Multiresistente Keime bei Mensch und Tier Weniger Antibiotika und trotzdem Keime

In Deutschland hat sich die Menge an Antibiotika für die Tiermedizin seit 2011 mehr als halbiert. Keine Entwarnung: Das Risiko antibiotikaresistenter Bakterien etwa in Geflügelfleisch bleibt hoch.

In Deutschland hat sich die Menge an für die Tiermedizin abgegebenen Antibiotika seit 2011 mehr als halbiert. Das ergibt eine aktuelle Auswertung des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL).

Medikamenteneinsatz regional unterschiedlich

Demnach haben Pharmaindustrie und Großhändler letztes Jahr knapp 750 Tonnen Antibiotika an Tierärzte abgegeben - die diese Medikamente in der Regel anschließend bei Tieren einsetzen. Fünf Jahre zuvor waren es noch fast 1.000 Tonnen mehr. Besonders große Mengen gingen 2016 nach Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen - bekannte Hochburgen der Geflügel- und Schweinemast.

Im deutschen Südwesten werden weit weniger Tiere gehalten, entsprechend geringer ist der Antibiotika-Einsatz. Die meisten Antibiotika nahmen Tierärzte hier in den Gegenden von Heilbronn, Ulm und Friedrichshafen ab.

Regionale Zuordnung der Antibiotika-Abgabemengen 2016 (Foto: (Pressestelle) -)
Regionale Zuordnung der Antibiotika-Abgabemengen 2016 (Pressestelle) -

Antibiotika für Tiere und Menschen

Die deutschen Tierärzte decken sich auch mit Mitteln ein, die als Reserveantibiotika besonders wichtig sind für die Behandlung von Menschen, zum Beispiel mit sogenannten Fluorchinolonen. Deren Abgabemenge ist zwar zuletzt zurückgegangen, liegt aber immer noch leicht über dem Niveau von 2011 - seither werden die Daten erfasst. Sorge bereitet den Experten nach wie vor, dass der Therapieerfolg sowohl in der Human- wie auch in der Tiermedizin zunehmend durch das Auftreten antibiotikaresistenter Bakterien gefährdet wird.

Jede zweite Geflügelfleisch-Probe trägt antibiotikaresistente Keime

Gerade erst wurde bekannt: Im Jahr 2016 haben die deutschen Behörden in etwa jeder zweiten Probe von Hähnchen- und Putenfleisch antibiotikaresistente Keime gefunden - obwohl die Antibiotika-Abgabe in der Tiermedizin deutlich zurückgeht. Fragen an Stefanie Peyk, SWR Umwelt und Ernährung:

Wie passt das zusammen?

Das klingt tatsächlich widersprüchlich. Eine Erklärung könnte sein, dass es bei der Statistik zu den Antibiotika in der Tiermedizin nicht nur um Mittel für Geflügel geht, sondern um Mittel für alle Tiere. Also zum Beispiel auch um Antibiotika, die die Tierärzte für Schweine oder Rinder verordnen. Speziell in der Geflügelmast aber werden Antibiotika vergleichsweise häufig eingesetzt - darunter sind leider auch Mittel wie Fluorchinolone, die als Reserveantibiotika besonders wichtig sind für die Behandlung von Menschen.

Die Grünen argumentieren, die Antibiotika-Statistik täusche. Dass die Antibiotikamenge, in Tonnen gemessen, zurückgehe, liege daran, dass inzwischen verstärkt hochwirksame Antibiotika eingesetzt würden, bei denen nur noch ein Bruchteil der Menge gebraucht werde. Das würde bedeuten: Rein gewichtsmäßig setzen die Bauern nicht mehr so viel ein - trotzdem werden viele Tiere behandelt, und Resistenzen können sich auch weiterhin bilden.

Wie gefährlich sind diese Keime im Geflügelfleisch?

Die Keime, die entdeckt wurden, sind Bakterien wie sie oft auf der Haut oder im Darm vorkommen - sowohl bei Menschen als auch bei Tieren. Nur in diesem Fall sind sie leider auch noch resistent gegen Antibiotika. Die Keime müssen einen nicht krank machen. Aber falls jemand an einem resistenten Keim erkrankt, lässt sich die Krankheit nur schwer behandeln. Viele Keime sind sogar gleich gegen mehrere Antibiotika unempfindlich - da ist es schwierig, ein Medikament zu finden, das wirkt und hilft. Manche Keime mit Antibiotikaresistenz sind doppelt tückisch: Selbst wenn sie nicht direkt krank machen, können einige von ihnen ihre Resistenz-Eigenschaft an andere Keime weitergeben, und die bringen einen vielleicht ins Krankenhaus.

Wie kommen die antibiotikaresistenten Keime ins Fleisch?

Ganz einfach: Wenn Tiere mit Antibiotika behandelt werden, können Keime, die eh bei den Tieren vorkommen, Resistenzen entwickeln - also gegen Antibiotika unempfindlich werden. Die können sich am Ende auch im Fleisch finden.

Muss ich jetzt auf mein Putenschnitzel verzichten?

Nein, aber auf Küchenhygiene achten. Wer sein Fleisch gründlich erhitzt, also gut durchbrät, tötet dabei die Keime ab - auch solche mit Antibiotikaresistenz. Nur, nicht immer ist die Küchenhygiene so ganz hundertprozentig. Wenn ich rohes Geflügelfleisch angefasst habe, sollte ich mir gründlich die Hände mit Seife waschen, bevor ich etwa den Salat wasche. Sonst könnte ich Keime vom Fleisch auf den Salat übertragen - der wird ja nicht gekocht. So könnte ich mir über den Salat auch Geflügelkeime einfangen - auch solche mit einer Antibiotikaresistenz. Darum ist die Hygiene so wichtig!

Von Stefanie Peyk, SWR Umwelt und Ernährung | Online: Heidi Keller

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