amazon verändern Medien und Zuschauer Wie stark werden Streaming-Dienste noch?

Die Dominanz der Streamingdienste ist auf der Berlinale Thema. Doch Netflix und Amazon Prime sind für die deutsche Filmwirtschaft und das Fernsehen mehr als nur Konkurrenten.

Netflix-Logp (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance / Reportdienste -)
Netflix hat weltweit 137 Millionen Zuschauer und wächst ständig. picture-alliance / Reportdienste -

Interview mit Susanne Marschall, Professorin am Institut für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen

Haben die Streaming-Dienste das Rennen um die Zuschauergunst gewonnen?

In bestimmten Segmenten haben die Videostreaming-Dienste wahrscheinlich schon gewonnen und die Zuschauer schon erobert. Vor allem diejenigen, die neugierig sind auf neue Erzählformen - wie das zum Beispiel in meinem Fall so ist - und die gerne im Original sehen. Also Filme in Originalsprache erleben wollen und vielleicht auch gern über den Tellerrand hinausblicken. Zuschauer, die nicht nur deutsche und amerikanische Produktion sehen wollen, sondern auch französische oder indische Serien. Dieser Zugang zu Filmen aus der ganzen Welt ist eben jetzt möglich.

Susanne Marschall (Foto: (Pressestelle)Uni Tübingen -)
Susanne Marschall leitet das Zentrum für Medienkompetenz. (Pressestelle)Uni Tübingen -

An den klassischen Fernsehsendern wird oft kritisiert, dass die Innovationskraft fehle. Videostreaming-Diensten würden dagegen kreativer, mutiger arbeiten. Könnten die klassischen Fernsehsender innovativer sein?

Ich glaube ganz sicher, dass sie in dieser Richtung ausbaufähig sind. Es gibt Impulse und wirklich ganz tolle Programmangebote - aber noch zu wenig. Ich habe den Eindruck, dass die Orientierung an dem Streamingdienst-Erfolg dazu auch beigetragen hat. So dass man sich jetzt weniger an dem Programm von kommerziellen Sendern orientiert. Gerade das öffentlich rechtliche Fernsehen darf und kann und soll mutig sein - das ist auch so im Rundfunkstaatsvertrag geregelt. Es soll Vielfalt anbieten, Diversität reflektieren - die in unserer Gesellschaft zunimmt - und sich kritisch mit Themen auseinandersetzen: Das ist wichtiger als die Quote

Es gibt Kooperationen zwischen öffentlich rechtlichen und privaten Fernsehsendern. Ein Beispiel ist die Serie Babylon Berlin, eine Zusammenarbeit von ARD und Sky. Wird es das in Zukunft häufiger geben? Und trotzdem die Konkurrenz Privatfernsehen öffentlich-rechtliches Fernsehen weiter bestehen bleiben?

Wenn eine solche Kooperationen zu so guten Projekten führt wie Babylon Berlin, ist es doch wunderbar. Wir müssen ja nicht in Scheuklappen denken. Es ist eher positiv in dieser Richtung zusammenzuarbeiten und das auch noch zu intensivieren. Aber halt nicht in die Richtung Scripted Reality - sowas wie Dschungelcamp oder Bauer sucht Frau oder andere dieser furchterregenden Formate.

Anfangs waren die Rollen klar verteilt zwischen den Videostreaming-Diensten und den Fernsehsendern. Streaming-Dienste boten vor allem Unterhaltung und keinerlei journalistische Angebote. Mittlerweile gibt es aber auch bei Netflix und Amazon Prime Video Dokumentationen mit teilweise journalistischem Inhalt. Wird dieses Angebot demnächst noch weiter ausgebaut?

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das zunimmt und dafür gibt es verschiedene Gründe. Es wird immer schwieriger lange Dokumentarfilme ins klassische Fernsehen zu bringen. Oder auch Filme, die bestimmte Interessen bedienen - also die Zielgruppen ansprechen, die vielleicht nicht unbedingt vergleichbar sind mit der Zielgruppe des SWR. Aber wenn ein Streamingdienst so einen Film anbietet für eine ganz bestimmte Zielgruppe, erreicht er natürlich auf der ganzen Welt wieder ein großes Publikum. Das ist halt der Punkt, wenn man weltweit ausstrahlt.

Es gibt auch bei Netflix bestimmte Konzentrationen auf Einzel-Formate in bestimmten Ländern, da müssen Rechte neu verhandelt werden. Doch das Programm ist sehr groß und auch divers. Dadurch bekommt man natürlich überall Zuschauer. Wir leben in einer Welt in der Migration zum alltäglichen Erfahrungsschatz vieler Menschen gehört. Viele Menschen migrieren in andere Länder möchten aber trotzdem Filme, Serien oder vielleicht auch Dokumentarfilme aus ihrem ursprünglichen Land, ihre Heimat sehen. Das können sie dann auf dem Weg. Das sind alles Dinge, die beachten Streaming-Dienste.

Könnten also Videostreaming-Dienste künftig auch Nachrichten anbieten? Und damit den klassischen Medien noch mehr Konkurrenz machen -also mit einer journalistischen Sendung, eine Art "Netflix aktuell"?

Wenn es demnächst ein Netflix aktuell-Nachrichtenformat gibt, das würde ich sofort als Medienwissenschaftlerin genau beobachten wollen. Ich kann es mir im Moment nicht vorstellen. Ich wage aber keine Prognose in die Zukunft, weil sehr viel Dynamik in der Medienwelt drin ist auch bei den ganzen Programmanbietern. Es wäre gefährlich, jetzt zu sagen: Das wird nicht passieren. Ich würde es sehr spannend finden, wie es gelingen soll eine zusätzliche große Infrastruktur mit Auslandskorrespondenten aufzubauen. Nachrichtenredaktionen sind komplexe Teams mit sehr viel Sachkenntnis. Wo kriegt man die her? Wie baut man das auf? Das wären dann die Herausforderungen.

Wird der Videostreaming-Boom auch weiterhin anhalten?

Ich gehe davon aus, dass dieser Boom weiterhin anhalten wird. Und wir im Endeffekt auch bei dieser -schon 1984/1985 - viel diskutierten Frage landen werden: Gibt es irgendwann dieses eine Endgerät - auf dem wir dann alles sehen? Wir steuern auf der einen Seite ja schon deutlich dahin. Wir werden in einer Medienwelt sein, wo alles immer verfügbar ist. Wo man dann ständig die Qual der Wahl hat. Und das bedeutet aber auch die Verlagerung der Verantwortung für Qualität und für die Auswahl dessen, was man sieht auf die Schultern des Zuschauers und der Zuschauerin.

Interview: Tobias Frey | Online: Petra Thiele

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