Nach Spitzentreffen zum Diesel in Berlin Hardware-Nachrüstungen kommen – teilweise

Die Autobauer werden Kosten für die Diesel-Nachrüstung übernehmen. Allerdings nicht in voller Höhe und nicht überall. Am nun gefundenen Diesel-Kompromiss gibt es breite Kritik.

09.03.2018, Baden-Württemberg, Stuttgart: Das Wort "Diesel" ist auf einer Zulassungsbescheinigung Teil 1 eines VW T5 zu sehen. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Vor allem ältere Diesel-Autos überschreiten oft die zulässigen Abgas-Grenzwerte. picture-alliance / dpa -

Daimler will Fahrer älterer Diesel in "Schwerpunktregionen" mit bis zu 3.000 Euro beim Kauf eines Hardware-Nachrüstsatzes unterstützen. Der Konzern kommt damit der Bundesregierung im Diesel-Streit entgegen. Daimler erklärte, die Nachrüstung müsse vom Kraftfahrt-Bundesamt zertifiziert und zugelassen werden und nachweislich von Fahrverboten ausgenommen sein. Schwerpunktregionen sind Städte, die von schlechter Luft besonders belastet sind, wie etwa Stuttgart, München oder Mainz.

"Wir haben mit den deutschen Herstellern ein konstruktives Ergebnis erzielt", sagte Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) nach einem Treffen mit Branchenvertretern in Berlin. Demnach will auch Volkswagen 3.000 Euro je Nachrüstung zahlen will. Der BMW-Konzern lehnt solche Hardware-Nachrüstungen allerdings weiter ab.

Aus Sicht des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer entsteht mit der angepeilten Lösung "ein Flickenteppich, es ist nicht Richtiges". Seit drei Jahren doktere man jetzt an den Problemen herum. Und da die Diesel von VW und Daimler nur rund 30 Prozent der Dieselfahrzeuge in Deutschland ausmachten, bliebe der große Rest von der Lösung weiterhin vollkommen unberücksichtigt, sagte Dudenhöffer im SWR-Hörfunk.

Harsche Kritik vom ADAC

Auch von Seiten des ADAC und aus der Opposition kommt teils harsche Kritik: Für den ADAC sollte laut Vizepräsident Ulrich Klaus Becker tatsächlich alle Hersteller jetzt Angebote zur Kostenübernahme von Hardware-Nachrüstungen machen. Es bleibe wichtig, "dass für Autofahrer, die sich trotz Umtauschprämien und Rabatten
kein neues Auto leisten können, eine technische Nachrüstung weiterhin die Chance bietet, trotz drohender Fahrverbote mobil zu bleiben und den Wertverlust ihrer Dieselautos aufzufangen", so der ADAC-Vize.

Hintergrund: Die Lage der Verbraucher

Durchfahrtsverbotsschild mit Aufschrift «Gilt für Diesel» (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
In vielen Städten drohen Fahrverbote, weil Schadstoff-Grenzwerte vor allem wegen Diesel-Abgasen überschritten werden. picture-alliance / dpa -

15 Millionen Diesel sind laut Kraftfahrt-Bundesamt auf deutschen Straßen unterwegs. 10 Millionen davon haben die Schadstoffklasse 5 oder schlechter. Für sie dürften in vielen deutschen Städten bald Fahrverbote gelten.

Für viele Autofahrer könnten technische Nachrüstungen deshalb die Lösung sein: Ein SRC-Katalysator und ein Harnstofftank sollen vor allem den Ausstoß der gefährlichen Stickoxide senken. Die Kosten dafür, rund 3.000 Euro, soll laut Verbraucherschützern die Autoindustrie übernehmen – bisher haben das allerdings nur Daimler und VW in Aussicht gestellt. Der Verbraucherzentrale Bundesverband sieht die Konzerne in der Pflicht, weil sie mit ihren Mogeleien die überhöhten Schadstoffwerte zu verantworten hätten.

Der Standpunkt der Autoindustrie

Im Motorraum eines Testfahrzeuges ist ein Bauteil zu sehen, das im Rahmen einer Diesel-Umrüstung eingebaut wurde. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Bislang weigern sich die Hersteller, die vollen Kosten für Diesel-Hardware-Nachrüstungen zu übernehmen, wie die Regierung es fordert. picture-alliance / dpa -

Die Hersteller sehen die Nachrüstungen auch weiterhin kritisch. VW und Daimler wollen die Kosten zwar übernehmen. Für die umgerüsteten Motoren haften wollen sie aber nicht. Kein unwichtiges Detail, schließlich fehlen Erfahrungswerte, wie sich die Umrüstungstechnik im Alltagsgebrauch auf die Motoren auswirkt. Andere Marken, wie BMW und sämtliche ausländische Hersteller, lehnen Nachrüstungen bislang vollständig ab.

Lieber sähen die Konzerne es ohnehin, wenn die Kunden statt umzurüsten die Umtauschprämien in Anspruch nähmen. Das sind Rabatte von bis zu 10.000 Euro, die sie den Dieselfahrern beim Kauf eines saubereren Autos gewähren. Das sorge schneller für saubere Luft - und sei durch den damit einhergehenden Flottenaustausch eine langfristige Lösung.

Die Positionen der Politik

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) winkt bei einem Pressetermin im Leipziger BMW-Werk. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hatte vor dem Treffen Bewegung von den Autoherstellern gefordert. Die Branche habe einen "riesigen Nachholbedarf", Vertrauen zurückzugewinnen und ihr Image zu verbessern. picture-alliance / dpa -

Die Bundesregierung sprach bei dem Thema lange Zeit nicht mit einer Stimme. Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) fordert von den Auto-Managern schon lange, die Kosten für die Umrüstungen zu übernehmen. Dasselbe gilt auch für die Fraktionen der Grünen und der Linkspartei im Bundestag.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer schlug sich bei der Frage dagegen lange auf die Seite der Konzerne, nannte Hardware-Nachrüstungen unwirtschaftlich und technisch nicht ausgereift. Erst kürzlich lenkte er ein: Die Autohersteller müssten sich bei der Nachrüstung für private Pkw bewegen, sagte Scheuer erst kurz vor dem neuerlichen Dieselgipfel. Nur so könne die Industrie verspieltes Vertrauen zurückgewinnen.

Aus Sicht von Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter geht das "Tricksen" ungeniert weiter: "Minister Scheuer und die Konzernbosse wollen den betrogenen Dieselbesitzern Neuwagen andrehen und verweigern ihnen die Nachrüstung um weitere Jahre." Damit seien viele weitere Fahrverbote in Städten mit dreckiger Luft vorprogrammiert.

Michael Herr, SWR Aktuelle Wirtschaft, mit Material von dpa | Online: Lutz Heyser

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